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Vergleich mit dem 1. Weltkrieg «Dieser Krieg geht weit über die Ukraine und Russland hinaus»

Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon mehr als vier Jahre. Damit ist er länger als der Erste Weltkrieg. Doch sind Vergleiche von Kriegen überhaupt statthaft? Der Historiker Jörn Leonhard von der Universität Freiburg (D) erklärt, warum er solche Vergleiche sinnvoll findet.

Jörn Leonhard

Professor für Neuere und Neuste Geschichte, Uni Freiburg (D)

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Jörn Leonhard ist Professor für Neuere und Neuste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg im Breisgau (D). Seine Forschungsinteressen liegen bei der Vergleichenden Geschichte Europas seit dem 18. Jahrhundert.

SRF News: Darf man Kriege überhaupt vergleichen?

Jörn Leonhard: Ich glaube, man darf sie vergleichen, wenn man sich vor Augen führt, dass «vergleichen» ja nicht «gleichsetzen» heisst. Mit dem Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg sind wir in der Lage, besser zu erkennen, worüber wir eigentlich sprechen, wenn wir von einem grossen Krieg sprechen, mit Blick auf die Dauer, auf die Opfer, auf das europäische und globale Ausmass. 

Weshalb ist der Vergleich so sinnvoll?

Er drängt sich auf, weil wir alle sehen, dass der Ukraine-Krieg ein grosser und langer Krieg ist. Er ist nicht vergleichbar mit kürzeren Kriegen aus dem 20. Jahrhundert, sondern mit den beiden Weltkriegen. Das gilt einerseits für die chronologische Dauer und für das Ausmass der Opfer. 

Andererseits gilt das auch für die Einbeziehung der sogenannten Heimatfront, also der eigenen Gesellschaft, der Wirtschaft. Und der Vergleich ist besonders wichtig, weil dieser Krieg weit über die Ukraine und Russland hinausgeht, weil er Europa herausfordert, in gewisser Weise sogar eine ganze Weltordnung. Denken Sie an China, an die iranische Unterstützung für Russland, an Länder wie Brasilien oder Indien. Das erinnert stark an die beiden Weltkriege.

Ein langer Krieg mit vielen Opfern legt die Hürde zu erfolgreichen Friedensverhandlungen noch höher. Das ist eine strukturelle Ähnlichkeit, die wir im Ersten Weltkrieg und auch im Augenblick finden.

Warum fällt die Länge eines Krieges so ins Gewicht?

Die Länge ist deshalb so wichtig, weil ein langer Krieg immer viele Opfer fordert. Eine Gesellschaft, die enorme Opfer hinnehmen muss, wird fordern, dass der Krieg im Ergebnis etwas bringt, was man mit diesen Opfern rechtfertigen kann. Anders gesagt: Wenn nun eine Seite zu einem grossen Zugeständnis bereit wäre, dann könnte das der eigenen Gesellschaft so vorkommen, als würde man die Opfer – das sind konkret Ehemänner, Brüder, Väter – verraten. 

Drei Soldaten in Tarnuniform halten Raketen in lila blühendem Feld.
Legende: Ukrainische Soldaten bei einer Übung, bevor sie an der Front eingesetzt werden. Keystone / PRESS SERVICE OF THE 65TH MECHANIZED BRIGADE

Das haben wir auch im Ersten Weltkrieg 1916/17 gesehen. Als damals die ersten Friedensfühler ausgestreckt wurden, war dies für einen grossen Teil der Öffentlichkeit in den Kriegsgesellschaften ein Verrat an den Opfern. Ein langer Krieg mit vielen Opfern legt die Hürde zu erfolgreichen Friedensverhandlungen noch höher. Das ist eine strukturelle Ähnlichkeit, die wir im Ersten Weltkrieg und auch im Augenblick finden. Ein zweiter Aspekt ist, dass sie technologische Innovationen hervorbringen. Das sehen wir im Ersten Weltkrieg mit der Entwicklung des Gaskrieges und der U‑Boot-Waffen. Und wir erleben die Weiterentwicklung technologischer Ansätze täglich im Ukraine-Krieg. 

Die globale Ordnungsveränderung macht ein Stück weit die Orientierungslosigkeit aus, mit der wir im Augenblick alle konfrontiert sind.

Der Erste Weltkrieg hat Europas politische Ordnung komplett verändert. Sehen Sie beim Ukraine-Krieg auch einen historischen Wendepunkt?

Auf jeden Fall. Wir sehen, dass das Ende des russisch-ukrainischen Krieges auch eine Signalwirkung für andere globale Konflikte haben könnte, auf den Konflikt um Taiwan zum Beispiel. Es wird eine Signalwirkung für den Mittleren und Nahen Osten, auf Indien und Pakistan, auf Armenien und Aserbaidschan haben. 

Auch hier haben wir eine globale Ordnungsveränderung, bei der wir im Augenblick nicht wissen, welche neue Ordnung entsteht, sondern eher ein Gefühl dafür entwickeln, welche Sicherheiten aus der Vergangenheit im Augenblick unter Druck geraten. Genau das macht ein Stück weit die Orientierungslosigkeit aus, mit der wir im Augenblick alle konfrontiert sind.

Das Gespräch führte Manuel Fasol.

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SRF 4 News, 22.6.2026, 6:20 Uhr ; 

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