«Ich hab mir die Frage nie gestellt, ob der Krieg gerecht ist oder nicht. Ich dachte nur daran, dass ich freikomme», sagt Jaroslaw. Er ist einer von geschätzt über einer Million Soldaten, die Russland seit 2022 in seinen Krieg gegen die Ukraine geschickt hat. Wie viele russische Kämpfer wurde er aus dem Gefängnis rekrutiert, mit dem Versprechen, nach sechs Monaten an der Front begnadigt zu werden.
Vom Arbeitslager in den Krieg
Jaroslaw ist nicht sein richtiger Name. Er bittet um Anonymität, bevor er seine Geschichte erzählt. Sie beginnt im Winter 2021, als er wegen eines Drogendelikts zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wird. Der 26-Jährige kommt in ein Arbeitslager im Nordwesten Russlands.
Vom Beginn des Krieges gegen die Ukraine erfährt Jaroslaw im Gefängnisradio. Kurz darauf erscheinen Männer im Lager, die Häftlinge für die Armee rekrutieren wollen und ihnen dafür die Freiheit versprechen. Jaroslaw sagt, er habe versucht, seinen Mitinsassen den Kriegsdienst auszureden: «Was fährst du in diesen Scheisskrieg, damit du sofort draufgehst? Aber ohne Erfolg.»
Er bittet die abreisenden Rekruten, im Fall ihrer Rückkehr seine Mutter anzurufen. Ein Jahr lang führt er Buch über die Überlebenden.
Irgendwann wird Jaroslaw klar, dass er aus dem Gefängnis raus muss – vor allem, weil er dort vom Geld seiner Mutter lebt: «Ich wollte sie nicht mehr belasten. Und die Zahl der Überlebenden sagte mir, dass es eine Chance gab.» Jaroslaw unterschreibt das Papier, das man ihm vorlegt. Schon bald ist er in der Ostukraine.
Verwüstete Städte, schweigende Zivilisten
Davor hat er sich mit dem Sinn des Krieges nicht befasst. Doch an der Front ist er mit der Zerstörung konfrontiert, die Russland im Nachbarland anrichtet. «Was ich da sah, hätte ich nie erwartet», sagt er. «Plattenbauten und Tankstellen genau wie bei uns in Russland, total verwüstet.» Die Einheimischen schweigen vor den russischen Soldaten. Jaroslaws Kompaniechef warnt seine Männer davor, von den ukrainischen Zivilisten Essen anzunehmen – es könne vergiftet sein. «Mir wurde klar, was das alles für ein Scheiss war», flucht Jaroslaw.
Nach wenigen Wochen wird er von Granatsplittern getroffen und zurück nach Russland gebracht. Das Versprechen, den einstigen Häftling zu begnadigen, halten die Behörden. Doch ansonsten ist Jaroslaw auf sich allein gestellt. Er geht an Krücken, sein verwundetes Bein verheilt nur langsam. «Ich bin aufs Sozialamt, zu den Militärbehörden. Ich wollte kein Geld, ich brauchte Hilfe mit meinem Bein. Die haben nur mit den Schultern gezuckt.»
Über 160'000 russische Soldaten sind nachweislich in der Ukraine getötet worden – das haben die BBC und das russische unabhängige Medium Mediazona belegen können. Laut Schätzungen kehren hunderttausende Überlebende bereits jetzt ins zivile Leben zurück. Wladimir Putin und seine Staatsmedien sprechen ständig von den sogenannten «Helden der Spezialoperation». Diese hätten Achtung verdient, sie könnten gar zu einer neuen Elite im Land werden, sagt Putin.
Doch davon merkt Jaroslaw wenig: «Ich war beim staatlichen Hilfswerk, das extra für Ukraine-Kämpfer gegründet wurde. Sie schlugen mir vor, in der Rüstungsfabrik Granaten herzustellen für 350 Euro im Monat. Ich halte mich nicht für irgendeinen Scheisshelden, aber das war eine Beleidigung.»
Zu Soldaten mit einem lukrativen Armeevertrag steht die Bevölkerung verhalten negativ, weil man sie im Prinzip als Söldner sieht.
Es gibt viele Medienberichte darüber, dass die versprochenen Gelder und die versprochene Hilfe für Kriegsrückkehrer oft ausbleiben. Dabei ist Geld ein Schlüsselelement der russischen Rekrutierungskampagne. Vor dem Krieg verdiente ein Berufssoldat weniger als das russische Durchschnittsgehalt von etwa 580 Franken. Ukraine-Kämpfer erhalten heute monatlich fast das Vierfache.
Doch wegen Sanktionen und eines tiefen Ölpreises gehen die Einnahmen des russischen Staats zurück. Einige Regionen haben die Prämien für neue Rekruten jüngst testweise drastisch gekürzt.
Fehlender Respekt
Viele Veteranen beklagen auch den fehlenden Respekt in der Bevölkerung. Und tatsächlich sei die Haltung zu ihnen ambivalent, sagt der Meinungsforscher Lew Gudkow. Der Kreml brandmarkt ihn und sein Forschungsinstitut Lewada schon lange als «ausländische Agenten». Trotzdem führt das Institut seine Forschung fort.
