Die Beziehung zwischen den USA und der Nato befindet sich auf einem Tiefpunkt. US-Präsident Donald Trump ist verärgert, dass die Partnerstaaten ihn im Iran bislang nicht unterstützt haben. Seinen Unmut hat er vergangenen Mittwoch auch gegenüber dem Nato-Generalsekretär ausgedrückt. Trump sei «eindeutig enttäuscht», sagte Mark Rutte. Hinzu kommt: Das Verhältnis ist bereits seit Jahresbeginn stark angekratzt. Trump drohte im Januar damit, Grönland zu übernehmen, was für Entrüstung unter den europäischen Verbündeten sorgte.
Es ist nicht das erste Mal, dass interne Konflikte die Nato umtreiben. Ein (nicht abschliessender) Blick auf die grössten Krisen:
Trumps frühere Attacken
Bereits in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2016 stellt Trump das US-Engagement in der Nato infrage. «Die Nato kostet uns ein Vermögen», sagt er in Interviews. Kurz vor seinem Amtsantritt 2017 nennt er das Bündnis «obsolet», was in Europa für Unruhe sorgt. Er kritisiert wiederholt scharf, dass viele Partner, allen voran Deutschland, das Zwei-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben verfehlen. Trump droht sogar, US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen. All die Druckversuche wirken: Die Nato-Staaten investieren mehr Geld in die Verteidigung.
Irak-Krieg 2003: die grosse Spaltung
Der US-geführte Einmarsch in den Irak 2003 stürzt die Nato in ihre vielleicht tiefste politische Krise. Im Nachgang der Anschläge vom 11. September 2001 ruft US-Präsident George W. Bush den «Krieg gegen den Terror» aus, auch der Irak ist im Visier. Während der Kriegsvorbereitungen bitten die USA die Nato um Unterstützung. Deutschland und Frankreich lehnen einen Militäreinsatz im Irak deutlich ab. Die USA kritisieren die Länder darum scharf. Andere Partner schlagen sich hingegen auf die Seite der USA. Die Suche nach einem Kompromiss verkommt zur Belastungsprobe für das Bündnis.
Nato-Doppelbeschluss von 1979
Mitte der 1970er-Jahre beginnt die Sowjetunion damit, ihre Mittelstreckenraketen zu modernisieren. In Westeuropa wächst die Angst vor der nuklearen Bedrohung. Die Nato reagiert mit ihrem Doppelbeschluss von 1979: Er sieht vor, mit der Sowjetunion zu verhandeln, aber selbst entsprechend aufzurüsten, sollte es bis 1983 nicht zu einer Lösung kommen. Das führt in vielen Nato-Staaten, besonders in Deutschland, zu massiven Protesten der Friedensbewegung und spaltet die Gesellschaften tief.
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Bild 1 von 2. Eine Grossdemonstration am 10. Oktober 1981 in der damaligen westdeutschen Hauptstadt Bonn. Bildquelle: Getty Images/Sepia Times/Universal Images Group.
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Bild 2 von 2. Mehr als 300'000 Menschen nehmen an der Demonstration vom 10. Oktober 1981 teil. In den folgenden Jahren gibt es europaweit weitere Friedensdemonstrationen mit jeweils Hunderttausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Bildquelle: Getty Images/Klaus Rose\ullstein bild.
Feinde im Bündnis: Griechenland vs. Türkei
Der beständigste Konflikt innerhalb der Nato ist die Feindschaft zwischen Griechenland und der Türkei. Die Spannungen eskalieren 1974, als die Türkei nach einem von der griechischen Militärjunta unterstützten Putsch auf Zypern militärisch interveniert und den Norden der Insel besetzt. Aus Protest zieht sich Griechenland vorübergehend aus der Militärstruktur der Nato zurück.
Suez-Krise 1956 und Frankreichs Sonderweg ab 1966
Nach der Verstaatlichung des Suezkanals durch Ägypten intervenieren die Nato-Staaten Grossbritannien und Frankreich militärisch an der Seite Israels. Die USA stellen sich jedoch gegen ihre engsten Verbündeten und erzwingen durch massiven Druck den Rückzug. Grossbritannien und Frankreich büssen infolge global an Macht ein. In den Folgejahren versucht Frankreich, seinen Einfluss im Bündnis zu stärken, scheitert aber. Dies mündet darin, dass sich Frankreich 1966 aus der Nato-Militärstruktur zurückzieht. Das Nato-Hauptquartier muss daraufhin von Paris nach Brüssel umziehen. Seit 2009 beteiligt sich Frankreich wieder vollständig.