Die Erklärungen von Regierungsmitgliedern, was den Angriff auf den Iran ausgelöst hatte, wechselten sich innerhalb weniger Tage ab. Zunächst sagte Trump, er habe gehandelt, weil die iranischen Machthaber sich weigerten, auf das Atomprogramm zu verzichten und Langstreckenraketen entwickelten.
Ein hochrangiger Regierungsbeamter sagte daraufhin, dass der Iran und seine Stellvertreter, wie die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Gaza, eine unmittelbare Bedrohung für US-Personal und ihre Verbündeten in der Region darstellten.
Aussenminister Rubio erklärte Anfang der Woche, Trump habe präventiv gehandelt, um US-Streitkräfte vor den Folgen eines unvermeidlichen israelischen Angriffs auf den Iran zu schützen. Diese Darstellung wies Trump kurz darauf zurück. Stattdessen erklärte er, er habe Israel womöglich sogar zum Angriff gedrängt, weil er davon ausgegangen sei, dass der Iran angegriffen hätte, wären ihm nicht die USA zuvorgekommen.
Trumps harte Iran-Linie
Diese unterschiedlichen Erzählungen lassen Zweifel aufkommen, ob tatsächlich eine akute Bedrohung durch den Iran der Auslöser war. Das US-Magazin «The Atlantic» argumentiert, der eigentliche Grund für den Angriff liege in Trumps seit Langem bestehender Haltung gegenüber dem Iran.
Bereits während der Krise vor rund 45 Jahren, als US-Diplomaten in Teheran als Geiseln festgehalten worden waren, habe Trump öffentlich gefordert, amerikanische Truppen einzusetzen. In späteren Interviews sprach er sich mehrfach dafür aus, den Iran militärisch zu bestrafen oder sogar Ölgebiete zu besetzen.
Dies zeige, dass der jetzige Krieg weniger eine spontane Reaktion auf aktuelle Entwicklungen ist als vielmehr die Umsetzung einer über Jahrzehnte vertretenen Überzeugung.
Kongress lässt Trump Handlungsspielraum
Politisch hat die Verwirrung um den Kriegsgrund zunächst kaum unmittelbare Konsequenzen: Die republikanische Mehrheit im Kongress stellt sich bislang hinter ihren Präsidenten und vermeidet eine offene Konfrontation.
Doch je länger der Konflikt andauert und je unklarer die strategische Linie wird, desto grösser dürfte der Druck werden, die Entscheidung politisch und rechtlich zu rechtfertigen. Nach wie vor ist unklar, ob der Krieg primär der Abschreckung, der dauerhaften Schwächung des iranischen Regimes oder sogar einem Regimewechsel in Teheran dient, auch wenn Letzteres offiziell explizit nicht als Ziel genannt wird.
Machtspiel ohne Strategie
Hinzu kommt ein Politikverständnis, das stark von Trumps Herkunft aus der Geschäftswelt geprägt ist. Für Trump funktioniert Politik oft nach der Logik von Deals. In diesem Sinn könnte der militärische Schlag gegen Iran nicht nur als militärisch-strategische Entscheidung, sondern auch als Teil einer grösseren Verhandlungslogik verstanden werden.
Welche geopolitischen, wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Gegenleistungen dabei verhandelt werden sollen, wird sich womöglich erst später zeigen oder auch gar nicht, wenn Trump sie nicht als Erfolg verkaufen kann. Und genau hier liegt das Problem.
Während in der Geschäftswelt Risiken kalkuliert und Verluste begrenzt werden können, lässt sich die Dynamik eines Krieges kaum kontrollieren. Ohne klar definierte Ziele wirkt der militärische Schlag gegen den Iran weniger als Abschluss einer durchdachten Strategie, sondern mehr als Auftakt zu einem riskanten Machtspiel zu einem potenziell sehr hohen Preis.