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Trumps Spiel mit dem Feuer
Aus Echo der Zeit vom 07.01.2021.
abspielen. Laufzeit 11:58 Minuten.
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Gewalteskalation in Washington Der Leuchtturm der Demokratie gerät ins Wanken

Die Bilder werden so schnell nicht vergessen sein: Trump-Anhänger, die das Kapitol stürmen. Die ins Parlamentsgebäude eindringen, Trump-Fahnen schwenken, sich in Büros von Abgeordneten breit machen, die Füsse auf den Tisch legen und die Institution mit Füssen treten. SRF-Korrespondentin Isabelle Jacobi über einen Schock für die amerikanische Demokratie – mit hoffentlich heilsamer Wirkung.

Isabelle Jacobi

Isabelle Jacobi

USA-Korrespondentin, SRF

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Nach dem Studium in den USA und in Bern arbeitete Jacobi von 1999 bis 2005 bei Radio SRF. Danach war sie in New York als freie Journalistin tätig. 2008 kehrte sie zu SRF zurück, als Produzentin beim Echo der Zeit, und wurde 2012 Redaktionsleiterin. Seit Sommer 2017 ist Jacobi USA-Korrespondentin in Washington.

SRF News: Mit etwas Distanz zu den Ereignissen: Was ist in Washington passiert – war es ein Anschlag auf die Demokratie?

Ja, das war es. Wütende Randalierer stürmten das Parlament, um es daran zu hindern, die Wahl eines neuen Präsidenten zu bestätigen. Das ist ein klarer Anschlag auf die Demokratie. Auch, wenn er letztlich erfolglos blieb. Aber der Sturm auf das Kapitol schafft auch einen gefährlichen Präzedenzfall, die Aktion könnte Nachahmer finden. In anderen Parlamenten, lokal oder in anderen Ländern.

Die Mehrheit der republikanischen Wählerschaft will keinen Bürgerkrieg, von dem am Mittwoch viele Trump-Anhänger redeten, mit denen ich auf der Strasse sprach.

Es ist aber auch ein Warnsignal, das von einigen Kongressabgeordneten verstanden wurde. Als sie aus der Evakuierung im Untergeschoss des Kapitols zurückkamen, waren sie sichtlich gezeichnet vom Erlebnis. Es herrschte Einigkeit – so etwas darf nicht geschehen.

Ein Schock mit einer einenden Wirkung, sagen Sie. Woran machen Sie das fest?

Erstens stand der Mehrheitsführer im Senat ganz klar hin und sagte: Das lassen wir uns nicht gefallen. Das ist ein Angriff auf unsere Demokratie. Mehrere republikanische Abgeordnete liessen vom Vorhaben ab, gegen die Wahl von Joe Biden Einspruch zu erheben – auch wenn es dann doch acht Senatoren und fast 140 Abgeordnete taten.

Gilt das nur für die Politikerinnen und Politiker in Washington oder auch für die Basis?

Das ist schwierig festzustellen. Eine erste Umfrage zeigt, dass 45 Prozent der republikanischen Wählerinnen und Wähler durchaus Verständnis für den Angriff auf das Kapitol haben. Aber man muss solche Umfragen mit Vorsicht geniessen. Bei einer Mehrheit hat das Ereignis sicher Schrecken auslöst, auch dass sich Trump nicht klar vom Übergriff distanziert hat.

Trump-Schild vor dem Kapitol
Legende: Stunde 0 in Washington: Am Morgen nach der Erstürmung des Kapitols stehen die USA vor ungewissen Zeiten. Droht das Land an sich selbst zu verzweifeln? Keystone

Die Mehrheit der republikanischen Wählerschaft will keinen Bürgerkrieg, von dem am Mittwoch viele Trump-Anhänger redeten, mit denen ich auf der Strasse sprach. Sie will nicht Radau, sie will Wirtschaftsaufschwung und niedrige Steuern.

Millionen von Wählerinnen und Wählern fühlen sich betrogen und glauben nicht mehr an das Funktionieren der US-Demokratie. Nun haben sie zurückgeschlagen – und sie werden nicht verschwinden.

In den USA haben viele Menschen den Glauben an die Demokratie verloren. Wie kann es gelingen, diese wieder zu erreichen?

Trump hat eine Bewegung geschaffen, die im Kern anti-demokratisch ist, nicht gewillt ist, das Resultat einer legitimen Volkswahl zu akzeptieren. Die Anhänger glauben zutiefst, dass es Wahlbetrug gegeben hat – kein Gericht hat das gestützt, kein Bundesstaat, aber die Verschwörungstheorien sind für viele überzeugender als die Fakten.

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Das geschah beim Kapitol-Sturm
Aus SRF News vom 07.01.2021.
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Millionen von Wählerinnen und Wählern fühlen sich betrogen und glauben nicht mehr an das Funktionieren der US-Demokratie. Nun haben sie zurückgeschlagen – und sie werden nicht verschwinden, auch nicht ihr Anführer Trump. Der neue Präsident Joe Biden sieht es als seine Aufgabe an, die Seele der Nation zu retten, zu heilen. Aber so einfach wird das nicht. Man muss sich auf unruhige Jahre vorbereiten.

Noch ist Trump zwei Wochen im Amt. Werden es unberechenbare Tage?

Ja, vor allem fiebert man in Washington nicht gerade der Amtseinweihungsfeier von Präsident Joe Biden entgegen, respektive dem Zeremoniell. Denn weitere Proteste sind angekündigt – es ist zu hoffen, dass die Sicherheitslücken bis dann gelöst sind.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Echo der Zeit, 07.01.2021, 18 Uhr;

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54 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bombach  (RGB)
    Die USA mögen eine Demokratie sein, aber ein freiheitlicher Rechtsstaat sind sie nicht. Sie anerkennen nicht den Internationalen Strafgerichtshof und schliessen Kriegsverbrechen auf ihrer Seite prinzipiell aus. Sie teilen die Menschheit ein in Amerikaner, Menschen und feindliche Krieger. Erstgenannte haben mehr Rechte als andere, letztgenannte bekommen nicht mal die Menschenrechte zugestanden. Sie haben Geheimgesetze, Geheimgerichte und Geheimgefängnisse. Für sie gilt immer noch das Faustrecht.
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  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Leuchtturm der Demokratie?!? Das war anno 1776.
    Nur weil in einem knapp 250 Jahre alten Dokument mal ein paar grossartige Gedanken festgehalten wurden, ist das heute schon lange nicht mehr der Fall. die USA sind ein Staat in dem Nicht-Weisse auch heute noch ungleich behandelt und in ihren Rechten eingeschränkt werden. Wo ein Volksmehr noch lange keinen Wahlsieg bedeutet. Wir sollten uns ganz schnell von dieser Illusion befreien.
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  • Kommentar von Erich Deiss  (Erich Deiss)
    Ein Leuchtturm der Demokratie waren die USA auch vor Trump nicht.
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