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Flucht aus Hongkong
Aus Tagesschau vom 13.08.2020.
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Freiheit von Pekings Zwängen Raus aus Hongkong, um neu anzufangen

Seit Beginn der Massenproteste wollen immer mehr Hongkonger die Stadt verlassen. Wir haben zwei getroffen.

Norris Lo und Leo Chand sind ganz normale Hongkonger. Sie sind in der Stadt geboren und aufgewachsen. Jetzt wollen sie alles aufgeben – und nach Taiwan auswandern. «Wir sehen in Hongkong keine Zukunft mehr», sagt die 35-jährige Norris Lo. «Einerseits wegen der wirtschaftlichen, aber auch wegen der politischen Situation.»

Proteste prägen den Alltag in Hongkong

Sie und ihr Mann hätten schon länger über eine Auswanderung nachgedacht: «Der Lifestyle in Hongkong passt nicht mehr zu uns.» Die Stadt sei zu hektisch und vor allem zu teuer. Aber erst die Ereignisse im letzten Jahr hätten den Entscheid besiegelt. Beide haben durchaus Sympathie für die Demokratiebewegung, sind aber keine Aktivisten.

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Norris Lo: «Es ist absehbar, dass die Freiheit immer weiter eingeschränkt wird»
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Trotzdem prägen die Proteste den Alltag. «Wenn ich am Morgen aufwache, will ich nicht nachdenken müssen, was für ein T-Shirt ich anziehen kann», sagt Leo Chand. An einem Protesttag würde die Polizei alle, die Schwarz tragen, verhaften. «Ich habe nicht einmal die Freiheit, mein eigenes T-Shirt auszuwählen.»

Der 49-jährige News-Kameramann Leo Chand hat längst aufgehört, an den Protesten zu filmen. Eine Verhaftung würde seine Auswanderungspläne durchkreuzen: «Um nach Taiwan auswandern zu können, braucht es einen sauberen Leumund.»

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Leo Chand: «Ich habe nicht einmal die Freiheit, mein eigenes T-Shirt auszuwählen»
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Norris Lo ist Werberin: «Die Gesellschaft ist zweigeteilt. Ich muss mir gut überlegen, wo ich Werbung platziere.» Würde eine Marke zum Beispiel mit einem Peking-treuen Unternehmen zusammenarbeiten, müsse diese mit einem Boykottaufruf seitens der Demokratiebefürworter rechnen.

Jetzt will das Paar in Taiwan ganz neu anfangen. Norris Lo hat kürzlich ein Backdiplom gemacht. Ihren Job als Werberin will sie aufgeben und in Taiwan eine eigene Bäckerei eröffnen. Leo Chand will hinter den Tresen stehen und mit anpacken.

Anfragen für Strafregisterauszug verdoppelt

Zahlen, wie viele Menschen Hongkong verlassen wollen, gibt es nicht. Einen Hinweis liefert die Anzahl ausgestellter polizeilicher Führungszeugnisse. Zwischen 2018 und 2019 ist die Zahl der ausgestellten Zeugnisse um rund 40 Prozent auf 33'000 gestiegen.

Margaret Chau führt in Hongkong ein Beratungsbüro für Ausreisewillige. Auch sie spürt, dass immer mehr Hongkonger die Stadt verlassen wollen. Seit Beginn der Proteste letzten Sommer hat ihre Firma Goldmax Immigration mehr zu tun: «Die Zahl der Anfragen haben sich verdoppelt. Zurzeit erhalte ich rund 30 bis 40 pro Tag.»

Ein Jahr Proteste in Hongkong

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Am 9. Juni 2019 gehen in Hongkong zum ersten Mal eine Million Menschen auf die Strasse und demonstrieren gegen ein geplantes Auslieferungsgesetz. Das ist der Beginn der Massenproteste. Sie stürzen die ehemalige britische Kronkolonie in die bislang schwerste politische Krise seit ihrer Rückkehr zu China.

Im September zieht Hongkongs Regierung das umstrittene Gesetz zurück. Weitere Zugeständnisse wie politische Reformen lehnt sie ab. Es kommt immer wieder zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Polizei. Die Gewalt eskaliert zunehmend.

Im Frühling verliert Peking die Geduld. Am 28. Mai verabschiedet der nationale Volkskongress ein neues Sicherheitsgesetz für Hongkong. Es tritt am 1. Juli in Kraft und stellt Separatismus sowie Untergrabung der Staatsgewalt unter Strafe. Die Höchststrafe ist lebenslange Haft.

Presse- und Meinungsfreiheit sind zunehmend eingeschränkt. Unter anderem sind Flaggen mit der Forderung nach einer Unabhängigkeit Hongkongs verboten. Bereits am ersten Tag nach Inkrafttreten kommt es zu zehn Verhaftungen unter dem neuen Gesetz.

Englischsprachige Länder als Ausreiseziel beliebt

Hoch im Kurs seien englischsprachige Länder wie Kanada, Australien, die USA, Grossbritannien und Neuseeland. Aber auch Taiwan sei dank seiner kulturellen Nähe zu Hongkong sehr gefragt.

