Die elektronische Kommunikation ist fast vollständig unterbrochen, nur noch wenige Nachrichten dringen aus dem Iran nach aussen. «Seltsame Zeiten sind das», sagt eine Protestteilnehmerin in einer Sprachnachricht. «Wir sind hoffnungsvoll und haben zugleich alle Hoffnung verloren. Wir gehen mutig auf die Strasse, haben aber Angst dabei.»
Diese Mischung aus Hoffnung und Furcht beschreibt die Lage nach der jüngsten und wohl tödlichsten Protestwelle seit der Islamischen Revolution von 1979. Menschenrechtsorganisationen sprechen von mindestens 2000 Toten – eine Zahl, die sich kaum überprüfen lässt.
«Es ist praktisch unmöglich festzustellen, wie viele Menschen tatsächlich ums Leben kamen», sagt der iranische Konfliktforscher Ali Kadivar vom Boston College. Erstaunlich an der aktuellen Protestwelle sei, dass sie sich sehr schnell entwickelte mit einem Gefühl der Dringlichkeit, sagt Kadivar, angetrieben durch die wirtschaftliche Not der Menschen. Der Forscher hat die Forderungen in den Protestvideos analysiert.
«Azadi» – ein Wort eint die Massen
Die am häufigsten erhobene Forderung sei jene nach Freiheit – «Azadi» – eine klare Ablehnung des aktuellen Herrschaftssystems.
Andere wiederum enthielten nationalistische, traditionalistische Slogans – vor allem diejenigen von Monarchisten, welche den Protestaufrufen von Reza Pahlavi aus dem Ausland folgten, dem Sohn des früheren Schahs.
Kadivar warnt jedoch: «In viele Videos wurden monarchistische Sprechchöre hineinmontiert.» Er vermutet dahinter eine politische Kampagne, um die Bewegung grösser erscheinen zu lassen, als sie ist. Besonders bei ethnischen Minderheiten wie Kurden, Belutschen oder Arabern sei die Idee einer Rückkehr zur Monarchie unbeliebt, da sie unter dem Schah-Regime ebenfalls unterdrückt wurden.
Je härter das Regime gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, umso stärker bröckelt ihre Unterstützung.
Ali Kadivar bezeichnet die Protestbewegung als eine «negative Allianz» – ein Bündnis, das vor allem durch das zusammengehalten wird, was es nicht will: das aktuelle Regime. «Solange das Regime existiert, ist das eine Stärke, da der Protest verschiedene Gruppierungen anspricht», erklärt der Forscher. Zum Problem werde die Uneinigkeit aber, wenn man sich auf ein gemeinsames Ziel einigen müsse. Schon jetzt komme es vor, dass sich Anhänger verschiedener Fraktionen gegenseitig beschuldigen, den Protest zu sabotieren.
US-Unterstützung als Risiko
Dass US-Präsident Donald Trump den Protestierenden Unterstützung verspreche, berge zusätzliche Risiken, sagt Kadivar. Dies ermögliche es der Regierung, die Proteste als vom Ausland gesteuert abzutun und ihr brutales Vorgehen zu rechtfertigen. Ausserdem hätten ausländische Interventionen noch nie einen friedlichen Regimewandel hervorgebracht. «Die Erfahrungen in Afghanistan, Irak, Syrien und Libyen haben gezeigt, dass sie vor allem ein Machtvakuum hinterlassen, auf das in der Regel ein Bürgerkrieg folgt.» Was das für ein Land mit über 90 Millionen Einwohnern bedeuten würde, ist kaum vorstellbar.
Ob die aktuelle Protestwelle das Regime stürzen kann, bleibt offen. Doch jede Unterdrückung hat ihren Preis, sagt Ali Kadivar: «Je härter das Regime gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, umso stärker bröckelt ihre Unterstützung.» Dies könnte erklären, warum die Proteste diesmal ein Ausmass erreichten wie nie zuvor seit der Revolution.