Der Iran-Krieg hat Folgen weit über die Region hinaus, sagt Patricia Danzi, Chefin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Steigende Energie- und Lebensmittelpreise treiben die Menschen im globalen Süden in die Armut. Das trifft nicht nur die Ärmsten, sondern zunehmend auch die Mittelklasse.
SRF News: Was bedeutet der Krieg im Nahen Osten für die Menschen im globalen Süden?
Patricia Danzi: Die Preise steigen. In Ostafrika, aber auch in Ländern wie dem Libanon oder dem Sudan wird alles teurer. Das trifft die Ärmsten, aber zunehmend auch die Mittelklasse und kleine Unternehmen, die eigentlich nie auf humanitäre Hilfe angewiesen waren.
Warum trifft es einkommensschwache Länder stärker?
Sie haben keine Reserven und können keine Subventionen auszahlen, um die Preissteigerungen abzufedern. Wenn der Produktionspreis für Energie oder Dünger sofort steigt, lohnt es sich für viele nicht mehr, zu produzieren. Das hat schnell eine massive Auswirkung und kann zu mehr Migration führen.
Die Kämpfe gehen weiter. Wird die Schweiz ihre Soforthilfe aufstocken?
Wir sehen, dass die Krisen andauern und die Zahl der Vertriebenen steigt. Deshalb prüfen wir laufend, ob die Hilfe angepasst werden muss. Man kann damit rechnen, dass die Deza in den nächsten Wochen weitere Hilfspakete für verschiedene Regionen schnürt.
Fallen nun auch die reichen Golfstaaten als Geldgeber aus?
Das ist sehr zu befürchten. Die Golfstaaten sind wichtige neue Geldgeber, aber der Krieg trifft auch sie unerwartet. Es ist zu vermuten, dass sie mehr für Rüstung ausgeben und dadurch weniger Gelder für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen.
Was besonders zu denken gibt: Die Kindersterblichkeit bei unter Fünfjährigen ist zum ersten Mal seit über 15 Jahren wieder angestiegen.
Gleichzeitig ist die weltweite Entwicklungshilfe letztes Jahr so stark eingebrochen wie noch nie. Was bedeutet das konkret?
Es werden Leute sterben, weil es weniger Entwicklungshilfegelder gibt. Eine OECD-Studie zeigt, dass die grössten Geberländer alle gleichzeitig ihre Beiträge senken. Das gab es noch nie. Konkret fehlen die Gelder vor allem in den Sektoren Gesundheit, Bildung, Wasser und Ernährungssicherheit.
Gibt es bereits messbare Folgen?
Ja, die Zahl der Hungernden steigt wieder. Und was besonders zu denken gibt: Die Kindersterblichkeit bei unter Fünfjährigen ist zum ersten Mal seit über 15 Jahren wieder angestiegen. Das ist eine direkte und krasse Auswirkung der abrupten Budgetkürzungen.
Sie reisen in Kriegs- und Krisengebiete, sehen das Leid, und gleichzeitig werden die Budgets gekürzt. Wieso verzweifeln Sie nicht?
Weil es keine Option ist. Es gibt Situationen, in denen man an der Menschlichkeit zweifelt. Aber selbst in der verzweifeltsten Lage findet man immer auch Menschlichkeit. Man muss sich an dieser orientieren. Ich glaube daran: Wenn jeder in seinem Verantwortungsbereich das Bestmögliche tut, können wir dazu beitragen, dass es in eine menschenfreundliche Richtung läuft.
Das Gespräch führte David Karasek.