Als Vimla Chorotiya ins Spital gerufen wurde, war sie völlig ahnungslos. «Sie sagten, mein Mann hatte einen Unfall. Als ich ihn endlich sehen durfte, brach ich zusammen.» Ihr Mann war tot. Nach Angaben der Ärzte erstickte er an giftigen Gasen, in einer Klärgrube in der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai.
Die Polizei habe gesagt: Govind Chorotiya und zwei seiner Kollegen seien in eine Grube voller Fäkalien gefallen. Sie stammten aus den Toiletten einer grossen, privaten Wohnanlage. Wie der Unfall passieren konnte, sei ein Rätsel, sagte die Hausverwaltung. Der Witwe, heute 42, kam das seltsam vor. «Ich bin davon ausgegangen, dass mein Mann Installateur ist.»
Immer wieder passieren tödliche Unfälle
Tatsächlich starb Govind Chorotiya bei einer Arbeit, die in Indien seit langem verboten ist, aber noch immer weit verbreitet: Der 36-Jährige reinigte eine Klärgrube voller menschlicher Fäkalien, mit blossen Händen. Bei dieser Arbeit passieren immer wieder tödliche Unfälle.
Fast alle Menschen, die diese Arbeit machen, sind Dalit. Früher wurden sie Unberührbare genannt. Denn sie stehen ganz unten in der strengen Hierarchie des traditionellen hinduistischen Kastensystems – und gelten als unrein. Darum werden sie oft diskriminiert. Der Rest der Gesellschaft will nichts mit ihnen zu tun haben.
Auch im eng besiedelten Armenviertel Matunga Labour Camp in Mumbai gibt es in jedem Haushalt noch immer ein oder zwei Personen, die diese verbotene Arbeit machen: menschliche Fäkalien manuell wegputzen.
Klärgruben reinigen mit blossen Händen
Pravin Singh ist einer von ihnen. Wir treffen den 45-Jährigen bei Freunden. Seine Augen sind rot geädert. Er atmet schwer und hustet immer wieder. Mitgehen zu seiner Arbeit dürfen wir nicht. Denn das, was er tut, ist illegal.
Singh reinigt seit seiner Jugend Klärgruben mit der Hand. Sein Vater habe ihm diese Arbeit vererbt. Man sieht sie ihm an: Die Hände sind voller Narben, die Nägel schwarz. Dass es an seiner niedrigen Kaste liegt, dass er bis heute den Dreck der Gesellschaft wegräumt, das weiss Pravin Singh nicht.
Er hat die Schule früh abgebrochen und nichts anderes gelernt. Aber er weiss, dass er Geld braucht, um seine alte Mutter zu ernähren. Mehr hat der Tagelöhner nicht im Leben. Heiraten wollte ihn niemand.
Singhs Arbeit besteht darin, über eine Leiter bis zu fünf Meter tief in einen Tank voller Fäkalien zu steigen. Dort muss er die Fäkalien, den Schlamm und feste Abfälle von der Wand lösen, mit blossen Händen, und dann in Eimern hinaustragen. Sein einziger Schutz seien Plastiksäcke, die er sich über die Hände stülpe, sagt Singh.
Alkohol gegen den Gestank und den Ekel
«Wenn ich den Tank öffne, schlägt mir ein furchtbarer Gestank entgegen. Er füllt meine Lungen – sie fühlen sich an, wie gelähmt. Ich muss dann erst ein paar Minuten warten, bevor ich loslegen kann.»
Ich habe Angst, zu ersticken. Aber was soll's, die Arbeit muss erledigt werden.
Pravin Singh weiss, dass er sterben kann, bei dem, was er tut. Die durchschnittliche Lebenserwartung in seiner Branche liegt bei 32 Jahren. «Ich habe Angst da unten, ich bin allein, es ist sehr eng. Das macht mich nervös. Ich habe Angst, zu ersticken. Aber was soll's, die Arbeit muss erledigt werden.»
Bevor er in den Tank steigt, trinkt er Alkohol, wie die meisten seiner Kollegen.
Pravin Singh hat private Auftraggeber, meistens sind es Verwaltungen grosser Wohnanlagen. Sie könnten auch Maschinen einsetzen für die Arbeit, sagt Singh. Aber das wäre deutlich teurer. Er selbst erhält 1500 Rupien, knapp 13 Franken, pro Tag. Eine Maschine würde mindestens das Zehnfache kosten.
Seit 13 Jahren ist diese Arbeit offiziell verboten
Unter dem Baum an der Hauptstrasse, wo Pravin Singh jeden Morgen auf Arbeit wartet, sitzt an diesem Samstagmorgen ein Besucher aus Delhi. Bezwada Wilson, 60, ist mit dem Nachtbus angereist.
Der freundliche Mann mit graumeliertem Vollbart und Halbglatze ist der wohl bekannteste Aktivist für die Rechte der Toiletten- und Gully-Putzer und -Putzerinnen in Indien. Seine Organisation Safai Karmachari Andolan hat vor dem Obersten Gericht vor 13 Jahren das nationale Verbot erstritten.
Indische NGO setzt sich für Ende der manuellen Drecksarbeit ein
Auch Wilsons Eltern und der ältere Bruder verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie Plumps-Klos mit den Händen reinigten, in Südindien. Er war lange ahnungslos.
