In der Nacht auf Sonntag hat die ukrainische Hauptstadt Kiew eine der bisher massivsten Attacken Russlands erlebt – stundenlanger Alarm und Raketen, die kaum abzufangen waren. Das russische Aussenministerium hat bereits weitere Angriffe angekündigt. Wie die Stimmung aktuell in Kiew ist, erzählt der freie Journalist Denis Trubetskoy. Er lebt seit mehreren Jahren in Kiew.
SRF News: Wie ist die aktuelle Lage in Kiew?
Denis Trubetskoy: Es gehört leider seit fast viereinhalb Jahren zum Alltag dazu, dass man nach einem solchen Angriff aufsteht und zumindest versucht, das normale Leben weiterzuführen, soweit es geht. Ich würde sagen, das war der schwerste Angriff auf Kiew insgesamt in diesem Krieg. In allen Stadtteilen gab es am Sonntag Beschädigungen. Insofern war die Stimmung erst einmal bedrückt.
Der Angriff macht deutlich, dass der eigentliche Feind in Russland sitzt und innenpolitische Streitereien eine zweitrangige Rolle spielen.
Aber es gibt auch einen anderen Effekt: Es schweisst die Menschen ein wenig zusammen. Es macht ihnen wieder deutlich, dass der eigentliche Feind in Russland sitzt und innenpolitische Streitereien eine zweitrangige Rolle spielen.
Was ist ein Beispiel für diesen Zusammenhalt?
Ein junger Kerl, Yevhen heisst er, hat erst kürzlich ein kleines Café bei mir um die Ecke im Stadtteil Podil feierlich eröffnet. Am Sonntag wurde dieses kleine Café beinahe zerstört. Aber das hat diesen jungen Mann nicht daran gehindert, bereits am Morgen Gratis-Kaffee an die Bewohner, an die Polizisten und an die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes auszuschenken. Das war wirklich schön. Und noch schöner war die grosse Schlange vor dem Café am Abend, als die Menschen gekommen sind, um diesen Kleinunternehmer zu unterstützen. Diese Geschichte ging über die Ukraine hinaus viral. Und solche Beispiele gibt es reichlich.
Wie geht die Bevölkerung damit um, dass es noch schlimmer kommen könnte?
Von diesem letzten Angriff war ich persönlich betroffen. Ich muss jetzt Fenster reparieren, die Wohnung reinigen und so weiter. Das war kein Spass, sondern ich bin erst mal froh, unverletzt geblieben zu sein.
Kiew ist das lukrativste Ziel für russische Luftangriffe im Hinterland. Die Angriffe werden weitergehen.
Trotzdem musste ich über das Statement des russischen Aussenministeriums, Kiew weiterhin anzugreifen, ein bisschen lachen. Kiew hat gerade einen Winter erlebt, in dem man teilweise bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad tagelang ohne Strom und ohne Heizung auskommen musste. Kiew ist das lukrativste Ziel für russische Luftangriffe im Hinterland. Die Angriffe werden weitergehen. So viel hat sich durch diese Ansage also eigentlich aus Kiewer Perspektive nicht verändert.
Wie bereitet sich die ukrainische Regierung auf diese Angriffe vor?
Dieser Sonntag hat gezeigt, wie schnell der Katastrophenschutz und die Polizei reagieren und die Infrastruktur bereitsteht, um Folgen solcher Angriffe zu beseitigen. Da hat die Ukraine leider enorme Erfahrungen.
Was super gefährlich ist, sind die ballistischen Raketen Russlands, die fast nur vom US-System Patriot abgefangen werden können.
Aber es geht hier in erster Linie um die Flugabwehr. Angriffe von Langstreckendrohnen und klassischen Marschflugkörpern kann die Ukraine halbwegs bewältigen. Was allerdings super gefährlich ist, sind die ballistischen Raketen Russlands, die fast nur vom US-System Patriot abgefangen werden können. Diese Vorräte sind klein. Die internationale Lage ist wegen der Politik Trumps schwierig. Genau das versucht Russland zu nutzen. Für die Ukraine ist das eine Frage der Diplomatie, um zu schauen, was es in Europa noch an Abwehrraketen gibt. Aber es geht auch darum, selbst geeignete Flugabwehr zu entwickeln. Das Problem ist allerdings: All das braucht viel Zeit und viel Geld.
Das Gespräch führte Vera Deragisch.