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Wütende und enttäuschte Armenier besetzen das Regierungsgebäude
Aus News-Clip vom 10.11.2020.
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Krieg im Kaukasus Armenien und Aserbaidschan beenden Kämpfe – dank Moskau

Die Führungen von Armenien und Aserbaidschan haben sich offenbar auf ein Ende der Kampfhandlungen verständigt.

Nach mehr als sechs Wochen schwerer Gefechte in der Südkaukasus-Republik Berg-Karabach haben sich Armenien und Aserbaidschan auf ein Ende aller Kampfhandlungen verständigt.

Die Vereinbarung kam unter Vermittlung von Russlands Präsident Wladimir Putin zustande, wie der Kreml in Moskau mitteilte. Russische Friedenstruppen sollen die Waffenruhe den Angaben zufolge überwachen.

Russische Soldaten als Friedensgaranten

Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte bereits in der Nacht auf Dienstag Aufnahmen, die die Vorbereitung und den Transport von Soldaten per Flugzeug in die Krisenregion zeigen sollten.

Zerschossenes Haus.
Legende: Am Montag hatte Aserbaidschan die Einnahme der wichtigen Stadt Schuscha vermeldet. Reuters

Der aserbaidschanische Staatschef Ilham Aliyev sagte, der Einsatz von Friedenstruppen sei vorerst auf fünf Jahre begrenzt. Er könne jedoch verlängert werden, wenn sowohl Armenien als auch Aserbaidschan dem zustimmten. Das Kontingent soll demnach rund 2000 Soldaten betragen.

Das sieht die Vereinbarung vor:

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  • Gefangenenaustausch.
  • Die Leichen der getöteten Soldaten werden übergeben.
  • Flüchtlinge sollen unter Aufsicht der Vereinten Nationen in ihre Heimat zurückkehren.
  • Russische Grenztruppen übernehmen die Kontrolle über die Transportverbindungen zwischen Karabach und Armenien.
  • Aserbaidschan und Armenien frieren ihre aktuellen Positionen ein.

Der Führer der nicht anerkannten Republik Karabach, Araik Arutjunjan, verteidigte die Übereinkunft. «Die entstandene schwere Situation berücksichtigend und ausgehend von der Notwendigkeit, weitere grosse menschliche Verluste und den vollständigen Verlust von Karabach zu vermeiden, habe ich meine Zustimmung zur Beendigung des Krieges gegeben», schrieb der 46-Jährige bei Facebook.

Araik Arutjunjan: Krieg so schnell wie möglich beenden

Die Waffenruhe ist um 01:00 Uhr Ortszeit in Kraft getreten.

Langfristige Lösung angestrebt

Nach Ansicht Putins ist die Vereinbarung die Grundlage für eine langfristige Lösung des Karabach-Problems. Bisher gab es bereits drei Anläufe für eine Waffenruhe. Sie scheiterten allesamt. Es ist aber das erste Mal, dass die Staats- und Regierungschef eine solche Vereinbarung unterzeichneten.

Audio
Aus dem Archiv: Warum ist Berg-Karabach für Armenien so wichtig?
aus Echo der Zeit vom 30.09.2020.
abspielen. Laufzeit 6 Minuten 11 Sekunden.

Das aserbaidschanische Fernsehen zeigte live, wie Aliyev und Putin parallel die Dokumente unterzeichneten. Ursprünglich sollte auch der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan dabei sein. «Paschinjan weigerte sich, die Erklärung zu unterzeichnen, doch er wird es tun müssen», verkündete Aliyev später in einer Ansprache an die Nation.

Armenien hat quasi kapituliert

Paschinjan selbst sprach von einer äusserst schwierigen Entscheidung. «Der Text ist für mich persönlich und für unser Volk schmerzhaft.» Er habe sich aber nach reiflicher Überlegung und Analyse der Lage für eine Unterzeichnung entschieden, schrieb Paschinjan. Beobachter werteten das als Kapitulation.