«Es war ein Schock, als ich es erfuhr. Ich wollte es nicht akzeptieren. Ich schrie: nein – nein, nein, nein. Aber was auch immer ich darüber dachte, was auch immer ich schrie: Es war eine Tatsache.»
Statt zu sterben, entschied er sich fürs Kämpfen
Seine Eltern hatten versucht, diese Tatsache vor ihm zu verbergen. Der Sohn sollte es besser haben und zur Schule gehen. Aber er wollte nicht bleiben. Denn Bezwada gehörte zu den Aussenseitern.
«Als ich grösser wurde, verhöhnten sie uns, gaben uns Namen. Aber du weisst nicht, warum. Dann gehst du nach Hause und fragst deine Eltern. Aber die sagen: Es ist nichts. Sei still.»
Als Bezwada Wilson die Wahrheit erfuhr, wollte er sich das Leben nehmen. Doch am Ende einer langen Nacht beschloss er, nicht zu sterben, sondern für seine Leute zu kämpfen.
Wir putzen die Fäkalien nicht weg, weil wir uns das ausgesucht haben, sondern weil wir in eine Kaste hineingeboren wurden, der die Gesellschaft diesen Beruf zugewiesen hat. Es ist ein Teufelskreis, den wir brechen wollen.
Das macht er inzwischen seit rund 40 Jahren – mit Briefen an Politiker, Video- Dokumentationen, Protesten und Klagen. Inspiriert habe ihn der grosse indische Sozialreformer und Jurist Bhimrao Ramji Ambedkar. Als Dalit hat er die Verfassung mitgeschrieben – und Menschen wie Bezwada Wilson die Augen geöffnet.
Früher habe er gedacht, seine Familie mache diese Arbeit, weil sie arm und ungebildet sei, sagt Wilson. Erst später sei ihm aufgegangen, dass es auch an seiner Kaste liegt.
«Wir putzen die Fäkalien nicht weg, weil wir uns das ausgesucht haben, sondern weil wir in eine Kaste hineingeboren wurden, der die Gesellschaft diesen Beruf zugewiesen hat. Es ist ein Teufelskreis, den wir brechen wollen.»
Es ist ein mühsamer Kampf. Einer gegen ein jahrhundertealtes, hinduistisches Kastensystem. Es rechtfertigt die Leiden der Dalit damit, dass sie für schlechte Taten in ihrem früheren Leben bestraft werden müssten.
Die Stadtverwaltung umgeht das Gesetz auch durch Outsourcing
Auf dem Campus des renommierten Tata Instituts for Social Science nimmt sich Rahul Mahar Zeit für ein Gespräch. Um keinen Ärger zu bekommen, nennt er seinen wahren Namen nicht. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich auch mit der Frage, warum es diese Arbeit noch gibt, obwohl das Gesetz sie seit 2013 verbietet.
«Das Gesetz ist auf dem Papier gut, aber es ist nicht sauber implementiert worden. Es fehlt wohl auch der politische Wille, es umzusetzen.»
Das Gesetz sei auch leicht zu umgehen, sagt Mahar: Die Stadtverwaltung von Mumbai habe viele dieser gefährlichen Reinigungsarbeiten an private Firmen ausgelagert. Dadurch könne sie sich auch vor ihrer Verantwortung drücken.
Gegenüber Radio SRF wollte sich die Stadtverwaltung nicht äussern – trotz mehrerer schriftlicher und mündlicher Anfragen.
Nach tödlichen Unfällen gibt es nur selten eine Entschädigung
Innerhalb von drei Jahren sind allein in Mumbai 19 Menschen beim Reinigen von Kläranlagen ums Leben gekommen. Das hat die Organisation des Aktivisten Bezwada Wilson gezählt. Nach einem tödlichen Unfall zahle die Stadtverwaltung den Opferfamilien nur selten eine Entschädigung, kritisieren Aktivisten.
Auch die Witwe Vimla Chorotiya, deren Mann Govind vor sechs Jahren tödlich verunglückte, musste lange darum kämpfen. Noch immer kommen der resoluten Frau die Tränen, wenn sie daran denkt, dass sogar die eigene Familie sie zwingen wollte, klein beizugeben. Sie erhielt erst eine Wiedergutmachung, als eine engagierte Anwältin den Fall vor Gericht brachte.
Das Urteil des Obersten Gerichts von Mumbai war ein Erfolg für die Angehörigen. Zum ersten Mal habe ein Gericht anerkannt, dass Menschen als Fäkalien-Putzer arbeiteten, sagt die Witwe – und dass deren Familien Anspruch auf Entschädigung durch die Stadtverwaltung hätten, obwohl die Opfer nicht direkt für diese gearbeitet hatten.
Was macht ihr im 21. Jahrhundert, was tut ihr Menschen an? Ihr behandelt uns schlechter als wilde Tiere. Sind wir überhaupt Menschen für euch?
Zufriedengeben will sich Vimla Chorotiya trotzdem nicht: Sie werde weiterkämpfen, bis niemand mehr diese Arbeit machen müsse.
«Was macht ihr im 21. Jahrhundert, was tut ihr Menschen an? Ihr behandelt uns schlechter als wilde Tiere. Sind wir überhaupt Menschen für euch?»