Die Front im Ukraine-Krieg ist wieder in Bewegung geraten. Nach Monaten zäher Kämpfe meldet Kiew neue Geländegewinne. Gleichzeitig intensiviert die Ukraine ihre Strategie, Russlands Kriegsmaschinerie auch jenseits der Front zu schwächen – mit gezielten Angriffen auf Öllager und militärische Infrastruktur. Während Moskau an einigen Abschnitten in die Defensive gerät, reagiert es mit verstärkten Luftangriffen auf ukrainische Städte. Deutet sich eine neue Phase des Krieges an? Einschätzungen der Auslandkorrespondentin.
Was sind die jüngsten Entwicklungen an der Front?
Die Ukraine hat Gebiete bei der umkämpften Stadt Kostjantyniwka und in der Region Saporischja erobert. Das ist das Ergebnis von monatelangen Gegenangriffen. Kiew meldet Geländegewinne von über 500 Quadratkilometern seit Jahresbeginn. Es sind die grössten Geländegewinne der ukrainischen Streitkräfte seit ihrem Vorstoss in der russischen Region Kursk im Sommer 2024.
Wie sind die ukrainischen Geländegewinne einzuschätzen?
Aktuell sieht es danach aus, als würde die Ukraine die Oberhand gewinnen, wenn es um taktische Vorstösse geht. Die russischen Streitkräfte sind gerade in der Region Saporischja vermehrt in der Defensive. Die russische Offensive ist zudem nahezu zum Erliegen gekommen, auch wenn sie im Donbass noch kleine Geländegewinne machen. Das liegt vor allem daran, dass die Ukraine an der Front vermehrt Drohnen gegen russische Stellungen einsetzt. Der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrski hat erklärt, das Ziel sei, die russischen Truppenbestände kontinuierlich zu dezimieren. Durch solche Drohneneinsätze lägen die Verluste auf russischer Seite allein in diesem Monat bei rund 20'000 Mann.
Welche Strategie verfolgt Kiew mit seinen Angriffen auf russische Öllager?
Primär geht es um die russische Kriegslogistik. Raffinerien und Treibstofflager versorgen die russische Armee und ihre Transportnetzwerke mit dem nötigen Treibstoff. Wenn Anlagen ausfallen oder Reparaturen nötig werden, steigen Transportkosten und Engpässe entstehen. Das hat einen direkten Einfluss auf militärische Operationen und hat die jüngsten ukrainischen Vorstösse wahrscheinlich unterstützt. Zweitens geht es natürlich auch darum, die russischen Einnahmen aus Öl- und Energieexporten zu senken.
Wie reagiert Russland auf die jüngsten Entwicklungen?
In russischen Regionen mit häufigen Drohnenangriffen wurden Bürger und Medien ausdrücklich aufgefordert, keine Videos von Einschlägen, Luftabwehr oder Raffineriebränden zu veröffentlichen, weil dies angeblich dem Gegner bei Zielkorrekturen helfe. Der russischen Regierung geht es hierbei aber auch darum, das Narrativ zu kontrollieren und die tatsächlichen Schäden vor der Bevölkerung kleinzureden. Wegen den ukrainischen Drohnenangriffen auf russisches Territorium und auch weil es auf dem Schlachtfeld momentan nicht gut läuft, greift Russland dafür wieder öfter Grossstädte wie Kiew oder Odessa aus der Luft an.