Zum Inhalt springen

Header

Audio
Frankreichs Hassliebe zu Grossbritannien
Aus Echo der Zeit vom 08.05.2021.
abspielen. Laufzeit 06:24 Minuten.
Inhalt

Fischerei-Streit in Jersey «Kein franko-britisches Problem, sondern ein Brexit-EU-Problem»

Gut vier Monate nach dem finalen Brexit liefern sich Grossbritannien und Frankreich vor der Insel Jersey eine Machtprobe erster Güte. Die Regierung der Insel Jersey, die zwar zur britischen Krone, aber nicht zum Vereinigten Königreich gehört, hatte kürzlich mehr als einem Dutzend französischer Fischer die Lizenz zum Fischen verweigert.

Als Vergeltung drohten die Franzosen zwischenzeitlich sogar, den Menschen auf Jersey den über ein Unterseekabel gelieferten Strom abzudrehen. Was ist los im Atlantik? Politikwissenschaftlerin Gisela Müller-Brandeck-Bocquet ordnet ein.

Gisela Müller-Brandeck-Bocquet

Box aufklappenBox zuklappen

Gisela Müller-Brandeck-Bocquet ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und hat die Professur für Europaforschung und Internationale Beziehungen an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg inne.

SRF News: Ist das Problem um Jersey ein Problem zwischen Grossbritannien und Frankreich – oder nicht etwa auch ein Problem zwischen Grossbritannien und der EU?

Gisela Müller-Brandeck-Bocquet: Frankreich hat sich nun mit entsprechenden Beschwerden an die Europäische Kommission gewandt. Die Kommission hat bereits zugesagt, dass sie dies mit London, beziehungsweise mit den teilweise unabhängigen Behörden Jerseys, zuerst klären wird. Es ist dezidiert kein franko-britisches Problem, sondern ein Brexit-EU-Problem.

Wurden beim Brexit schlussendlich wichtige Bereiche nicht festgehalten, über welche man nun stolpert?

Einerseits ja. Andererseits ist es so, dass Details, welche Fischer mit welchen Booten um die Insel Jersey fischen können, auch in einem reif ausgehandelten Vertrag nicht vorgekommen wären. Es ist nun aber bereits das zweite Mal, dass die Briten Dinge machen und erlassen, die über den Geist des Abkommens hinausgehen. Neulich war dies bereits bei den Grenzkontrollen zu Nordirland zu beobachten.

Welche Rolle spielt der eigenwillige Charakter des britischen Premiers Boris Johnson?

Das ist schwer einzuschätzen. Johnson hat sich aber bei den europäischen Staats- und Regierungschefs das Image eines nicht vertrauenswürdigen und nicht verlässlichen Partners eingehandelt.

Johnson hat sich bei den europäischen Staats- und Regierungschefs das Image eines nicht vertrauenswürdigen und nicht verlässlichen Partners eingehandelt.

Er war in der Endphase der Brexit-Verhandlungen sehr sprunghaft war und hat Dinge zugesagt, die er nicht wirklich verantworten kann, wie beispielsweise die Grenzregelung. Johnson geniesst kein Vertrauen und mithin wird auch die Bereitschaft, ihm entgegenzukommen, nicht sehr ausgeprägt sein.

Auf der anderen Seite haben wir ein Frankreich, das nun langsam mit dem Präsidentschaftswahlkampf anfängt. Es ist bekannt, dass die Fischerei und die Landwirtschaft in Frankreich sehr wichtig sind. Ist es auch unter diesem Aspekt zu sehen, dass Frankreich Stärke markieren möchte?

Das Ganze muss sehr wohl in das Vorfeld des Präsidentschaftswahlkampfs eingeordnet werden. Präsident Macron hat sich aber in dieser Sache noch nicht geäussert, sondern die Ministerin fürs Meer. Man muss aber ganz klar sehen: Landwirtschaft und Fischerei haben in Frankreich eher einen Symbolcharakter. Die Fischerei trägt bloss 0.04 Prozent zum BIP Frankreichs bei.

Kann man sagen, dass die Beziehung zwischen Grossbritannien und Frankreich nie einfach war und der Brexit ein Katalysator für diese Schwierigkeiten ist?

Das Verhältnis der beiden war immer sehr schwierig, insbesondere weil die Briten ein schwieriger Partner während ihrer gesamten EU-Mitgliedschaft waren.

Insofern ist niemandem geholfen, wenn nun Reminiszenzen an die jahrhunderte alte Rivalität zwischen Frankreich und Grossbritannien aufgewärmt werden.

Andererseits hat Frankreich bilaterale Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich, vor allem im Bereich der Sicherheit und Verteidigung. Insofern ist niemandem geholfen, wenn nun Reminiszenzen an die Jahrhunderte alte Rivalität zwischen Frankreich und Grossbritannien aufgewärmt werden.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Echo der Zeit, 8.5.2021, 18:00 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

16 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Was in EU Tatsache ist aber nicht sein darf: natürlich besteht Streit ziwschen französischen und englischen Fischern, das schon sehr lange, noch bevor es EU gab, die in 25 Jahren nichts zur Auflösung beigetragen hat, im Gegenteil, durch Ignorieren ihn unterschwehlig sogar hat Druck aufbauen lassen. Das schöngeredete Einheits-Europa der EU zerbröselt beim erstbestem Aufeinandertreffen der so vielen schwehlenden Konflikte in EU, sobald sie nicht mehr mit Subventionen zugedeckt werden.
  • Kommentar von Ramon Lopez  (Lopi)
    Frankreich ist EU Land. Betrifft es die EU so betrifft es Frankreich. Es gilt, alle oder keiner. Wollen die Briten Krieg mit der EU, heisst das mit Frankreich. Politisch die EU, ausführend ist es Frankreich. Das Imperiale gehabe der Briten muss eingedämmt werden! Ein Kanonenboot wird das andere auf den Plan rufen.
    1. Antwort von Walter Kern  (WalterKern)
      Muss man hier das Wort Krieg benützen?
  • Kommentar von Christoph Stadler  (stachri)
    Wie man nun sehr gut sehen kann, ist es nicht möglich mit der EU Verträge auszuhandeln, die alles eindeutig regeln. Während das UK nun mit der EU auf Augenhöhe verhandeln kann, könnte es die Schweiz nicht, weil in einem allfälligen Rahmenabkommen das EU-Hausgericht entscheiden würde...