Zwar äusserten die vielen kremltreuen Bürgerinnen und Bürger Respekt für die Veteranen, so Gudkow. Doch nicht alle diese würden gleich betrachtet. Als Patrioten sehe man vor allem die Freiwilligen und die Einberufenen. «Die Männer aber, die im Gefängnis rekrutiert wurden, haben ein schlechtes Image, man hat Angst vor ihnen», sagt Gudkow. «Und zu jenen mit einem lukrativen Armeevertrag steht man verhalten negativ, weil man sie im Prinzip als Söldner sieht. Sie töten des Geldes wegen.»
Die fehlende Wertschätzung der Zivilbevölkerung und der Mangel an beruflichen Perspektiven könnten bei den Veteranen für Missmut sorgen und zu sozialen Spannungen führen, sagt der Soziologe.
«Weitermachen bis zum Sieg»
Denn anders als Jaroslaw glauben viele Veteranen noch an die Richtigkeit ihres Einsatzes in der Ukraine. Juri ist eine Erfolgsgeschichte unter den zurückgekehrten Kämpfern: Dass er an der Front seinen rechten Unterschenkel verloren hat, merkt man ihm nicht an. Auf seiner Beinprothese tanzt er, läuft Marathon, und er ist Teil eines Förderprogramms, das Veteranen zu Beamten ausbilden soll – also zur neuen Elite.
Es ging darum, die Heimat zu verteidigen.
Als der Krieg beginnt, weiss der IT-Fachmann, 46, was er tun muss. Für ihn hat in der Ukraine und in Europa «der Faschismus wieder sein Haupt erhoben»: «Es ging darum, die Heimat zu verteidigen.» Juri meldet sich als Freiwilliger bei der Armee. Nach drei Monaten an der Front tritt er auf eine Mine. Er kriecht stundenlang zurück zur russischen Stellung und wird evakuiert.
Seine erfolgreiche Rehabilitation habe er seiner Willenskraft zu verdanken, ist er überzeugt. Wer nach der Amputation etwa an Phantomschmerzen leide, habe seine Verwundung einfach nicht akzeptiert. «Manche Leute wollen ein erfülltes Leben führen, andere möchten, dass alle mit ihnen Mitleid haben.»
Selbstmitleid sieht Juri auch bei den Veteranen, die psychische Probleme haben. «Was passiert ist, ist passiert. Da kann man jetzt nichts mehr machen. Im Leben gibt es noch andere Dinge, deine Familie, deine Kinder. Hast du eine Frau, dann kümmere dich um sie. Warum immer nur an den Krieg denken?»
Juri selbst hat keine Familie. Und er wäre gerne zurück an die Front. Mit seiner Prothese hat er sich beim Rekrutierungsamt gemeldet, wurde jedoch abgewiesen. Er würde sich wieder melden, sagt er. «Wir müssen weitermachen bis zum Sieg. Die Verbrecher in der Ukraine müssen vor Gericht, und die Nato muss zurück an die Grenzen von 1997» – also ohne Polen, Tschechien, Baltikum. Für Juri ist das das Minimalziel.
Zurück bleibt nur der Hass
In der russischen Bevölkerung aber schwindet allmählich der Glaube an den Sieg. Zwar unterstützt eine grosse Mehrheit der Befragten den Krieg und fordert die Kapitulation der Ukraine, sagt der Soziologe Lew Gudkow. Dennoch wünschten sich zwei Drittel gleichzeitig ein Ende der Kämpfe und Friedensverhandlungen.
Ich habe gesehen, was es heisst, die ‹Ukraine zu befreien›. Alles plattmachen, bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt.
Das Gefühl, der Krieg steckt in einer Sackgasse, breite sich aus, sagt Gudkow. Genauso wie Zweifel an dessen Sinn: «Kaum jemand sagt noch, dass es um die Verteidigung von Russen im Donbass gehe», so der Meinungsforscher. «Inzwischen kommt ein vages Gefühl auf, dass der Krieg vielleicht auch ungerechtfertigt ist. Viele haben gemerkt, wie stark sich die Ukraine wehrt.» Auch das beeinflusse das Bild, das die Menschen von den Soldaten hätten.
2025 ist die russische Armee zwar vorangekommen, hat aber insgesamt weniger als ein Prozent der Ukraine eingenommen. Wie werden die vielen traumatisierten und verstümmelten Veteranen reagieren, wenn die Kriegsziele unerreicht bleiben? Wenn der Staat sie im Stich lässt und die Menschen, die sie zu verteidigen glaubten, sie nicht als Helden sehen? Das sind Fragen, mit denen sich der Kreml wird beschäftigen müssen. Aber noch zieht er es vor, weiterhin jeden Tag tausende Männer in den Kampf zu schicken.
Jaroslaw, der Ex-Häftling, hat Russland mittlerweile verlassen. All seine Kameraden, die überlebt hätten, seien zurück an die Front. «Ich habe gesehen, was es heisst, die ‹Ukraine zu befreien›», erklärt er. «Alles plattmachen, bis kein Stein mehr auf dem anderen liegt.»
Für Russland, sagt Jaroslaw, habe er keine positiven Gefühle mehr. «Ich will, dass der Krieg endet, aber das kann nicht gut enden. Mit den Ukrainern haben wir es endgültig verbockt. Die werden uns Russen für immer hassen.»