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Langjähriger US-Diplomat «Der Krieg gegen den Iran war ein schwerer strategischer Fehler»

Seit etwa drei Wochen gilt im Iran-Krieg eine Waffenruhe. Der Beschuss mit Raketen und Drohnen hat grösstenteils aufgehört. Dafür blockiert der Iran den Schiffsverkehr durch die Meerenge von Hormus – die USA blockieren im Gegenzug die iranischen Häfen. Blockiert scheint derzeit auch ein diplomatischer Weg aus dem Konflikt. Alan Eyre, der frühere Iran-Verhandler der US-Regierung, stellt der Trump-Administration ein vernichtendes Zeugnis.

Alan Eyre

Ehemaliger US-Diplomat und Iran-Spezialist

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Der Karriere-Diplomat Alan Eyre hat viele Jahre als Iran-Spezialist im US-Aussenministerium gearbeitet; unter anderem als Leiter des Iran-Büros der USA in Dubai. Er spricht fliessend Persisch und war beteiligt an den Verhandlungen mit dem Iran, die 2015 schliesslich zum Atomabkommen führten. 2023 quittierte Eyre den diplomatischen Dienst im US-Aussenministerium und arbeitet heute für den Think-Tank «Middle East Institute».

SRF News: Letzte Nacht hat US-Präsident Trump eine Verlängerung der Waffenruhe im Libanon bekanntgegeben. Welche Bedeutung hat das?

Alan Eyre: Das ist ziemlich wichtig, denn die Waffenruhe war eine Vorbedingung Irans für eine generelle Waffenruhe. Nun soll offenbar der iranische Aussenminister nach Pakistan reisen. Es könnte also bald wieder eine Gesprächsrunde geben.

Präsident Trump hat den aussenpolitischen Apparat weitgehend zerstört.

In den letzten Tagen gab es eine Vielzahl von Ankündigungen, Drohungen und Behauptungen von Präsident Trump. Passiert ist aber nichts. Wie würden Sie den diplomatischen Prozess beschreiben, der laut Trump stattfinden soll?

Es gibt keinen richtigen diplomatischen Prozess. Keine Seite will echte Verhandlungen, denn die Positionen liegen noch weit auseinander. Beide Seiten misstrauen sich und sind überzeugt, sich dank militärischer Operationen in der Strasse von Hormus in eine bessere Ausgangslage bringen zu können. Deshalb sind die Aussichten für eine Verhandlungslösung schlecht, selbst wenn es zu Gesprächen kommen sollte.

Menschen gehen an einer farbenfrohen Wandmalerei eines Kriegsschiffs vorbei.
Legende: Statt Gesprächen oder gar Verhandlungen gibt es von beiden Seiten Drohungen und gewaltsame Aktionen gegen Schiffe, die versuchen, die Blockaden zu durchbrechen. Keystone/EPA/ABEDIN TAHERKENAREH

Über wie viel Fachwissen und Erfahrung im Umgang mit dem Iran verfügt die derzeitige US-Regierung?

Präsident Trump hat den aussenpolitischen Apparat in Washington weitgehend zerstört, vor allem das Aussenministerium. Es gibt dort zwar weiterhin Fachleute mit Erfahrung, auch bei den Geheimdiensten. Aber Trump hört nicht auf sie. Er berät das weitere Vorgehen mit ein paar wenigen Vertrauten wie Steve Witkoff und Jared Kushner, auch die Israeli werden konsultiert. Dann tun sie, was sie tun wollen – ohne Fachleute zu konsultieren oder sich auf den grossen Erfahrungsschatz abzustützen, den es in der Regierung eigentlich gäbe.

Sie waren früher mehrmals beteiligt an Verhandlungen mit dem iranischen Regime. Was war Ihrer Meinung nach die gröbste Fehleinschätzung der US-Regierung in der aktuellen Situation?

Die gröbste Fehleinschätzung war zu glauben, dass das iranische Regime einfach kapitulieren würde, weil man militärisch überlegen ist. Man ging davon aus, dass sich der Iran den Forderungen der USA unterwerfen würde. Doch trotz militärischer Niederlage ist der Iran strategisch im Vorteil, weil er die Meerenge von Hormus im Würgegriff hat.

Trumps Drohungen beeinflussen die Entscheidungen des iranischen Regimes mittlerweile nicht mehr.

Präsident Trump hat jüngst einen weiteren Flugzeugträger sowie zusätzliche Truppen und Kriegsgerät in die Region abkommandiert. Können die USA mit militärischer Gewalt noch etwas erreichen?

Die USA können ihre strategischen Ziele im Iran nicht mit militärischen Mitteln erreichen. Trumps Drohungen beeinflussen die Entscheidungen des iranischen Regimes mittlerweile nicht mehr. Seine Botschaften sollen wahlweise den Iran einschüchtern oder die Finanzmärkte beruhigen. Aber beide – der Iran und die Finanzmärkte – haben gemerkt, dass sie Trumps Social-Media-Posts ignorieren können. Denn sie spiegeln die Realität nicht wider.

Zwei Männer im Anzug vor US-Flaggen.
Legende: Ob Gaza-, Ukraine- oder Iran-Krieg: Jared Kushner (links) und Steve Witkoff reisen als Sondergesandte zur Konfliktbeilegung um die Welt. Keystone/AP/Jacquelyn Martin

Wie haben sich die Positionen der USA und des Irans strategisch verändert, im Vergleich zur Situation vor dem Krieg?

Die Iraner sind mehr denn je überzeugt, dass die USA sie zerstören wollen. Das Vertrauen hat zusätzlich gelitten, weil die USA den Iran zwei Mal während Verhandlungen angegriffen haben. In den Verhandlungsangeboten der USA sehen sie nur einen Vorwand für weitere militärische Schläge.

Die USA haben keine Strategie.

Deshalb ist es heute viel schwieriger: Jedes künftige Abkommen wird für die USA weit schlechter sein, als das, was sie noch vor dem 28. Februar hätten erreichen können. Aber das Wichtigste ist, dass die Iraner die Strasse von Hormus als wirkungsvolles Druckmittel entdeckt haben – und womöglich als Einnahmequelle, mit der sie den Wiederaufbau des Landes finanzieren können.

Ist das die Folge davon, dass die USA ohne klare, umfassende Strategie, den Iran angegriffen haben?

Ja, die USA haben keine Strategie. Dieser Krieg war nicht nur illegal und unmoralisch, sondern auch ein schwerer strategischer Fehler. Die Trump-Regierung hat gar nie versucht – oder war nicht in der Lage –, die nötige strategische Arbeit zu leisten. Ihre Aussenpolitik ist deshalb reaktiv, getrieben. Präsident Trump weiss nicht, wie er aus diesem unnötigen Krieg herauskommen soll, der bereits die grösste Störung der weltweiten Energieversorgung verursacht hat.

Im Fokus steht nun die Meerenge von Hormus, die von beiden Seiten blockiert wird. Wer wird früher nachgeben müssen?

Hier ticken zwei verschiedene Uhren. Der Iran leidet zwar wirtschaftlich wegen der US-Blockade seiner Häfen. Aber er blockiert Hormus schon länger. Deshalb läuft den USA die Zeit schneller davon – auch wegen der kommenden Zwischenwahlen. Im Iran gibt es keine Wahlen und das Leid der Bevölkerung kümmert das brutale Regime nicht. Deshalb arbeitet die Zeit klar für den Iran.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

Echo der Zeit, 24.4.2026, 18 Uhr ; 

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