Ausschreitungen enttäuschter Armenier

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In Armeniens Hauptstadt Eriwan kam es nach Bekanntwerden der Vereinbarung für eine Waffenruhe zu Ausschreitungen. Demonstranten besetzten in der Nacht zum Dienstag das Regierungsgebäude. Sie zerschlugen Möbel, Türen und Fenster – aus Wut und Enttäuschung ob der Kapitulation der Regierung. Sie beschimpften Regierungschef Nikol Paschinjan als Verräter, einige seien bis in dessen Büro von vorgedrungen. Mehrere Hundert Menschen hielten sich laut TV-Berichten vor dem Regierungssitz auf. (dpa)

Die Gefechte zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach hatten Ende September begonnen und über 1200 Todesopfer gefordert. Der Konflikt selbst ist aber schon jahrzehntealt. So verlor Aserbaidschan nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das bergige Gebiet mit etwa 145'000 Bewohnern.

Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Aserbaidschan beruft sich in dem neuen Krieg auf das Völkerrecht und sucht immer wieder die Unterstützung von seinem «Bruderstaat» Türkei. Armenien wiederum setzt auf Russland als Schutzmacht.

Einschätzung von SRF-Russland-Korrespondent David Nauer

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David Nauer

Wie stehen die Chancen, dass diese Waffenruhe hält?

Es sieht nach einer soliden Lösung aus. Also danach, dass dieser Waffenstillstand tatsächlich halten kann. Und zwar vor allem, weil Russland Friedenstruppen schickt. Das ist ganz klar ein Faktor, der die Lage stabilisieren dürfte. Allerdings gibt es auch noch Risiken. Eines dieser Risiken ist bestimmt, dass in Armenien sehr viele Menschen diese Vereinbarung ablehnen, weil sie sie quasi als Kapitulation sehen. Dazu kommt, dass es ja schon früher Versuche gegeben hat, die Kämpfe einzustellen, und diese Versuche sind jedes Mal gescheitert. Es ist also schon noch ein gewisses Unsicherheitspotenzial da. Aber es sieht dieses Mal danach aus, dass die Waffenruhe solide sein könnte und dass dieser Vertrag das Ende des Krieges bedeuten könnte.

Karte der umstrittenen Region.
Legende: Die Region Berg-Karabach wird von Armenien und Aserbaidschan beansprucht. SRF

SRF 4 News, 10.11.20202; 01.00 Uhr;

