In normalen Zeiten fahren jeden Tag 50 bis 100 Schiffe durch die Meerenge von Hormus. Davon sei man aktuell weit weg, sagt Bridget Diakun. Sie ist Analystin bei Lloyd's List aus London, einer Firma, die Daten zur Schifffahrt auswertet.
«Derzeit fahren noch drei bis acht Schiffe pro Tag durch die Meerenge», stellt sie fest. Eine Abnahme von über 90 Prozent gegenüber normalen Zeiten also.
Nur Schiffe der «Schattenflotte»
Lloyd's List existiert seit knapp 300 Jahren. Und seither macht die Firma stets dasselbe: Sie sammelt Informationen rund um die Schifffahrt, wertet sie aus und publiziert sie. Deshalb weiss man bei Lloyd’s List ziemlich genau, welche Schiffe aktuell noch durch die Meerenge fahren.
Dabei handle es sich vor allem um Schiffe, die zur «Schattenflotte» gehörten. Das sind Schiffe, die sich absichtlich nicht zu erkennen geben, um sanktionierte Waren wie iranisches oder russisches Öl zu transportieren.
Die grossen, etablierten Reedereien fahren jetzt nicht durch die Strasse von Hormus.
Dazu gehören aber auch Schiffe, die selbst sanktioniert sind oder sonst irgend eine Verbindung zum Iran haben. «Doch die grossen, etablierten Reedereien fahren dort jetzt nicht durch», betont Diakun. Sie hielten ihre Schiffe zurück, denn das Risiko sei schlicht zu gross. «Momentan ist die Gefahr real, Schiff und Mannschaft zu verlieren.»
In der Tat sind in den vergangenen Tagen auch schon Schiffe der «Schattenflotte» beschossen worden.
Versicherungsprämie nicht der Hauptgrund
Die Gefahr, unter Beschuss zu geraten sei der Hauptgrund für die Zurückhaltung – und weniger die gestiegenen Kosten für die Versicherung eines Schiffs, so Diakun. Denn: «Ein voller Tanker bringt aktuell einen riesigen Gewinn, da fallen die Versicherungskosten nicht ins Gewicht.»
Es gibt nicht genügend Daten, die darauf hindeuten, dass China freie Fahrt hat durch die Strasse von Hormus.
Bei jenen Schiffen, die in den vergangenen Tagen unbehelligt durch die Strasse von Hormus fahren konnten, sollen auch solche mit Ziel China gewesen sein, wird kolportiert. Das könne sie aufgrund der bisherigen Daten allerdings nicht bestätigen, so die Spezialistin von Lloyd's List.
«Ich würde gerne die Gerüchte ausräumen, dass China einen speziellen Status hat. Dazu gibt es schlicht nicht genügend Daten, die darauf hindeuten, dass China freie Fahrt hat durch die Strasse von Hormus», sagt Diakun.
Trumps untaugliche Ankündigung
Sicher ist: So lange die Strasse von Hormus nicht befahren wird, werden Öl und Gas auf dem Weltmarkt kaum billiger. Vor diesem Hintergrund schlug US-Präsident Donald Trump vor, die Schiffe zu eskortieren.
Diese Idee hält man bei Lloyd’s List für untauglich. «Wie sollen die über 600 im Persischen Golf feststeckenden Schiffe da rauseskortiert werden?» Die USA hätten gar nicht genügend Kriegsschiffe, um das zu bewerkstelligen, betont Diakun.
Trump hat seit der Lancierung seiner Idee dazu nichts mehr verlauten lassen. Das heisst: Für die allermeisten Schiffe bleibt die Meerenge von Hormus auch weiterhin unpassierbar.