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Krieg in der Ukraine Geldbetrug: Wenn russische «Helden» zu Opfern werden

Der Kreml feiert seine Soldaten. Doch an der Front wie in der Heimat werden sie oft Opfer von Verbrechen.

Im russischen Krieg gegen die Ukraine gibt es laut Schätzungen des Roten Kreuzes insgesamt mehr als 250’000 vermisste Soldaten auf beiden Seiten. Deren Angehörige hoffen verzweifelt auf Nachrichten von den verschollenen Männern – und lassen sich dabei schnell von Betrügern täuschen.

Oft schicken Betrüger gefälschte Bilder, auf denen der Mann verwundet im Spital liegt oder in einem Gefangenenlager misshandelt wird.
Autor: Wilhelm Odde Moskauer Büro des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz

In Russland ist die Masche besonders lukrativ: Der Kreml hat die Löhne und Boni für Soldaten massiv angehoben; deren Familien haben den Ruf, viel Geld zur Verfügung zu haben.  

Online-Betrug weitverbreitet

Anruf bei der Frau eines russischen Soldaten – wir nennen sie Lisa. Ihr Mann fuhr im Dezember an die Front. Zwei Monate später geriet er in ukrainische Gefangenschaft – das konnte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bestätigen und Lisa mitteilen.

Person mit brauner Tasche schaut auf ein Handy an einer Strasse.
Legende: Nicht alle besorgten Angehörigen erkennen, dass sie gefälschte Fotos erhalten. (Symbolbild) Keystone/ALEXANDER ZEMLIANICHENKO

«Kurz darauf erhielt ich auf Telegram ein Foto», erzählt Lisa. «Darauf war mein Mann zu sehen, aber es war klar gefälscht. Später kam noch eine Nachricht: ‹Wissen Sie, wo er ist?› Ich habe nicht geantwortet.» 

Höchstwahrscheinlich stammte die Botschaft von Betrügern. «In Russland ist dieses Problem verbreitet», sagt Wilhelm Odde vom Moskauer Büro des IKRK. Betrüger kontaktierten Angehörige von Soldaten und behaupteten, diese seien in Gefangenschaft. Gegen Geld versprächen sie, den Mann auf eine Austauschliste zu setzen oder mit Medikamenten zu versorgen.   

«Oft schicken sie gefälschte Bilder, auf denen der Mann verwundet im Spital liegt oder in einem Gefangenenlager misshandelt wird», so Odde, der beim IKRK in Russland für die Suche nach Vermissten verantwortlich ist.

Korrupte Offiziere

In allen Konflikten nutzten Betrüger die Angst von Angehörigen aus, sagt der IKRK-Mann. Aber es gibt einen Faktor, der russische Soldaten und ihre Angehörigen zu einer besonders attraktiven Beute macht: Russland rekrutiert vor allem mit hohen Antrittsgeldern und einem Sold, der weit über dem Durchschnittslohn liegt.

Viel wird darüber geschrieben, dass russische Kriegsrückkehrer häufig straffällig werden. Doch das kremlkritische Medium «Regionaler Aspekt», das über Russlands Regionen schreibt, hat in Gerichtsakten Dutzende Fälle gefunden, in denen Soldaten zu Opfern wurden: Diebstahl, Raub, Erpressung und sogar Entführung, um an ihr Geld zu kommen.

Verschiedene Recherchen zeigen, dass teils auch die eigenen Offiziere die Soldaten ausnehmen: Wer etwa Fronturlaub machen oder nicht in den Kampf geschickt werden will, muss zahlen oder seine Bankkarte herausrücken.  

Misstrauische Angehörige

Auch Lisas Mann ist mutmasslich zum Opfer von versuchtem Diebstahl geworden. «Als mein Mann noch vermisst war, meldete die Bank mehrere Versuche, mit seiner Karte Geld zu beziehen», erzählt sie.

In den sozialen Medien versuchen wir, die Leute aufzuklären, damit sie das IKRK von Betrügern unterscheiden können.
Autor: Wilhelm Odde Moskauer Büro des IKRK

Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Betrugs- und Diebstahlversuche aus der Ukraine kamen, nachdem Lisas Mann in Gefangenschaft geriet.

Die Arbeit des IKRK wird von den Betrügern erschwert: Diese gäben sich oft als Mitarbeitende des Roten Kreuzes aus, so Odde. Manche Angehörige legten deshalb den Hörer auf, wenn das IKRK anrufe.  

Die Rolle des Roten Kreuzes

Box aufklappen Box zuklappen

Das IKRK will Angehörige auf beiden Seiten mit verlässlichen Informationen versorgen. Dafür, dass sie mit den Kremlbehörden zusammenarbeitet, obwohl Russland immer wieder gegen das Kriegsrecht verstösst, erntet die Organisation Kritik aus der Ukraine.  

«Wir brauchen Zugang zu Betroffenen auf beiden Seiten», erklärt Wilhelm Odde. «Darum müssen wir mit beiden Seiten auch arbeiten. Erhalten wir Zugang zu Kriegsgefangenen, können wir zum Beispiel eine Botschaft von ihnen an die Angehörigen überbringen, ein Lebenszeichen.»

Allerdings erhält das IKRK nicht zu allen ukrainischen Gefangenen in Russland Zugang. Der Zugang zu russischen Soldaten in ukrainischer Gefangenschaft ist um einiges einfacher.

«In den sozialen Medien versuchen wir, die Leute aufzuklären, damit sie das IKRK von Betrügern unterscheiden können», so Odde. Der entscheidende Punkt: Für seine Hilfe verlange das Rote Kreuz von Angehörigen niemals Geld.

Rendez-vous, 29.6.2026, 12:30 Uhr; bitd;brus

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