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Extremismusforscher Berlin ohne Strom: «Traue der Vulkangruppe den Anschlag zu»

Nach dem Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin sind noch immer Tausende Haushalte ohne Strom. Ein Bekennerschreiben der mutmasslich linksextremistischen Vulkangruppe liegt vor, der Verfassungsschutz prüft derzeit dessen Echtheit. Der Extremismusforscher Hendrik Hansen über die möglichen Täter, ihre Professionalität und die Rolle des Verfassungsschutzes.

Hendrik Hansen

Extremismusforscher

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Hendrik Hansen ist Professor für politischen Extremismus an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Berlin.

SRF News: Wer ist diese Gruppe «Vulkan»?

Hendrik Hansen: Wir kennen die Gruppe vor allem durch ihre Bekennerschreiben. Es ist unklar, ob es sich um eine oder mehrere Gruppen handelt. Der Name geht auf den isländischen Vulkanausbruch von 2010 zurück, der den Flugverkehr lahmgelegt hatte. Das hat die Gruppe inspiriert: Sie will mit Anschlägen das Leben in der industriellen Gesellschaft unterbrechen, so wie es damals der Vulkan geschafft hat.

Die Vulkangruppe ist bereit, sehr weit zu gehen.

Welche Anschläge hat die Gruppe bereits verübt?

Es sind Anschläge auf die kritische Infrastruktur, zumeist auf die Stromversorgung. 2018 gab es einen grösseren Anschlag auf ein Stromkabel unter einer Brücke in Berlin-Charlottenburg. Und im März 2024 bekannte sich die Gruppe zu dem Anschlag auf das Werk von Tesla in Brandenburg.

Ab 11 Uhr soll es wieder Strom geben in Berlin

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In Berlin soll es ab 11 Uhr wieder Strom geben. Das schreiben mehrere Lokalmedien unter Berufung auf Informationen aus der Senatskanzlei.

Es wird auch spekuliert, Russland könnte hinter dem jüngsten Anschlag in Berlin stecken. Halten Sie das für plausibel?

Ich traue der Vulkangruppe den Anschlag auf jeden Fall zu; sie ist bereit, sehr weit zu gehen. Gleichzeitig ist es absolut erforderlich, dass die Ermittlungsbehörden auch in Richtung eines russischen Sabotageakts ermitteln. In der öffentlichen Diskussion ist es aber verfrüht, davon zu sprechen, weil die Hinweise dafür zu spärlich sind. Es gibt zwar Auffälligkeiten im Bekennerschreiben, wie etwa eine falsche Schreibweise des US-Vizepräsidenten, die auf eine russische Herkunft hindeuten könnten. Aber solche Manifeste sind oft stilistisch schräg und voller Stilblüten.

Sie verstehen es, die Taten so zu verüben, dass sie am Tatort keine Spuren hinterlassen.

Die Vulkangruppe hat sich schon zu mehreren Anschlägen bekannt. Warum konnte noch nie jemand verhaftet werden?

Sie gehen sehr konspirativ vor und verstehen es, die Taten so zu verüben, dass sie am Tatort keine Spuren hinterlassen. Das zeigt, dass sie sehr professionell vorgehen. Sie haben gute Kenntnisse der Infrastruktur und sind in der Lage, grosse Schäden anzurichten.

Es geht nicht darum, sich auf den Linksextremismus zu fokussieren und den Rechtsextremismus zu vernachlässigen.

Der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat angekündigt, dass der Verfassungsschutz die linksextreme Szene und radikale Klimagruppierungen nun stärker überwachen wird. Finden Sie das richtig?

Ja, das ist ein gutes Signal. Es ist wichtig, dass die Politik und die Behörden in alle Richtungen schauen. Es geht nicht darum, sich auf den Linksextremismus zu fokussieren und den Rechtsextremismus zu vernachlässigen. Man darf das nicht gegeneinander ausspielen. Es braucht einen 360-Grad-Blick. In den letzten Jahren gab es oft das Signal, andere Formen des Extremismus seien wichtiger als der Linksextremismus. Insofern ist es richtig, dass sich Alexander Dobrindt dem Kurs seiner Vorgängerin entgegenstellt.

Handschriftliches Schild 'Geschlossen wegen Stromausfall' hinter Glastür.
Legende: «Geschlossen wegen Stromausfall» steht auf einem Zettel an einem Supermarkt am S-Bahnhof Zehlendorf in Berlin. Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben noch immer keinen Strom. KEYSTONE/DPA/JENS KALAENE

Sie kehren heute nach Berlin zurück, wo sie wohnen und arbeiten. Was erwarten Sie?

Das Problem sind die enorm niedrigen Temperaturen. Die Leute sind teilweise fassungslos, dass die Reparatur so lange dauert. Gleichzeitig gibt es eine grosse Welle der Hilfsbereitschaft. Das stimmt mich hoffnungsfroh. Die Fähigkeit einer Gesellschaft, in so einem Moment zusammenzuhalten, ist auch ein wichtiger Teil von Resilienz.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Tagesgespräch, 6.1.2026, 13 Uhr ; 

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