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Iran-Krieg «Von Hoffnung sprechen die Menschen im Iran nicht»

Wie es den Menschen im Iran geht, ist zurzeit nicht leicht zu erfahren. Es befinden sich nur noch wenige Journalistinnen und Journalisten für ausländische Medien vor Ort. Die freie Journalistin Stefanie Glinski telefoniert aktuell jede Nacht mit ihren Bekannten in Teheran, denn nachts sind die Leitungen besser. Glinski kennt viele Menschen, weil sie selbst oft im Iran war. Sie sagt, was sie in den Gesprächen erfährt.

Stefanie Glinski

Freie Journalistin im Nahen Osten

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Die freie Journalistin Stefanie Glinski berichtet unter anderem für den britischen «Guardian», «Foreign Policy» und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Sie konnte nach der Flutkatastrophe nach Derna in Libyen reisen.

SRF News: Wie geht es den Menschen im Iran nach einer Woche Krieg?

Stefanie Glinski: Sie haben verheerende Angst, die bis tief in die Knochen geht. Das sagen mir die Menschen immer wieder. Einer meiner Bekannten war kurz nach einem Einschlag auf einen Wohnblock im Südosten der iranischen Hauptstadt vor Ort und hat mir die Szene detailliert beschrieben. 

Wenn man mit dem Auto an einer roten Ampel anhalten muss, gehen die Gedanken im Kopf los: Was, wenn es jetzt hier einen Einschlag gibt? 

Mehrere Häuser brannten. Die Luft war voller Asche, die Strassen und Trottoirs voll mit Glassplittern und kleinen Dingen, die die Menschen in ihren Häusern hatten: Kuscheltiere, Spielzeuge, Bücher, Kleidungsstücke. Viele Menschen sassen völlig traumatisiert am Strassenrand.

Demonstrationszug mit vielen verschleierten Frauen. Sie haben ein Transparent, auf dem steht: «Nieder mit den USA».
Legende: Trotz Bombardierungen kommt es im Iran zu Demonstrationen gegen den Krieg. Hier in Teheran, am 6.03.2026. Keystone/Abedin Taherkenareh

Andere Menschen packten hektisch ihre Sachen zusammen, sprangen in ihre Autos, fuhren davon. Auch im Auto ist die Angst gross. Wenn man an einer roten Ampel anhalten muss, gehen die Gedanken im Kopf los: Was, wenn es jetzt hier einen Einschlag gibt? Vielerorts gibt es auch Zweitangriffe, einen weiteren Einschlag kurz nach dem ersten, genau dann, wenn Rettungspersonal und die Feuerwehr bereits eingetroffen sind. Das macht es für Rettungskräfte gefährlich. Einerseits wollen sie helfen, auf der anderen Seite begeben sich auch die Rettungskräfte immer wieder in Lebensgefahr.

Ist man in Teheran gut organisiert oder bricht das Chaos aus?

Wir sprechen von einer Stadt mit mehr als 10 Millionen Menschen, mehr, als in der ganzen Schweiz leben. Nach Einschlägen, das erzählen mir meine Bekannten, ist es oft chaotisch. Man sucht nach Überlebenden, man versucht, Menschen in Krankenhäusern unterzubringen, und die Krankenversorgung funktioniert auch. Aber es gab auch schon Einschläge in Krankenhäuser. Genau deshalb wollen viele die Stadt vorübergehend verlassen. Viele sind in den Norden geflohen, Richtung Kaspisches Meer oder nach Gilan, in die Bergregion im Norden, besonders Familien mit Kindern. Es ist dort etwas ruhiger, etwas einfacher. Gleichzeitig ist im Iran kein Ort mehr vollkommen sicher. US-Präsident Trump hat ja weiterhin mit schwerer Bombardierung gedroht. 

Nun ist der Kopf des Regimes, Ali Chamenei, tot. Ist das ein Thema für die Menschen?

Ja, das ist ein Thema. Bei den Demonstrationen im Januar sind je nach Angaben viele Menschen getötet worden. Die Schätzungen liegen zwischen 5000 und 20'000 Todesopfern. Auf der einen Seite haben viele Menschen gegen diese Regierung protestiert, gegen die Unterdrückung, gegen die strengen Gesetze. Und viele sind tatsächlich froh, dass Chamenei tot ist. Natürlich sind auch viele Menschen entsetzt. Er war nicht nur Revolutionsführer, sondern auch religiöses Oberhaupt. Zum anderen ist da niemand – oder jedenfalls habe ich keine gegenteiligen Informationen –, der diesen Krieg in irgendeiner Weise befürwortet. Niemand sieht, wie dies die Regierung im Iran wirklich verändern würde. Die Menschen tendieren eher dazu zu glauben, dass die Situation weiter eskalieren wird, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Und damit käme es zu langfristiger Instabilität. Von Hoffnung sprechen die Menschen im Iran, die unter diesen Einschlägen leben, nicht.

Das Gespräch führte Martina Koch.

SRF 4 News, 6.3.2026, 6:12 Uhr ; 

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