Seit Dienstag kämpfen in Aleppo syrische Regierungstruppen und verbündete Milizen gegen die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) und deren Polizei- und Sicherheitseinheiten. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, die Angriffe gestartet zu haben und Zivilisten zu beschiessen. Rund 17 Menschen sind bisher ums Leben gekommen – Zehntausende mussten aus den umkämpften Stadtteilen fliehen.
Aleppo war während des Syrienkrieges jahrelang von verschiedenen Fraktionen kontrolliert. Die hauptsächlich von Kurden bewohnten Quartiere im Norden der Stadt stehen nach wie vor unter der Kontrolle der SDF, während die restlichen Stadtteile der Übergangsregierung unterstellt sind.
Ähnlich wie Aleppo ist auch Syrien – als Land – aufgeteilt. Die Kurden haben während der Kriegsjahre Teile Nordostsyriens unter ihre Kontrolle gebracht. In diesen Gebieten haben sie eine Selbstverwaltung aufgebaut mit eigenen Streitkräften – den SDF.
Ringen um Staatsform bisher ohne Erfolg
Im März letzten Jahres begannen Verhandlungen zur Eingliederung dieser kurdisch geführten Kämpfer und Kämpferinnen in eine nationale Armee. Doch diese Verhandlungen waren beiderseits von Maximalforderungen geprägt. Während Damaskus eine vollständige Auflösung der SDF anstrebte, forderten die Kurden quasi die Übernahme des gesamten syrischen Militärapparates. Zudem bevorzugen sie eine dezentrale Staatsordnung, um ihre eigenen Verwaltungsstrukturen im Nordosten beizubehalten. Die Führung in Damaskus hingegen möchte einen zentralisierten Staat aufbauen.
Diese Verhandlungen hätten bis Ende letzten Jahres Ergebnisse erzielen sollen – sie sind gescheitert. Beide Seiten versuchen nun militärisch, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bereits im Oktober und Ende Dezember ist es zu Gefechten zwischen sogenannten Regierungskräften und den von den Kurden dominierten SDF-Einheiten gekommen.
Erneute Destabilisierung droht
Ein Spiel mit dem Feuer – denn beide Parteien repräsentieren die am stärksten bewaffneten Gruppierungen in Syrien, die sich zudem während der Kriegsjahre auch bekämpft haben. Eine Ausdehnung der Gefechte in Aleppo hätte das Potenzial, das Land erneut zu destabilisieren. Die Parteien sind sich dessen bewusst – sie haben sich über Nacht auf eine vorübergehende Feuerpause geeinigt.
Ohne eine politische Lösung zwischen den Kurden und der Übergangsregierung scheint aber ein Wiederaufflammen der Kämpfe vorprogrammiert. Zumal auch die Türkei, welche sich als Schutzmacht der Übergangsregierung versteht, bereits klar gemacht hat, Damaskus zur Seite zu stehen. Sollten die Unruhen in Aleppo auf die Grenzgebiete überspringen, ist eine Einmischung der Türkei wahrscheinlich – das Eskalationspotenzial gross.