Fast neunzig Prozent des internationalen Handels erfolgen auf dem Seeweg. Die Freiheit der Meere ist nicht bloss bedeutsam, ohne sie ist die wirtschaftliche Globalisierung undenkbar. Doch seit der Blockierung der Strasse von Hormus gerät einiges in Bewegung.
Die Schifffahrtsrouten offenzuhalten, ist nicht nur eine völkerrechtliche Pflicht, es liegt im Interesse sämtlicher Staaten.
Irritiert äussert sich daher Arsenio Dominguez, der Generalsekretär der UNO-Schifffahrtsorganisation Imo, im chinesischen Sender CGTN: «An immer mehr Orten bedrohen Einschränkungen die Schifffahrt. Geopolitische Spannungen tragen erheblich dazu bei.»
Zurück zu Weg- und Durchfahrtszöllen?
Der Iran hat eben eine Behörde geschaffen, die «Persian Gulf Authority», und arbeitet an einem Mechanismus, um dauerhaft Durchfahrtszölle bei Hormus zu erheben. Angeblich verweigern westliche Reedereien solche erpresserischen Gebühren. Bloss: Wer weiss schon, ob das stimmt. China, Indien oder Pakistan haben Abkommen mit Teheran ausgehandelt. Gewiss nicht umsonst.
Doch selbst die mächtigste Seestreitkraft, die US-amerikanische, tut sich schwer, eine Meerenge wie jene von Hormus offenzuhalten.
Besonders asiatische Exportnationen fürchten nun ein Ende der jahrzehntelang freien Schifffahrt – und die Rückkehr der Jahrhunderte davor, als Wegzölle und Durchfahrtszölle üblich waren.
«Die Schifffahrtsrouten offenzuhalten, ist nicht nur eine völkerrechtliche Pflicht, es liegt im Interesse sämtlicher Staaten», warnte Singapurs Verteidigungsminister Chan Chun Sing vor wenigen Tagen auf dem Asien-Sicherheitsgipfel: «Unser Wohlstand, unser Handel, ja unser Überleben hängen davon ab», erklärte er dramatisch.
«Internationale Abkommen müssen respektiert werden», pflichtete ihm Mohamed Khaled bin Nordin, Verteidigungsminister von Malaysia, bei. Gemeint ist das UNO-Seerechtsabkommen Unclos. «Es schreibt die Freiheit der Meere und die unentgeltliche Durchfahrt durch Meerengen fest», betont sein philippinischer Amtskollege Gilberto Teodoro. Und Australiens Verteidigungschef Richard Marles sprach auf dem Sicherheitsgipfel von «der wirtschaftlichen Lebensader im gesamten indopazifische Raum».
Hormus als Negativ-Vorbild
Dass es dem Iran verblüffend leichtfiel, die Strasse von Hormus zu sperren und Geld für die Durchfahrt zu verlangen, könnte zum Negativ-Vorbild werden bei Meerengen, etwa in der Strasse von Malakka, jener von Gibraltar oder im Bosporus.
Die Sorge um die freie Schifffahrt ist gross. Weltweit.
Schon jetzt ist die freie Durchfahrt im Bab al-Mandab bei Jemen durch die Houthi-Milizen gefährdet. Vor Somalia sind plötzlich wieder die Seepiraten aktiv. Und China beansprucht das Südchinesische Meer als sein Territorium, obschon es eigentlich ein internationales Gewässer ist. Zulässig sind Durchfahrtszölle einzig bei künstlichen Wasserstrassen, etwa dem Suez- oder dem Panamakanal.
«Doch selbst die mächtigste Seestreitkraft, die US-amerikanische, tut sich schwer, eine Meerenge wie jene von Hormus offenzuhalten», sagt der Marineexperte Nick Childs vom Londoner Strategieinstitut IISS: «Offenkundig braucht es da mehr Vorkehrungen und Massnahmen, um die Freiheit der Meere tatsächlich durchzusetzen.»
Das Risiko bestehe, dass andere Länder unerfreuliche Schlüsse aus dem Vorgehen der Iraner zögen. Oder, wie es Professor Francesco Mancini von der National University of Singapore zusammenfasst: «Die Sorge um die freie Schifffahrt ist gross. Weltweit.»