In Russland herrsche eine HIV-Epidemie, sagt Alexei Lachow, langjähriger Berater von HIV-Programmen in Russland. Lachow, der auch mit der UNO zusammenarbeitet, lebt heute in Deutschland. «Man sieht einen Rückgang, aber in absoluten Zahlen ist die Lage sehr, sehr schlecht.»
Russlands HIV-Zahlen sind die schlechtesten in ganz Europa: 2024 wurden laut dem russischen Gesundheitsministerium knapp 50'000 Neuinfektionen registriert. Mehr als eine Million Russinnen und Russen leben mit dem Virus – fast 1 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Die Epidemie begann mit der Heroinkrise der 1990er-Jahre. Drogenabhängige wurden vom Gesundheitssystem meist vernachlässigt, bis heute sind sie eher Sache der Polizei. Rund ein Drittel aller Häftlinge in Russland sitzt wegen Drogenbesitzes.
Anstieg um das 40-Fache
Für den Krieg gegen die Ukraine hat die Armee Zehntausende Häftlinge rekrutiert. Auch bei der Mobilmachung von 2022 dürften HIV-positive Männer eingezogen worden sein. Mit Folgen: In nur einem Jahr stieg die Zahl der HIV-positiven Soldaten in der Armee um das 40-Fache, schrieben russische Ärzte in einer militärmedizinischen Zeitschrift.
Eigentlich gelten HIV-Infizierte für die Armee als untauglich. Aber weil Russland Soldaten braucht, schaut man nicht so genau hin.
Ein rasanter Anstieg der Infektionen bedeute noch keinen breiten Ausbruch, sagt der Experte Alexei Lachow. Doch es gebe andere beunruhigende Anzeichen. «Eigentlich gelten HIV-Infizierte für die Armee als untauglich. Aber weil Russland Soldaten braucht, schaut man nicht so genau hin. Einige Männer dürften ihre Infektion verheimlichen, weil man als Soldat viel Geld verdient. Und viele Infizierte in Russland wissen nichts von ihrem Status. Es ist eine Kombination von Faktoren, aber die Lage ist besorgniserregend.»
Auch im Kampfgebiet kommt es zu Drogenkonsum oder ungeschütztem Sex. All das lässt die Infektionszahlen an der Front steigen.
An der Front selbst gebe es verschiedene Übertragungsrisiken, sagt Lachow. «Das hängt mit Bluttransfusionen und dem Mangel an sterilen Instrumenten zusammen – mit der Wiederverwendung von Spritzen, Skalpellen oder Kathetern. Und auch im Kampfgebiet kommt es zu Drogenkonsum oder ungeschütztem Sex. All das lässt die Infektionszahlen an der Front steigen.»
Gebrauchte Spritzen im Krieg
Laut unabhängigen russischen Medien kommt die Verwendung von gebrauchten Spritzen in der Armee tatsächlich vor. Gegenüber der «Nowaja Gaseta» berichteten zwei Feldärzte, in hektischen Kampfsituationen seien Hygienevorschriften kaum einzuhalten. Zudem zeigt eine Recherche des Exilmediums «Wjorstka», dass Prostitution in den besetzten Gebieten der Ukraine weit verbreitet ist. Sexarbeiterinnen reisten bis in die Kampfzone, um russische Soldaten zu bedienen.
Auch wenn der HIV-Ausbruch in der Armee kleiner sein sollte als befürchtet: Ein Ende des Krieges und die Rückkehr von vielen infizierten Soldaten könnten das russische Gesundheitssystem stark belasten, glaubt Lachow.
«Schon jetzt sehen wir Engpässe bei Medikamenten und Tests. Die Regierung hat das Budget dafür erhöht, aber die Zahl der neuen Fälle bringt das Gesundheitswesen schon jetzt ans Limit.»
Gesundheitsversorgung unter Druck
Die Budgeterhöhung wirkt ohnehin symbolisch: Hilfswerke für HIV-Prävention berichten, sie stünden kurz vor der Schliessung, weil die Finanzierung versiegt sei. Viele NGOs, etwa die Elton John AIDS Foundation, haben Russland verlassen, nachdem sie von den Behörden als «ausländische Agenten» gebrandmarkt wurden.
Zugunsten der Repression und der Finanzierung der Rüstungsindustrie gerät die Gesundheitsversorgung unter Druck – noch etwas, was Russland seinem Krieg opfert.