Immer wieder erhält Margaret Chau Anrufe von Klienten, die so schnell wie möglich die Stadt verlassen wollen. Diese muss sie enttäuschen: «Es gibt keinen schnellen legalen Weg.» Bis alle Papiere erledigt seien, könne es je nach Land Monate dauern. Hinzu komme, dass einige der Destinationen wie zum Beispiel Taiwan wegen der Corona-Pandemie nach wie vor die Grenzen geschlossen haben.

Run auf britische Immobilien

Nicht nur die Agentur in Hongkong spürt die vermehrte Nachfrage, auch in den Zielländern ist die Auswanderung spürbar. Etwa im fast 10’000 Kilometer entfernten Grossbritannien. Die Regierung hat kürzlich die Niederlassungsbedingungen für Hongkonger erleichtert.

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Alex Goldstein, Immobilienberater: «Einige haben es sehr eilig. Dann wird der Kauf in wenigen Tagen abgewickelt»
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Nun hat die Nachfrage aus Hongkong einen regelrechten Boom auf dem Immobilienmarkt ausgelöst, wie Immobilienberater Alex Goldstein erklärt: «Es sind Menschen mit grossen und kleineren Budgets, deshalb beschränkt sich die Nachfrage für Kaufobjekte nicht nur auf London, sondern beispielsweise auch auf Manchester oder York.»

In einigen Fällen musste der Kauf und Umzug innert weniger Tage abgewickelt werden: «Bei manchen war eine grosse Dringlichkeit zu spüren, offensichtlich wegen der politischen Lage», sagt Goldstein. Die britische Regierung schätzt, dass rund 200’000 Hongkonger übersiedeln werden.

Dem Haftbefehl entkommen

Nathan Law
Legende: Nathan Law gründete mit anderen Aktivisten die Partei Demosistō und setzte sich für eine Unabhängigkeit Hongkongs von China ein. Im Juni 2020 hat sich die Partei aufgelöst, nachdem das umstrittene Sicherheitsgesetz verabschiedet wurde. Keystone

Einer von ihnen ist der 27-jährige Aktivist Nathan Law. Mitte Juli hat er Hongkong verlassen und wohl keinen Tag zu spät, denn kurz darauf hat China einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Natürlich habe er Angst, sagt Nathan, aber er habe auch damit gerechnet: «Der kommunistischen Partei passt nicht, was ich tat und tue. Deshalb sind sie hinter mir her.»

Nathan Law gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Regenschirm-Revolution von 2014. 2016 gründete er mit anderen eine Partei und war kurz darauf der jüngste gewählte Abgeordnete im Stadtparlament. Wegen seines Engagements für ein demokratisches Hongkong wurde er festgenommen, doch später wieder frei gelassen.

Auch in London nicht sicher

Der jetzige Haftbefehl kann ihm eigentlich nichts anhaben, denn die britische Regierung hat ihr Auslieferungsabkommen mit Hongkong im Juli ausgesetzt. Der Arm der chinesischen Regierung ist lang. Spione oder Hacker könnten auch für Nathan ein Problem werden.

Deshalb will er beim Dreh mit SRF nicht zu lange und nicht auf einem belebten Platz gefilmt werden: «Wir wissen, wie stark Chinas Wirkungsweise sein kann. Darum bin ich wachsam, halte meinen Wohnort geheim und halte mich nicht zu lange an einem Ort auf.»

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Nathan Law: «Ich bleibe nie zu lange am gleichen Ort»
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Doch sein Engagement will der Student nicht aufgeben. Hongkong, wie er es kannte, gibt es nicht mehr, doch der Kampf für mehr Demokratie höre nicht auf. Deshalb ist Nathan in allen internationalen Medien mit seiner Botschaft präsent. Er ist überzeugt: «Wir müssen weiterhin in der ganzen Welt Hongkong zum Thema machen, nur so können wir Druck auf Chinas kommunistische Partei ausüben.»

Ende von «Ein Land, zwei Systeme»

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Seit der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie 1997 an China wurde Hongkong autonom mit eigenen Freiheitsrechten regiert. Aus Sicht von Kritikern bedeutet das Sicherheitsgesetz das Ende des seither verfolgten Grundsatzes «ein Land, zwei Systeme». Auch wird es als Verstoss gegen die völkerrechtlichen Verpflichtungen Chinas bei der Rückgabe Hongkongs betrachtet.

