Bei einem Massaker in zwei Dörfern im Westen Nigerias, in der Provinz Kwara, sind in der Nacht auf Mittwoch fast 180 Menschen ermordet worden. Die Suche nach Überlebenden läuft noch und es werden noch Menschen vermisst. Bewaffnete Kämpfer zerstörten Häuser und plünderten Läden. Präsident Bola Tinubu schreibt die Tat der dschihadistischen Gruppe Boko Haram zu. Deren Kämpfer hätten überwiegend muslimische Gemeindemitglieder getötet, welche die Indoktrinationsversuche der Gruppe abgelehnt hätten. Die freie Journalistin Bettina Rühl sagt, was von einem der brutalsten Übergriffe der letzten Zeit bisher bekannt ist.
SRF News: Islamistische Gruppen und Banden haben bisher vor allem im Norden ihr Unwesen getrieben. Das jüngste Massaker war im Westen. Was bedeutet das?
Bettina Rühl: Das hängt damit zusammen, dass eine schon lange im Osten aktive Splittergruppe von Boko Haram westwärts gezogen ist. Dies haben die Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Dörfer gemerkt und die Behörden gewarnt. Die Islamisten haben das mitbekommen. Ein nigerianischer Analyst spricht von Racheaktionen. So erklärt er auch die besondere Brutalität der Übergriffe, die zu den blutigsten der vergangenen Zeit gehören. Deshalb arbeiteten die an den Terror gewöhnten Menschen im Osten auch nicht mehr mit den Behörden zusammen, so der Analyst.
Tatsächlich ist die Armee im Kampf wenig effektiv.
Im Westen gibt es zudem schon lange bewaffnete kriminelle Gruppen, die mit ähnlichen Zielen operieren wie Boko Haram. Im aktuellen Fall scheint es sich aber tatsächlich um bewaffnete Islamisten gehandelt zu haben.
Was ist vom angekündigten Armeeeinsatz der Regierung gegen bewaffnete Islamisten zu halten?
Die Armee versucht seit vielen Jahren, gegen diese Gruppen vorzugehen. Entgegen den Behauptungen von US-Präsident Donald Trump hat sie das immer wieder versucht. Aber tatsächlich ist die Armee im Kampf wenig effektiv. Das liegt vor allem daran, dass sie nicht proaktiv ist. Entsprechend hat die Bevölkerung Angst, mit den Sicherheitskräften zu kooperieren, weil sie erfahrungsgemäss am Ende von der Armee nicht geschützt wird. Zudem sind viele Dörfer in sehr abgelegenen und grossen Gebieten. Da macht es kaum einen Unterschied, ob ein paar Dutzend Soldaten mehr oder weniger aufgeboten werden. Die Ankündigung der Regierung wird deshalb wenig ändern.
Einige christliche Gruppen begrüssten die US-Angriffe, aber es gab auch sehr viel Kritik von Menschenrechtlern und Sicherheitsexperten.
Am Weihnachtstag flogen die USA Luftangriffe auf mutmassliche IS-Stellungen in Nigeria. Mit welchen Auswirkungen?
Laut US-Militär wurden dabei mehrere Kämpfer getötet. Wie viele womöglich auch zivile Opfer es gab, ist nicht klar. Lokale Berichte sagen, dass einige Raketen möglicherweise nur Felder oder abgelegene Orte getroffen haben. Einige christliche Gruppen begrüssten die Angriffe, aber es gab auch sehr viel Kritik von Menschenrechtlern und Sicherheitsexperten. Sie betonen, dass die komplexen Sicherheitsprobleme mit solchen Angriffen nicht gelöst werden können.
Die US-Armee hat diese Woche bestätigt, dass sie ein kleines Team von Militärpersonal nach Nigeria entsandt hat zur Unterstützung der Terrorabwehr. Was ist darüber bekannt?
Die kleine Gruppe soll vor allem mithelfen, sicherheitsrelevante Informationen zu beschaffen. Der US-General machte deutlich, dass es nicht um eine Drohnenbasis gehe und auch nicht um starke oder gar dauerhafte Militärpräsenz der USA in Nigeria.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.