Das Kräftemessen zwischen den USA und dem Iran geht weiter. Es ist ein Hin und Her: US-Präsident Trump droht dem Iran mit Vernichtung und buchstabiert wieder zurück. Beobachter vermuten dahinter militärische Gründe. SRF-Sicherheitsexperte Fredy Gsteiger ordnet ein.
Welche militärischen Gründe könnten hinter dem Hin und Her stecken?
Es bestehen offenbar grosse Zweifel in der amerikanischen Militärführung und innerhalb der Geheimdienste, dass eine neuerliche grosse Welle von Luftangriffen tatsächlich die Wende bringen und das iranische Regime stürzen könnte. US-Präsident Donald Trump und sein Verteidigungsminister haben nach den ersten Angriffen behauptet, der grösste Teil der militärischen Arsenale des Irans sei zerstört, die Streitkräfte praktisch handlungsunfähig. Das ist offenkundig falsch. Es deutet wenig darauf hin, das Ziel mit erneuten, flächendeckenden Angriffen erreichen zu können. Wenn es auch diesmal nicht gelingt, ist das Risiko gross, dass der Krieg sich gegenüber der US-Bevölkerung erst recht nicht mehr als Erfolg verkaufen lässt.
Trump behauptet, die USA hätten dem Iran grosse militärische Verluste zugefügt – dem widersprechen neue Berichte. Wie glaubwürdig sind diese?
Die Berichte der «Washington Post» und der «New York Times», welche sich auf US-Geheimdienste berufen, lassen sich zwar nicht überprüfen. Aber sie sind grundsätzlich plausibel. Sie werden auch durch die Ereignisse der letzten Wochen bestätigt. Der Iran ist nach wie vor imstande, Schiffe in der Strasse von Hormus sowie seine Nachbarländer, vor allem die arabischen Golfstaaten, zu beschiessen. Das deutet alles andere als auf eine gelähmte Armee hin. Dazu kommt, dass auch Denkfabriken wie das Institute for the Study of War in Washington zu ähnlichen Schlüssen gelangen.
Welche Waffen besitzt der Iran zurzeit noch?
Im konventionellen Bereich – gemäss den US-Geheimdienstangaben – hat das iranische Regime nach wie vor Zugang zu rund 90 Prozent seiner zum Teil unterirdischen Raketenstellungen. Entlang der Strasse von Hormus sollen 30 von ursprünglich 33 Raketenstellungen noch funktionieren. 70 Prozent der Bestände an Raketen – Kurz- und Mittelstreckenraketen – seien noch vorhanden. Möglicherweise habe der Iran sogar neue bauen können. Auch besitzt Teheran noch rund 400 Kilo hoch angereichertes Uran, das zum Bau mehrerer Atombomben dienen könnte. Auch die UN-Atombehörde IAEA geht davon aus, dass die Bestände bei den amerikanisch-israelischen Angriffen 2025 und Anfang 2026 nicht vollständig zerstört wurden. Unklar ist, ob dieses Material zugänglich oder verschüttet ist. Vermutlich kann das Regime es nicht von heute auf morgen nutzen, um daraus nukleare Gefechtsköpfe herzustellen.
Gibt es eine Möglichkeit, den Krieg statt auf militärischem auf diplomatischem Weg zu lösen?
Es gibt mehrere denkbare Szenarien. Beim diplomatischen Szenario zeigt der Austausch von Botschaften, dass sich das iranische Regime seiner Sache immer noch ziemlich sicher fühlt. In entscheidenden Punkten – Atomprogramm und freier Verkehr in der Strasse von Hormus – macht es praktisch keine Zugeständnisse. Trump muss sich am Ende womöglich mit weitaus weniger zufriedengeben, als er ursprünglich gedacht und versprochen hat. Keineswegs auszuschliessen ist aber auch, dass das Regime an inneren Streitigkeiten zerbricht, dass die wirtschaftliche Not es in die Knie zwingt, wenn auch vielleicht erst in mehreren Monaten. Oder dass sich die Bevölkerung erneut erhebt.