Bevor sie Politikerin wurde, war Silvia Salis Sportfunktionärin und Athletin. Sie war eine «campionessa» im Hammerwurf. Dazu sagt Salis im Interview: «Ich könnte heute keinen Hammer mehr werfen, ich bin im Ruhestand.» Sportlich mag dies zutreffen, doch politisch legte Silvia Salis in den letzten Monaten einen bemerkenswerten Aufstieg hin.
Eine breite Koalition geschmiedet
Vor knapp einem Jahr wurde sie zur Bürgermeisterin von Italiens sechstgrösster Stadt, Genua, gewählt. Dort stützt sie sich auf eine breite Koalition links der Mitte, die von Zentristen bis zu Ex-Kommunisten das gesamte oppositionelle Spektrum umfasst.
Ihr Geschick, auf lokaler Ebene eine breite Allianz zu schmieden, ihre Medienpräsenz und ihre Aktivität in den sozialen Netzwerken liessen die erst 40-jährige Salis durchstarten. Dazu beigetragen hatten auch prominente Fürsprecher wie der ehemalige Premierminister Matteo Renzi. Sie ist der aufsteigende Stern der italienischen Politik, eine Kandidatin nicht nur für Genua, sondern auch für Rom.
Was sagt sie selbst dazu? «Es ist jetzt noch nicht der Moment, um über eine Kandidatur gegen Meloni zu entscheiden, aber ich fühle mich geschmeichelt.» Viele interpretieren diese und ähnliche Aussagen Salis' als ein klares Ja: Im geeigneten Moment werde sie gegen Meloni antreten.
Salis hat keine Partei im Rücken
Doch Salis ist parteilos. Noch häufiger als sie werden die Chefin der Sozialdemokraten, Elly Schlein, und der Chef der Cinque Stelle, Giuseppe Conte, als Herausforderer Melonis genannt. Da Schlein und Conte aber beide unbedingt wollen und keiner nachgeben will, könnte Salis die lachende Dritte sein.
Salis hat viel Potenzial, das hört man in Italien immer wieder. Doch bisher verfügt sie über wenig Erfahrung. Sie wurde erst im letzten Mai gewählt. Und auf die Frage, ob sie seither in Genua etwas Wesentliches erreichen konnte, antwortet die Bürgermeisterin, sie habe eine schwere Krise bei den städtischen Verkehrsbetrieben bewältigt.
Verfügt Salis über genügend Erfahrung?
Irgendwann wird sich die Frage stellen, ob diese oder andere lokale Errungenschaften sie dazu befähigen, ganz Italien zu regieren. Salis sass auch nie im römischen Parlament. Man weiss nicht, wie sie in einer nationalen Krisensituation reagieren würde oder wofür sie genau steht.
Pluspunkte sind ihr jugendlicher, frischer Auftritt und die Umfragen: Viele Italienerinnen und Italiener könnten sich genau sie als Herausforderin von Meloni vorstellen. Doch der Weg dorthin ist steinig und lang. Auch weil man der linken Opposition nachsagt, zerstritten zu sein. Doch genau dies weist Salis im Interview zurück. Das progressive Lager verfüge über viele Gemeinsamkeiten.
Gibt es eine Primärwahl?
Noch hat sich das linke Lager nicht einmal darauf geeinigt, ob sie ihre Spitzenkandidatin oder ihren Spitzenkandidaten in einer Primärwahl bestimmen oder ob bei einem Wahlsieg die stärkste Partei des progressiven Lagers den Premier stellen darf.
Um die «Anti-Meloni» zu werden, muss Silvia Salis einen Kraftakt vollbringen. Oder, um im Bild zu bleiben, sie muss nochmals einen Hammer 70 Meter weit durch die Luft schleudern.