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Aus Tagesschau vom 22.10.2019.
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Erdogan und Putin in Sotschi «Es ist eine Art politische Männerfreundschaft»

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan besuchte den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Sotschi. Bei dem Treffen – das achte in diesem Jahr – ging es hauptsächlich um die Situation in Nordsyrien. Die beiden stehen in dem Konflikt zwar auf gegnerischen Seiten. Aber SRF-Korrespondent David Nauer in Moskau weiss, dass sie dennoch viel verbindet.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Bisher standen Putin und Erdogan in Syrien auf gegnerischen Seiten. Die Türkei unterstützte die Rebellen, die gegen Baschar al-Assad kämpften. Russland hingegen unterstützte Assad. Hat sich das geändert?

David Nauer: Soweit man weiss, nicht. Der Kreml hält immer noch eisern an Assad fest und Erdogan – das hat man ja gerade kürzlich wieder gesehen – hält ebenfalls an seiner eigenen Agenda fest. Dieser Widerspruch bleibt bestehen. Aber dass Putin und Erdogan dennoch immer wieder miteinander reden – insgesamt ist es schon das achte Treffen in diesem Jahr – hat wohl damit zu tun, dass sie sich, so hört man in Moskau, einfach persönlich gut verstehen. Es ist eine Art politische Männerfreundschaft. Für Putin ist dieser Faktor sehr wichtig, wenn er mit einem anderen Staatschef zu tun hat.

Wie hat sich die Beziehung zwischen den beiden Männern verändert?

Das war eine ziemliche Achterbahnfahrt. Die Türkei 2015 hat einen russischen Kampfjet abgeschossen, der in Syrien im Einsatz war. Das war der absolute Tiefpunkt. Aus Moskau kamen sehr gehässige Worte, Sanktionen und Drohgebärden. Dann haben sich Putin und Erdogan aber irgendwie zusammengerauft. Das hat wohl damit zu tun, dass sie bei allen Differenzen in Syrien auch viele Gemeinsamkeiten haben.

Beide sind Staatschefs von Ländern, die einst grosse Imperien waren.

Beide sind Autokraten und Staatschefs von Ländern, die einst grosse Imperien waren und jetzt wieder an diese Tradition anknüpfen wollen. Kommt hinzu, dass sie einen gewissen Groll auf den Westen hegen. Man kann sagen, da haben sich zwei gefunden und sie geben sich Mühe, Differenzen zu überwinden.

Wie sieht die Politik aus, die der Kreml im Nahen Osten verfolgt?

Das ist eine bemerkenswerte Strategie. Es war zwar ziemlich waghalsig, dass die Russen 2015 in den Krieg in Syrien eingegriffen haben. Assad war damals massiv in Bedrängnis und die Russen haben ihn gerettet. Das hätte eigentlich auch schiefgehen können, ist es aber nicht.

Putin hat etwas gewagt und gewonnen. Andererseits sind die Russen aber auch sehr pragmatisch und berechenbar. Es fällt auf, dass sie mit allen wichtigen Akteuren der Region reden können: mit Assad und dem verbündeten Iran sowieso, aber auch mit der Türkei. Mit den Saudis hat Putin letzte Woche geredet. Man hat den Eindruck, die Russen suchen überall nach Gemeinsamkeiten.

Welche Position will Putin im Nahen Osten einnehmen?

Er will, dass Russland Einfluss hat, dass Russland mitentscheiden kann. Das ist Teil einer langfristigen russischen Strategie. Putin arbeitet schon seit vielen Jahren auf eine, wie er sagt, multipolare Welt hin. Als er im Jahr 2000 an die Macht kam, war die Rolle des Westens in der Welt überragend. Putin wollte das ändern. Er wollte eine Welt, in der es verschiedene Machtzentren gibt.

Die multipolare Welt hat sich im Nahen Osten für Moskau materialisiert.

