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Iranische Bevölkerung In der Schwebe zwischen Kriegsangst und Wirtschaftskrise

Die Waffenruhe hält bis anhin. Die Bevölkerung leidet aber unter der schweren Wirtschaftskrise und der Internetsperre.

Eine gewisse Normalität kehrt in den Iran zurück. Seit die Waffen vor drei Wochen schwiegen, trauen sich die Menschen wieder mehr auf die Strasse. In Teheran gibt es sogar wieder die allabendlichen Staus, die Cafés sind wieder voller, erzählt der 38-jährige Hamid (Name von der Redaktion geändert) über eine Sprachnachricht. «Wir gehen öfter aus als früher. Wir sitzen in Cafés und unterhalten uns – als wollten wir die Zeit ohne Angriffe voll ausnutzen.»

Menschenmenge auf einer belebten Strasse oder einem Markt.
Legende: Der Basar in Teheran ist wieder rege besucht. Reuters/Majid Asgaripour

Es ist der Versuch, nach Wochen der Anspannung durchzuatmen. Doch die Erleichterung ist trügerisch, denn die eigentlichen Sorgen sind für viele drängender als die Bedrohung durch ein Wiederaufflammen des Kriegs.

Die Internetsperre schmerzt mehr als die Kriegsangst

Hamid versucht, der Situation etwas Positives abzugewinnen. Die umfassende Internetsperre habe die Menschen wieder näher zusammengebracht, meint er. Doch als Mitarbeiter einer Technologiefirma droht ihm die Entlassung. Denn: Keine Internetverbindung bedeutet für ihn und unzählige andere keine Arbeit. «Viele Unternehmen haben bereits zahlreiche Mitarbeitende entlassen», berichtet er. «Anderen wurde der Arbeitsvertrag auf einen Monat befristet. Das macht viele nervös – auch mich.»

Die Preise sind in den letzten Wochen explodiert, Lebensmittel kosten mehr als das Doppelte.
Autor: Ärztin aus Teheran

Seine Angst ist exemplarisch für viele im Land. «Ganz ehrlich: Die Situation mit dem Internet beunruhigt mich mehr als ein erneuter Kriegsausbruch.» Eine funktionierende Verbindung ins Ausland ist zu einem Luxusgut geworden, das sich kaum jemand leisten kann.

Umgerechnet fünf Franken kostet es, für zwei bis drei Stunden in den sozialen Medien zu surfen – in einem Land, in dem gleichzeitig die Preise für Grundnahrungsmittel markant anstiegen.

Verarmung und Misstrauen gegenüber dem Westen

«Die Preise sind in den letzten Wochen explodiert, Lebensmittel kosten mehr als das Doppelte», berichtet eine Ärztin aus Teheran. Die Mittelschicht verarme zusehends. Selbst sie und ihr Mann, die als Ärzte eigentlich gut verdienen, fürchten, bald in finanzielle Nöte zu geraten. Wie es dem Grossteil der Bevölkerung geht, der schon vor der Krise kaum über die Runden kam, lässt sich von aussen nur erahnen.

Ich glaube nicht an eine dauerhafte Einigung, da das Vertrauen fehlt.
Autor: Reza Mann aus Teheran

Gleichzeitig ist das Misstrauen tief. Der Waffenruhe traut kaum jemand. «Die USA und Israel verfolgen ihre eigenen Interessen», meint eine Frau. «Sobald es diesen Interessen dient, werden sie den Krieg wieder aufnehmen.»

Auch die Hoffnung auf Hilfe aus dem Westen ist verflogen. US-Präsident Trump hatte nach der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar versprochen, der Bevölkerung zu helfen. «Ein Krieg, der mit der Bombardierung einer Schule beginnt, ist sicherlich keine ‹Hilfe›», sagt ein Mann bitter.  

Zwei Personen essen an einem Tisch im Freien.
Legende: Ein Paar isst auswärts in einem Restaurant in Teheran – trotz massiv gestiegener Preise. Keystone/Vahid Salemi

Auch mit Blick auf mögliche Verhandlungen sind viele konsterniert. Reza (Name von der Redaktion geändert) schreibt in einer Textnachricht, er glaube nicht an eine dauerhafte Einigung, da das Vertrauen fehle. So bleibt den Menschen im Iran nur, den Schwebezustand zwischen wirtschaftlicher Not und der Angst vor einem neuen Krieg auszuhalten.

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Rendez-vous, 30.4.2026, 12.30 Uhr;weds

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