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Meier  (M.Meier)
    Russland und Türkei spielen wieder mal Geopolitik, während sich die USA innerlich zerreissen, die EU handlungsunfähig ist und China sich ins Fäustchen lacht.
    Ungefähr so werden die nächsten Jahrzehnte geopolitisch aussehen.
    1. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      USA und Westeuropa (auch andere angelsächsischen Idioten: Australien und Kanada) haben in Euroasien (Osteuropa + Asien) nichts verloren. Sowie Euroasien auch in Amerikas nichts verloren hat. Ausser Migration vor 20 Tausend Jahren der Vorfahren der Indianer aus Sibirien. Die fast alle durch Neuamerikaner ausgerottet wurden. Das musste schon den Amerikanern seit Vietnamkrieg und dem Krach in Iran klar gewesen sein. Dann aber was machen kanadischen und australischen Söldner in der Ukraine?
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Der Teufelskerl
    Die Putin von@KEM genannt wird will seine Ruhe im südlichen Russland RF haben um Gesamtrussland weiter zu stabilisieren politisch und wirtschaftlich den Tuerken kann er nur so neutralisieren sonst hat er die NATO als Gegner Putin will keinen Krieg die Meinung es handle sich um schwache Armeen im Gebiet ist total falsch Armenien ist etwa gleichstark wie Aserbeidschan welches aber türkischen Söldner unterstützt ist
    Nicht vergessen Aserbeidschan ist auch ein Teil der RF
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Peter König: Armeniens Armee ist zwar im Verhältnis zu den Einwohnern gross und die Soldaten sind gut ausgebildete und zähe Kämpfer, aber das Material stammt aus den Zeiten der Sowjetunion der 70er Jahre. Also weit weg von heutigen Standards. Aserbeidschan hingegen konnte dank Ölmilliarden und türkischer Unterstützung modernisieren und ist deshalb den Armenieren inzwischen weit überlegen.
  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Fazit: Der besser und moderner ausgerüstete Staat konnte zuerst seine strategischen und territorialen Ziele verwirklichen und sich nachher aus der Position des Siegers auf einen Waffenstillstand und Verhandlungen einlassen, um moralisch gut dazustehen. Das Pfand hat er ja bereits erobert. Der kleinere und schlechter ausgerüstete Staat hat verloren. So läuft das im worst case ab; auch noch im 21. Jh. Vielleicht sollte auch die GSoA endlich mal über die Bücher und diese Tatsachen anerkennen.
    1. Antwort von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
      Genau Herr Leu! Mit der Abschaffung der Armee (Ziel der Gruppe Schweiz ohne Armee, GSoA) ist niemandem gedient. Da müsste die Truppe um Lewin Lempert wirklich die Ziele überdenken oder den Namen. Anlässlich der letzten Arena (Thema "Kriegsgeschäfte-Initiative") wurden die Grundidee der GSoA wieder verleugnet und zwar von Lempert selber. Und die Stimmbürger fallen immer wieder darauf herein.
    2. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @Leu: Schauen Sie sich doch mal die von SRF oben gezeigte Karte an: Armenien besetzt nicht nur Bergkarabach. Armenien besetzt darüberhinaus den flächenmässig noch grössere aserbaidschanische Korridor, welcher Bergkarabach von Armenien trennt!
      Aserbaidschan besetzt hingegen keinen Quadratmeter armenisches Territorium! Nicht Aserbaidschan ist der Aggressor, sondern Armenien. Da hat sich Armenien schlicht und einfach übernommen und hat vergeblich auf die Hilfe Russlands gewartet.
    3. Antwort von Marco Hunziker  (erlagfr)
      @Stadler: Aserbaidschan führt seit dem 27. September einen brutalen Angriffskrieg gegen die Karabakh-Armenier und bombardiert gezielt Städte, Zivilisten, Spitäler und Kirchen. Sie setzen international geächtete Streumunition und Phosphorbomben ein und brechen jegliches Kriegsrecht. Tausende Armenier mussten sterben aufgrund des imperialistischen Strebens der Türkei.
      Berg-Karabach hat sich übrigens komplett legal für unabhängig erklärt, auch wenn dies die int. Gem. nicht anerkannt hat.
    4. Antwort von Marco Hunziker  (erlagfr)
      Und an alle GSoA-Kritiker*innen: Denken Sie wirklich, dass eine globale Aufrüstung den Südkaukasus beruhigen kann? Die einzige dauerhafte Lösung für den Konflikt sind Vertrauensbildungsmassnahmen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die Dehumanisierung der jeweils anderen muss gestoppt werden. Die Nationalisten und Kriegstreiber marginalisiert. Die ethnische Homogenisierung der Länder rückgängig gemacht. Und die eigene Geschichte kritisch hinterfragt werden. Es braucht Vertrauen und keine Waffen
    5. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Marco Hunziker: Die Armee dient nicht der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung von wem auch immer, sondern einzig und allein dem Zweck, dass man sich wehren kann, falls die Vertrauensbildungsmassnahmen, welche Sie beschreiben, trotz allem diplomatischem Geschick, nicht funktionieren. Es ist sozusagen die Lebensversicherung, die man im besten Fall nie braucht. So einfach ist das. Im Konflikt Armenien-Aserbeidschan haben ja offenbar 30 Jahre Verhandlungen am Ende nichts gebracht.
    6. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Thomas Leu. Sie wissen schon, dass Armenien Berg-Karabach besetzt hält, wider Völkerrecht? Auch wird dies von den Staaten nicht anerkannt!