Tagesschau, 13.8.2020, 19.30 Uhr

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Grossrieder  (View)
    Die kulturelle Verschmelzung zwischen HKG und Mutterland war über 50 Jahre geplant und daran wird die PRC nichts ändern; auch wenn andere Kräfte das anders haben wollen. Z.B. zogen schon viele Hong Konger über die Grenze in die Pear River Economic Zone oder Shanghai usw., darunter etliche meiner früheren Arbeitskollegen. Laut ihnen lebt es sich da heut zutage billiger und genau so gut wie in HKG, welches sich tatsächlich ins Abseits hat spielen lassen. Szencheng z.B. hat HKG in manchem überholt
  • Kommentar von Achim Frill  (Africola)
    Die DDR hat uns vorgezeigt wie ein Staat, der seine Bürger nicht als Bürger, sondern per se als potentielle Verbrecher, Staatsfeinde, Regelbrecher und Aufwiegler sieht, langfristig keine Überlebenschance hat. Wenn China dieses Spiel noch weiter auf die Spitze treibt, wird es genauso wie Honnis Bauernstaat urplötzlich untergehen. Die Menschen des 21. Jahrhunderts lassen sich nicht endlos drangsalieren wie noch vor 100 oder 150 Jahren. Wird ein Limit überschritten, dann implodiert das System.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Achim Frill: Die chinesische Bevölkerung wird vom Regime gesteuert. Es kann sein, dass das irgendeinmal implodiert. Im Moment sieht es aber ganz und gar nicht danach aus. Und wenn es in China zu einem Aufstand käme, wäre das auch wieder gefährlich für die ganze Welt, denn was danach kommt, könnte noch schlimmer sein.
    2. Antwort von marc rist  (mcrist)
      @AF: Die DDR war in erster Linie ökonomisch am Anschlag und das war sie nicht erst seit 1989. Es empfiehlt sich hierzu ein interessantes, sachlich geführtes Interview mit Alexander Schalck-Golodkowski aus dem Jahre 1991, das im Internet abrufbar ist.
  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Schlimm ist wie stark die "Soft Power" von China inzwischen ist. Disney, NBA, Blizzard und andere grosse US Konzerne zensieren nach den Wünschen der KPC. Politiker wie Merkel sind Duckmäuse und halten sich mit Chinakritik zurück, nur aus Angst die heimische Wirtschaft könnte 1 Auto weniger nach China verkaufen. Und selbst als Cassis China sehr sehr sanft kritisierte, kam sofort eine Drohung aus Peking. Dieser Staat ist Europa gegenüber Feindlich eingestellt. Sehen wir es ein.
    1. Antwort von Aaron Nela  (Aaron11)
      Bis auf den letzten Satz stimme ich Ihnen komplet zu.
      Es ist Traurig mit anzusehen wie biegbar das Rückgrad von so manchen Firmen und Personen ist, trotz hochgehaltenen "Werten".
      Das China Europa gegenüber feindlich eingestellt ist glaube ich nicht.
      Sie wollen einfach, wie es eine aufstrebende Grossmacht macht, ihre Ziele durchboxen. Sie wollen wachsen und ihren Einflussbereich erweitern. China wird daher leider in den nächsten Jahren die Nationen Europas richtig gegeneinander ausspielen.
    2. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      @Aaron: China ist die Meinungs- und Redefreiheit in Europa ein Dorn im Auge. China stellt sich vor, die Welt im 21. Jahrhunder so wie die USA im 20. Jhd. zu Formen. In dieser Welt gibt es keinen Platz für Freiheit und Demokratie. Wie bitteschön soll also China einem Freiheitlichen und Demorkatischen Europa gegenüber nicht Feindlich eingestellt sein? Lesen Sie dazu den NZZ Artikel über das Thema, wie China sich eine Zukunft mit ihnen an der Spitze vorstellt.
    3. Antwort von Andre Mahr  (Andre M.)
      Ich sehe es wie Hr. Nela und gehe darüber hinaus. Wie eine Kolonialmacht ist China auf dem Vorzug nach Europa. Hier geht es nicht einfach nur um Daseinspräsenz oder gegeneinander Ausspielen der europ. Länder. Es geht hier glashart um Anspruch auf Machtbereich, Aufkauf von Industrien und Durchsetzung der chinesischen Diktatur auf dem europ. Kontinent. Nichts anderes ist der Sinn der 'one belt - on road' Strategie. Das Ergebnis sieht man in Italien: z.B. die grössten Häfen sind in chin. Hand.
    4. Antwort von Thomas Heimberg  (tomfly)
      Ich sehe es auch so wie A. Gasser und A.Mahr. Ich glaube auch die Sache ist gelaufen- die Welt wird in 20, 30 Jahren chinesisch sein, zu klein ist der Widerstand gegen diese undemokratische Machtübernahme. China kauft überall Firmen und Land auf. Irgendwann wird die wirtschaftliche Macht so gross sein, dass China uns die Arbeitsbedingungen, die Ethik und Moral diktieren kann. Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt demonstriert China ja heute schon. Ich hoffe auf Änderungen von innen.
    5. Antwort von Martin Hofer  (MartinSurfeu)
      Andre M/tomfly : Ist das Chinas Schuld, wenn Europa so naiv ist und neben der Industrie wichtige Seehäfen in Südeuropa verscherbelt hat? Die CH hatte unter anderem dem Verkauf von Swissport an die HNA Group auch zugestimmt.
      Nach dem Gratis KnowHow Transfer in der Produktion der 1980/90er Jahren erfolgt jetzt schon seit Jahren der billig Ausverkauf von allem, womit sich schnell Geld machen lässt. Möchte nicht wissen, wie viele Immobilien in Europa bereits zu China gehören.