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Islamische Revolution von 1979 Der grosse Verführer: Wie der Ajatollah den Westen täuschte

Sie versprachen Freiheit und brachten die Inquisition: Was Linke und Intellektuelle als «spirituelle Erhebung» porträtierten, mündete im Totalitarismus.

«Wovon träumen die Iraner?», fragt der französische Philosoph Michel Foucault in der Zeitung «Le Monde». 1978, wenige Monate vor der Islamischen Revolution, besucht er Teheran, wo eine «halbe Million Menschen den Panzern und Maschinengewehren trotzen.»

In seinen Berichten spiegelt sich die Ablehnung des Schah-Regimes wider. Eine Haltung, die im intellektuellen und linksliberalen Spektrum der Zeit weit verbreitet ist. Gepaart mit einer Begeisterung für den revolutionären Furor, der die Massen erfasst.

Familie in Skikleidung sitzt auf Steintreppe.
Legende: Repression, Folter, Dekadenz: Für viele verbarg sich hinter der modernen Fassade des Pfauenthrons ein despotisches Regime. Bild: Reza Pahlavi mit Familie in den Skiferien in St. Moritz (1974). Getty Images/Hulton Archive/Fox Photoes

«Es ist die Erhebung von Menschen mit blossen Händen, die den ungeheuren Druck aufheben wollen, der auf uns allen lastet», schreibt Foucault. «Es handelt sich vielleicht um die erste grosse Erhebung gegen die globalen Systeme.»

Für manche ist Schah Mohammed Reza Pahlavi eine Marionette der USA, die iranische Revolution eine antiimperialistische Entladung.

Jean Ziegler sieht ein Volk, das gegen Ausplünderung und kulturelle Entfremdung durch den Westen aufbegehrt. Schon bald sollte der Schweizer Soziologe die Menschenrechts­verletzungen der Mullahs scharf kritisieren.

Der iranische Gandhi

Tausende Kilometer entfernt und doch im Zentrum des Volksaufstands: Ajatollah Ruhollah Khomeini, das «mythische Oberhaupt der Revolte», wie ihn Foucault bezeichnet.

In seinem Exil in einem Pariser Vorort empfängt Khomeini die Weltpresse, mit gefalteten Händen und sanftem Lächeln. Er verspricht freie Wahlen und präsentiert den Islam als Religion der Freiheit und des Fortschritts.

CBS-Interview mit Khomeini im Exil in Frankreich (14.1.1979)

In seiner Spiritualität sehen viele eine einigende Kraft. Khomeini wird als iranischer Gandhi verklärt. Letztlich, so die Überzeugung, würde die politische Macht an liberale oder marxistische Kräfte gehen.

Der US-Völkerrechtler Richard Falk schreibt in der «New York Times»: «Khomeinis Darstellung als fanatisch und reaktionär erscheint gewiss und glücklicherweise falsch.» Auch europäische Kommentatoren halten es für einen Mythos, dass der asketische Gelehrte das Land in das Mittelalter zurückwerfen wolle.

Andere sind weniger optimistisch. Aus Neauphle-le-Château würden keine Botschaften der Freiheit kommen, schreibt die «Welt». «Es ist der Geist der Inquisition, der dort beschworen wird.»

Auf in den Gottesstaat

Nach seiner triumphalen Rückkehr übernimmt Khomeini die Führung der Revolution. Es ist das Ende der autoritären Schah-Herrschaft. Und der Anfang eines religiösen Totalitarismus.

Liberale und Linke verschwinden in den Folterkellern, gemeinsam mit den Anhängern des gestürzten Schahs. Millionen Menschen – Intellektuelle, Regimekritiker, religiöse Minderheiten – fliehen ins Ausland.

«Eine neue Despotie zeichnete sich ab», bilanziert die «Tagesschau» Ende 1979. «Urteile im Schnellverfahren; sofortige Hinrichtungen; der islamische Sittenkodex wurde mit aller Härte durchgesetzt und die Frauen in den Schleier gezwungen.»

Das böse Erwachen

Spätestens jetzt revidieren viele ihr Urteil. Feministinnen wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer kämpfen für die entrechteten Frauen. Die deutsche Frauenrechtlerin reist im März 1979 nach Teheran.

Schwarzweissfoto von Menschen in einer Protestmenge, einige mit erhobenen Fäusten.
Legende: Iranische Frauen hätten geholfen, den Schah zu stürzen, blickt Schwarzer zurück. Und seien von der Revolution bitter enttäuscht worden. Bild: Protest in Teheran gegen die islamische Kleiderordnung (März 1979). Keystone/Photopress Archiv

47 Jahre später verbrennen Iranerinnen ihren Schleier. Wie damals eint die Wut auf das Regime die Protestbewegung. Doch eine gemeinsame Vision für die Zukunft fehlt. Ob eine Revolution die Freiheit oder neue Unterdrücker bringen würde, weiss niemand.

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Rendez-vous, 12.1.2026, 12:30 Uhr;liea

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