Im Nahen Osten scheint ihm das jetzt eindeutig gelungen zu sein. Dort spielen jetzt die Türken, die Iraner, die Saudis und auch der Westen eine Rolle – aber eben auch die Russen. Und die Russen spielen bei weitem nicht die kleinste Rolle. Diese multipolare Welt hat sich im Nahen Osten für Moskau materialisiert. Allerdings hat diese neue Ordnung der Region selbst eigentlich kaum oder keine positiven Veränderungen gebracht, eher im Gegenteil.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Das tönt ja richtig gut. Also wenn Putin es fertig bringen sollte, dass die Kurden einen eigenen Staat erhalten, werde ich meine Meinung über den Mann gründlich ändern. Auch mit der multipolaren Welt bin ich der gleichen Meinung. Enge Bindungen von Diktaturen und Demokratien gibt nur Probleme. IDEOLOGISCH gleiche Machtblöcke könnten militärische und wirtschaftliche Kriege vermeiden. Dadurch würde der weltweite Handel merklich reduziert, was auch das Klima begrüssen würde.
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  • Kommentar von T. H. Isaak  (cuibono)
    "Allerdings hat diese neue Ordnung der Region selbst eigentlich kaum oder keine positiven Veränderungen gebracht, eher im Gegenteil."
    Es ist noch zu früh, über die ordnende Rolle der Russischen Föderation im Nahen Osten zu urteilen. Nach 16 Jahren von den USA gestiftetem Chaos kann man nicht erwarten, dass die Russen in 4 Jahren den Scherbenhaufen aufgeräumt haben. Zum Aufräumen werden im übrigen die Türkei, der Iran, China und die EU - sofern sie sich von den US-Stiefeln lösen kann - benötigt.
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  • Kommentar von R. Raphael  (R.Raphael)
    Es ist doch längst klar, dass der im Westen viel gescholtene Putin der Einzige ist, der mit Geduld, Weitsicht und Souveränität die Lage im nahen Osten beruhigen kann. Europa täte gut daran sich ihm anzuschliessen.Im Gegensatz zu den USA will er die Souveränität aller betroffenen Länder respektieren und keine Ölfelder angeblich beschützen ( ausplündern) wie die USA.
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    1. Antwort von S. Borel  (Vidocq)
      Soviel Verklärtheit auf ein mal? Putin, die Friedenstaube? Besteht für Sie der ganze nahe Osten aus Syrien? Putin ist nicht in Syrien einmarschiert, um „den nahen Osten“ zu befrieden, sondern lediglich um seine geo-politischen Interessen zu wahren, wie jede Grossmacht. Und dass er jetzt die Möglichkeit sieht, die Türkei aus der NATO auf „seine“ Seite zu ziehen ist auch sonnenklar. Alles, was schlecht für den Westen ist, ist gut für ihn. Um nichts anderes geht es hier.
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    2. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      es gibt keine politische Männerfreundschaft. Erdogan himmelt Putin
      wegen seiner Stärke und Ruhe an. Aber auch Putins Taktik ist nicht auf
      Erdogan aufgebaut, er sieht auch Vorteile für sich. Erdogan braucht einen
      Partner, nur Vorsicht lieber Erdogan, schon manche wurden wie heisse
      Kartoffeln fallen gelassen. Sobald erreicht wurde was man will, braucht
      es keine enge Freundschaft mehr.
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    3. Antwort von R. Raphael  (R.Raphael)
      @Borel. Die USA destabilisieren und führen illegale Kriege in der Golfregion seit Jahrzehnten, derweil sie lediglich Israel und erzwungenermassen Saudiarabien zu den Verbündeten zählen können. Russland hat hingegen gute Beziehungen zu Israel, Saudiarabien, Iran, Syrien und Qatar und der Türkei. Das wäre ohne Respekt für andere Staaten sowie Diplomatie und dem Willen zu friedlicher Koexistenz kaum möglich.
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