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Gewaltsamer Konflikt um Berg-Karabach
Aus Tagesschau vom 28.09.2020.
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Konflikt im Kaukasus Berg-Karabach: Es droht ein Stellvertreterkrieg

Die Gewaltspirale zwischen Armenien und Aserbaidschan dreht sich weiter. Im Konflikt um die Region Berg-Karabach dürften seit dem Aufflammen der jüngsten Kämpfe am vergangenen Wochenende bereits etwa hundert Menschen ums Leben gekommen sein. Die Lage ist unübersichtlich.

Internationaler Stellvertreterkrieg droht

Armenien und Aserbaidschan, zwei ehemalige Sowjetrepubliken, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu Kämpfen. Doch jetzt droht sich der regionale Konflikt zum internationalen Stellvertreterkrieg auszuweiten – zwischen der Türkei und Russland.

Die Region Berg-Karabach wird mehrheitlich von christlichen Armeniern bewohnt, liegt aber im islamisch geprägten Aserbaidschan. Weniger als 150'000 Einwohner leben auf einer Fläche kleiner als jene des Kantons Wallis. Seit dem armenisch-aserbaidschanischen Krieg von 1992 bis 1994 wird die selbsternannte Republik Berg-Karabach von Armeniern kontrolliert. Doch kein einziges Land der Welt anerkennt die Unabhängigkeit Berg-Karabachs. Zahllose Schlichtungsversuche sind fehlgeschlagen.

Keine Kompromissbereitschaft erkennbar

Zumal in den beiden verfeindeten Ländern keinerlei Kompromissbereitschaft zu erkennen ist. Das gilt für den autoritär herrschenden Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Aliyev, ebenso wie für den demokratisch gewählten Premierminister Armeniens, Nikol Paschinjan. Beide können mit ihrer harten Haltung in der Berg-Karabach-Frage auf die Unterstützung ihrer Bevölkerung zählen.

Ähnlich wie die Konflikte in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken – etwa in der Ukraine oder in Georgien – geht auch jener zwischen Armenien und Aserbaidschan auf den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 zurück. Gebietsstreitigkeiten, die unter dem Deckel der Sowjetunion gehalten worden waren, sind neu entbrannt. Anders als in der Ukraine oder in Georgien hielt sich die Einflussnahme von aussen im armenisch-aserbaidschanischen Konflikt jedoch bisher in Grenzen.

Türkei und Russland als Schutzmächte

Das christliche Armenien sieht in Russland zwar seine Schutzmacht, militärisch und wirtschaftlich sind die beiden Länder eng verflochten. Russland unterhält aber auch gute Beziehungen zu Aserbaidschan. Der russische Präsident Wladimir Putin gab sich bisher gerne als neutraler Vermittler.

Doch im türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat Aserbaidschan nun einen mächtigen Verbündeten gefunden. Erdogan hat sich öffentlich ohne Wenn und Aber auf die Seite des islamischen Bruderstaats gestellt. Armenien bezichtigt die Türkei bereits der militärischen Intervention. Aserbaidschan wirft den Vorwurf zurück.

Die Einmischung der Türkei weckt in Armenien Erinnerungen an den türkischen Völkermord an hunderttausenden Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Völkermord, den die Türkei bis heute leugnet.

Stellvertreterkrieg mit hohen Risiken

Vor diesem historischen Hintergrund droht nun auch der Konflikt um Berg-Karabach zum blutigen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden geopolitischen Rivalen Russland und Türkei zu werden – ähnlich wie in Syrien oder Libyen.

Ein Stellvertreterkrieg, der freilich für alle Beteiligten mit hohen Risiken verbunden wäre. Durch Aserbaidschan verlaufen, nahe der Grenze zu Armenien, bedeutende Erdöl- und Erdgasleitungen, die sowohl die Türkei als auch Russland mit Energie versorgen.

An einer Krisensitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen in New York soll die Berg-Karabach-Frage nun erörtert werden. Es ist zu hoffen, dass die vielschichtigen, auch wirtschaftlichen Interessen einer weiteren Eskalation im Wege stehen. Doch selbst wenn es den Diplomaten gelingen sollte, eine Waffenruhe zu vermitteln – ein dauerhafter Friede, eine Lösung des Berg-Karabachs-Konflikt ist nicht in Sicht.

Sebastian Ramspeck

Sebastian Ramspeck

Internationaler Korrespondent, SRF

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Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete er als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.

Tagesschau, 28.09.2020, 19.30 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Alfred Schläpfer  (191.5yenokavan)
    Armenien und Aserbaidschan sind Opfer der total verfehlten Strategie unter Stalin. Aber dieselben Probleme haben wir auf der ganzen Welt dank dem Kolonialismus. Fingerpointing ist unangebracht. Deeskalation ist gefragt.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Alfred Schläpfer: Ach so! Und warum greift jetzt plötzlich die Türkei an der Seite Aserbaidschans ein? Stalin ist vor fast 70 Jahren gestorben.
    2. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Bitte vergessen Sie den Völkermord/Genozid an den Armeniern durch die Türkei im 1. WK nicht. Hier jetzt wieder RU mit Stalin ins Spiel zu bringen, will man davon ablenken, dass die Armenier schon viel länger im Visier der Türkei stehen. Und die Schwäche der EU/UNO nützt er jetzt als Mitglied der NATO schamlos aus. Sein Ziel ist ein neues Osmanisches Reich zu schaffen.
      Gut gibt es RU, welches hier noch dagegen hält.
  • Kommentar von Manuel Pestalozzi  (M. Pestalozzi)
    In der Ukraine gab es keinen Konflikt. Russland besetzte nach der Verjagung des Präsidenten Janukowitsch die Krim und entfachte im Osten des Landes aktiv eine Rebellion. Ohne die Regierung Putin gäbe es alle die vielen Toten nicht.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Manuel Pestalozzi: Wir sind aber hier in Armenien, nicht in der Ukraine. Armenien wurde nicht von Russland besetzt, sondern ist ein kleiner, unabhängiger Staat. Ohne Russland hat dieser Staat aber keine Chance gegen Aserbeidschan und die Türkei. Armenien ist mitten in der Zange zwischen den beiden. Vergewissern Sie sich auf der Karte.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    ...und der UNO-Sicherheitsrat scheint einfach zuzuschauen. Unglaublich!, während die Grossmächte in ihrem unseligen Konkurrenzgehabe pro Ego und nicht pro pace mundis stimmen bzw. ihr Veto einlegen...
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Ueli von Känel: Am Ende steht man immer alleine da. Denken Sie daran, wenn wir an die Schweiz denken.
    2. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Das stimmt zumindest meistens, Herr Leu. Der Mensch ist eigentlich auf ein Dasein als Gemeinschaftswesen angelegt, aber wenn es um Macht bzw. Geld geht, sieht das oft anders aus .... dabei hätte es für alle genug Geld und zu Essen, wenn die Verteilung stimmen würden und die Mehrheit der Menschheit es nicht hinnehmen würde, dass 3-4% der Menschheit die Hälfte der materiellen Güter besitzt und dieses letzten Endes dem Mittelstand und unten entzieht bzw. - müsste man oft sagen -stiehlt.
    3. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Ueli von Känel: Es müsste und sollte noch so vieles. Seien wir wachsam und nicht naiv, damit wir nicht irgendwann selber unter die Räder geraten.