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Brasilien: Kulturminister muss wegen Goebbels-Zitaten gehen
Aus Echo der Zeit vom 18.01.2020.
abspielen. Laufzeit 03:43 Minuten.
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Kultursekretär entlassen Goebbels-Bezug geht auch in Bolsonaros Brasilien zu weit

Brasiliens Kultursekretär hat Hitlers Propaganda-Minister zitiert. Der Aufschrei war gross, der Politiker muss gehen.

Der Theaterbesitzer und Kultursekretär Roberto Alvim ist nicht einfach ein Rechtsaussen mehr, den Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro in sein Kabinett aufgenommen hatte. Das wurde klar, als Alvim in einer Videobotschaft die Kulturpreise der Regierung vorstellte: «Die brasilianische Kunst des nächsten Jahrzehnts wird heroisch sein und national. Oder sie wird gar nichts sein», liess er darin verlauten.

Allein die Ästhetik des Videoauftritts liess viele erschaudern. Zu Alvims Ansprache waren im Hintergrund Klänge aus Richard Wagners Oper «Lohengrin» zu hören und verstärkten den Eindruck, hier laufe Nazi-Propaganda.

Mann sitzt an Pult, dahinter Bild von Bolsonaro. Auf dem Pult steht ein Holzkreuz.
Legende: Seine Aussagen ähnelten stark jenen von NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels: Roberto Alvim. SRF

Der ominöse Satz selbst ist ein Zitat aus einer Rede von Hitlers Propaganda-Minister Joseph Goebbels, gehalten im Jahr 1933 vor deutschen Theaterleitern.

Die Äusserungen sorgten für einen Sturm der Entrüstung. Deshalb entschied sich Präsident Bolsonaro, den Kultursekretär zu entlassen. Diese Distanzierung ist aber wohl nur oberflächlicher Natur, wenn man sich anschaut, wie in Brasilien die liberale Demokratie ausgehöhlt wird.

Bolsonaros Kultursekretär erklärte später, er habe nicht gewusst, woher der Satz stamme, er hätte ihn sonst nicht gesagt. Und machte im selben Atemzug alles noch schlimmer: «Inhaltlich ist die Aussage absolut perfekt; ich kann sie voll unterschreiben», schob Alvim nach.

Vorzensur im Filmwesen

Das zeigt, wie sich die Regierung Bolsonaros Kulturpolitik in Brasilien vorstellt. Und einige dieser Vorstellungen hat sie schon umgesetzt: Im Filmwesen etwa existiert eine Art Vorzensur. Mit staatlichen Mitteln wird nur noch das gefördert, was der Regierung ideologisch in den Kram passt. Feministische oder Genderthemen oder überhaupt alles, was als gesellschaftskritisch oder gar als links gilt, gehört nicht dazu.

«Demokratie auf der Kippe», ein brasilianischer Dokumentarfilm der politisch links stehenden Regisseurin Petra Costa, ist gerade für einen Oskar nominiert worden. Brasiliens Präsident sagt, das Werk sei «eine Schweinerei».

Waffengesetze gelockert

Ausserdem setzt Bolsonaro auf die Lockerung der Waffengesetze. Viele Brasilianer haben sich eine oder mehrere Waffen beschafft. Bolsonaro schreibt den leichten Rückgang der Mordrate im letzten Jahr dieser Massnahme zu. In Wirklichkeit ist es 2019 einzig zu weniger Massakern in den Gefängnissen gekommen, die jeweils Dutzende von Toten fordern und sehr statistikrelevant sind.

Hingegen steigt die Zahl von Polizeieinsätzen mit tödlichem Ausgang steil an. Besonders, seit jeder Schusswechsel automatisch als Selbstverteidigung der Beamten ausgelegt und gar nicht mehr untersucht wird.

Brachialgewalt würde wohl auch eingesetzt, sollten die Brasilianer auf die Idee kommen, breit gegen die Obrigkeit zu protestieren, so wie das in Chile der Fall ist. Bolsonaros Sohn und der Finanzminister plädieren für diesen Fall dafür, die institutionelle Akte Nr. 5 aus der Schublade zu holen. Dieses Dekret war das Werkzeug der letzten Militärdiktatur, mit den bürgerlichen Freiheiten aufzuräumen.

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Jörg Wombacher  (Dr. Fritz)
    Ich war immer ein hoffnungsloser Optimist, aber diese Haltung wird mir in dieser Welt zusehends erschwert. Diktatoren, Demagogen, Faschisten und Populisten sind auf dem Vormarsch. Genau wie der Klimawandel, der von diesen Menschen und vielen, die ihnen zur Macht verhelfen, geleugnet wird. Ich hoffe, dass man in 100 oder 200 Jahren mal auf diese Phase der Menschheitsgesichte zurückblickt und als einen kurzen Rückfall in dunklere Zeitalter mitleidsvoll belächeln kann. Quo vadis Menschheit?
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    1. Antwort von Tom Duran  (Tom Duran)
      Meine Sie wirklich das es heute schlimmer ist als früher? Da irren Sie sich aber. Der Einzige Unterschied: heute kommt jede Aussage, jede Tat oder jedes Versagen mehrfach in den Medien. Sofort. Und das ist der Unterschied. Die Regierungen und Präsidenten waren schon immer so, nur im Geheimen halt.
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    2. Antwort von Mihai Löchli  (Siebenbürgen)
      @Duran. Wenn man nur dem gleichen Medienspektrum liest und konsumiert, kommen solche Wahrnehmungen raus, dass alles schlimm ist und das nur wegen der so bösen "Rechtspopulisten". Horizont Erweiterung könnte Weltbilder zum Zusammenbrechen bringen und nicht jeder ist für sowas bereit.
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    3. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Glauben sie wirklich, dass noch einige zurückblicken können?
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  • Kommentar von Pascal Gienger  (Pascal Gienger)
    Warum haben grosse Teile von Hitlers Wahnsinn wieder so grossen Erfolg?

    In Deutschland mehren sich die Stimmen dass ohne Judenverfolgung das doch ein gutes Programm gewesen sei. Und Arbeiter profitiert hätten.

    Auch dass Ausländer jederzeit "zurückgeschickt" werden können wird befürwortet - Arbeit für nationale Bürger First.

    Es ist ein Grauen.
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    1. Antwort von Tom Duran  (Tom Duran)
      Warum wohl. Multikulti passt halt nicht jedem. Da muss man sich dann nicht wundern, dass viele gefrustet Rechts wählen. Das bringt zwar auch nichts, aber Sie sehen ja wie die Menschen denken.
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    2. Antwort von S. Borel  (Vidocq)
      Dieses „Argument“ zieht im Beispiel Brasilien‘s schon mal gar nicht: Brasilien ist seit seiner Staatsgründung „multikulti“!
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    3. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Vidocq. Und auch in diesem Land wie in allen amerikanischen Ländern: zuoberst die Leute europäischer Abstammung, dann solche afrikanischer Abstammung, dann die Indigenen (beschönigend "First Nation").
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  • Kommentar von kurt trionfini  (kt)
    Der Testlauf des Herrn Kulturminister zeigt zwei verschiedene Seiten der selben Medaille. Das finde ich beruhigend: Brasilien ist (noch) nicht reif für faschistisches Gedankengut. Das finde ich enorm beunruhigend: Brasilien ist reif für eine Regierung mit einem faschistischen Kulturminister.
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