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Erdogan schwächelt – mit der Hagia Sophia geht er auf Stimmenfang
Aus SRF 4 News aktuell vom 16.06.2020.
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Hagia Sophia bald Moschee? «Erdogan tritt die Flucht nach vorne an»

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan steht unter Druck: Seine Beliebtheit im Volk sinkt, gleichzeitig wird die Opposition stärker. Jetzt greift Erdogan in die Trickkiste, um wieder beliebter zu werden: Er will in Istanbul die ehemalige byzantinische Kirche und bekannte Sehenswürdigkeit Hagia Sophia in eine Moschee umwandeln. Türkei-Kenner Thomas Seibert sieht darin einen Hinweis, dass Erdogan vorzeitige Neuwahlen ansetzen und diese auch gewinnen will.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert , Link öffnet in einem neuen Fensterist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Was steckt hinter den Plänen Erdogans?

Thomas Seibert: Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist eine alte Forderung islamistischer Kreis in der Türkei. Bisher sperrte sich Erdogan dagegen, doch jetzt lässt er den rechtlichen Rahmen dafür prüfen. Seine Partei AKP hat für Juli entsprechende Schritte angekündigt.

Luftaufnahme der Hagia Sophia.
Legende: Erbaut als grösste Kirche des Christentums im 6. Jahrhundert, seit 1935 ein Museum: Jetzt soll die Hagia Sophia am Bosporus wieder eine Moschee werden. Keystone

Wie stark ist die Opposition gegen die Pläne, aus der ehemaligen Kirche erneut eine Moschee zu machen?

Viele Türken sind dagegen, darunter etwa der Bürgermeister Istanbuls, Ekrem Imamoglu von der CHP. Er sagt, die Türkei habe andere Sorgen, als sich jetzt um so etwas zu kümmern.

Viele Türken sind gegen eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Darunter ist auch der Bürgermeister von Istanbul.

Einsprüche kommen auch aus Griechenland oder von der armenischen Kirche. Im Juli wird nun zunächst das höchste Verwaltungsgericht seinen Entscheid bekannt geben, anschliessend wird wohl die Regierung tätig werden.

Hagia Sophia war bereits eine Moschee

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Hagia Sophia

Die Hagia Sophia wurde in der ersten Hälfte des 6. Jahrhundert n.Chr. als Kirche im byzantinischen Reich erbaut. Sie befindet sich im Istanbuler Stadtteil Eminönü, im europäischen Teil der Stadt praktisch direkt am Bosporus. Bis zum Bau des Petersdoms im Vatikan war sie die grösste Kirche des Christentums.

Im 15. Jahrhundert wurde sie in eine Moschee umgewandelt. So wurde sie zur bedeutendsten Moschee des Osmanischen Reichs. 1935 schliesslich wandelte Staatsgründer Kemal Atatürk die Hagia Sophia in ein Museum um. Heute ist sie zusammen mit der blauen Moschee und dem grossen Bazar von Istanbul mit der wichtigste Besuchermagnet der Stadt.

Wieso ändert Erdogan gerade jetzt seine Meinung und will aus der Hagia Sophia wieder eine Moschee machen?

Die Umfragewerte für Erdogan und seine rechtsnationalistische Partnerin MHP sind derzeit sehr schlecht. AKP und MHP hätten wohl keine Mehrheit, wenn jetzt gewählt würde. Grund ist vor allem die schlechte Wirtschaftslage. Erdogan denkt sich wohl, dass die Wirtschaftslage bis in drei Jahren, wenn der reguläre Wahltermin ansteht, kaum viel besser wird. Deshalb tritt er die Flucht nach vorne an und setzt zu vorgezogenen Neuwahlen an.

Erdogan setzt zu vorgezogenen Neuwahlen an.

Angeheizt werden diese Spekulationen durch Pläne der AKP, das Wahlrecht zu ändern. Das müsste man ja nicht jetzt tun, wenn man von Wahlen erst in drei Jahren ausginge. Hinzu kommt die Sache mit der Hagia Sophia, die vor allem islamistisch-nationalistische Kreise freuen würde.

Was haben Erdogan und seine Regierung bisher unternommen, um die Wirtschafts- und Währungskrise zu bekämpfen?

Die Regierung versucht vor allem mit billigen Krediten an Unternehmen und Private, den Konsum anzukurbeln. Doch die Konsumenten halten sich bislang zurück, Geld auszugeben. Sie trauen dem Braten nicht so richtig. Die Coronakrise hat die Türkei stark zurückgeworfen, denn das Land kam just aus einer Rezession heraus, als die Pandemie zuschlug. Deshalb steht es jetzt sehr schlecht um die Wirtschaft, auch der Tourismus liegt darnieder.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

SRF 4 News aktuell, 16.06.2020, 07:46 Uhr;

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Für mich ist die Türkei als Reiseland seit 2016 keine Option mehr. Erdogan verwandelt das Land in eine islamistisch geprägte Diktatur und schaffte den säkularen Rechtsstaat ab. Das Land ist nur noch ein Schatten dessen, was es einmal war. Solange Erdogan nicht gestürzt und der säkulare Rechtsstaat wiederhergestellt wird, bleibt es auf meiner persönlichen No-Go Liste.
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  • Kommentar von Urs Petermann  (Rhf)
    „Der ... Präsident ... steht unter Druck: Seine Beliebtheit im Volk sinkt ... Jetzt greift ... in die Trickkiste, um wieder beliebter zu werden. Heute steht der einleitende Text für die Türkei und Erdogan; morgen kann er aber auch für Trump oder Putin oder xy verwendet werden!
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    1. Antwort von Thomas Trefzer  (ttre)
      ..passte er schon gestern..
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  • Kommentar von James Klausner  (Harder11)
    Und die freigelegten Mosaike und Dekorationen aus Byzantinischer Zeit werden dann wieder zugespachtelt? Die heidnischen Runen-Grafitti aus dem 10. Jahrhundert aus dem Marmor geschliffen? Das Grab von Enrico Dandolo zerstört? Kulturgüter zugunsten Tagespolitik beschädigen? Nachdem bereits die Bauspekulanten die Altstadt zu einer Disney Kulisse verschandeln dürfen und ein ehrwürdiges Holzhaus nach dem anderen, ja ganze Strassenzüge unter Fake-Architektur verschwinden. Ich bin wütend!
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