Die Akten des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein geben weiterhin viel zu reden – auch in Grossbritannien. Nach kompromittierenden Fotos verlor Prinz Andrew seine königlichen Privilegien. Nun verlässt der ehemalige Botschafter in den USA, Peter Mandelson, die Labour-Partei. Er hat nicht nur an Epsteins Partys teilgenommen, sondern auch Geld angenommen.
Mandelson war dreissig Jahre im öffentlichen Dienst und gehört zur Aristokratie der Labour-Partei. Für die Partei und Premier Keir Starmer ist er nun zur grossen Belastung geworden. Die wichtigsten Antworten von Grossbritannien-Korrespondent Patrik Wülser.
Mandelson hatte Kontakt zu Epstein, das ist schon länger bekannt. Welche neuen Vorwürfe sind dazugekommen?
Bis jetzt war es eine peinliche und unangemessene Freundschaft mit einem verurteilten Sexualstraftäter: Mittlerweile besteht der Verdacht auf Korruption und Fehlverhalten in einem öffentlichen Amt. Mandelson soll von Epstein Geld erhalten haben – 75'000 Dollar –, auch wenn sich dieser nicht daran erinnern kann. Als Kabinettsminister soll Mandelson während der Bankenkrise 2009 seinem Freund Epstein vertrauliche Dokumente gemailt haben – Pläne zur Rettung der Banken, Gesetzesentwürfe zur Besteuerung von Boni von Bankern. Kurz: vertrauliche, systemrelevante Informationen, die für den britischen Premierminister bestimmt waren und nicht für einen US-Multimillionär.
Wie sehen die Konsequenzen für Mandelson aus?
Seinen Botschafterposten hat er bereits im September 2025 verloren. In der Nacht auf Montag ist er aus der Labour-Partei ausgetreten. Sein Weg im öffentlichen Leben ist zu Ende. Doch ein Amt hält er noch: Er ist Mitglied des Oberhauses. Die Regierung sucht gerade krampfhaft Wege, wie man ihn dort entfernen könnte, wenn er nicht selbst das Parlament verlässt. Eines ist aber bereits klar: Den Adelstitel Lord kann man ihm offenbar nicht entziehen. Das ist ein lebenslanger Ehrentitel, egal wie unehrenhaft man sich benimmt.
War die Personalie Mandelson ein Fehlentscheid des britischen Premierministers, der auf Labour zurückfällt?
Mandelson bringt die Labour-Regierung arg in Verlegenheit. Premierminister Keir Starmer hat Peter Mandelsohn vor gut einem Jahr zum britischen Botschafter in Washington ernannt. Bereits damals war bekannt, dass Mandelson ein Freund von Epstein war und in dessen Anwesen verkehrt hatte. Die Opposition stellt deshalb die berechtigte Frage nach dem politischen Urteilsvermögen von Starmer. Bis jetzt ist der Premierminister medial abgetaucht. Am Montag schickte er einen subalternen Minister ins Parlament, um einige ausweichende Sätze zu verlesen. Am Mittwoch wird das nicht mehr gehen. Der Premierminister wird sich, wie jede Woche, den Fragen der Opposition stellen – und das wird für ihn kein Spaziergang werden.
Werden weitere Enthüllungen befürchtet, die das Vertrauen in die Politik weiter erschüttern könnten?
In 5909 Epstein-Dokumenten soll der Name Mandelsohn vorkommen. Ich gehe davon aus, dass diese zurzeit von unzähligen Journalistinnen und Journalisten mikroskopisch untersucht werden. Weitere Enthüllungen sind absehbar. Schaden nimmt dabei nicht nur Starmer, sondern die Politik ganz allgemein. Im Gespräch mit Leuten ist zu spüren, dass ihr Vorurteil, dass Politikerinnen und Politiker verlogen und korrupt sind, bestätigt wird. Die Bilder von Peter Mandelson in Unterhosen sind deshalb nicht nur peinlich, sondern vergiften das wichtigste Kapital von Behörden und Politik: das Vertrauen.