US-Präsident Donald Trump fordert, dass der bekannte Late-Night-Show-Moderator Jimmy Kimmel entlassen wird. Kimmel hatte letzten Donnerstag über Trumps Ehefrau Melania gewitzelt, sie habe «das Leuchten einer werdenden Witwe». Das war zwei Tage vor dem Attentatsversuch bei einem Dinner im Weissen Haus. Nun sagt Trump, Kimmel habe praktisch zur Gewalt aufgerufen. Der Experte für Nordamerikanische Kultur, Martin Lüthe, ordnet die Kritik ein.
SRF News: Warum ruft Trump gerade jetzt dazu auf, Kimmel zu entlassen?
Martin Lüthe: Erstens ist der generelle politische Kontext zu beachten. Trump führt einen in den USA sehr unbeliebten Krieg im Iran. Da ist es keine steile These, wenn man sagt: Trump kommt jede Ablenkung gelegen. Zweitens ist es aber natürlich der ganz konkrete Anlass, dass es den Attentatsversuch gegeben hat beim Correspondents Dinner.
Das nimmt Trump jetzt zum Anlass zu sagen: Er hat meinen Tod gefordert.
Retrospektiv muss man sagen: Kimmel hat einen etwas unglücklichen Witz darüber gemacht, dass Trump alt sei –und dass Melania Trump so aussehe wie eine Frau, die sich darauf freut, bald Witwe zu sein. Das nimmt Trump jetzt zum Anlass zu sagen: Er hat meinen Tod gefordert. Deshalb gibt es gerade diese Situation, dass er ganz konkret wieder Jimmy Kimmels Rücktritt fordern kann.
Es ist nicht aussergewöhnlich, dass «Late Night Shows» den Präsidenten oder auch die Politik generell kritisieren. Wird Donald Trump wirklich besonders hart angegangen oder ist er einfach empfindlicher?
Ich glaube, beides kann wahr sein. Als die «Daily Show» mit Jon Stewart auf Sendung gegangen ist, wurde sie sehr berühmt. Das war eine politische Satireshow, an der sich auch die klassischen Late-Night-Moderatoren orientiert haben. Das hat meines Erachtens dazu geführt, dass die sogenannten Monologe zu Beginn der Shows viel satirischer und viel politischer geworden sind. Das trifft Trump genauso, wie es auch vorher Biden getroffen hat.
Trump ist in dem Punkt wohl besonders empfindlich.
Das andere ist: Die Vorstellung, dass Trump besonders hart angegangen werde, passt sehr gut in dessen Selbstbild. Denn für die politische Person Trump ist ein zentraler Ankerpunkt, dass er immer heftiger kritisiert wird als die Konkurrenz, dass er bei der Wahl betrogen wurde. Diese Idee, dass er auf allen Ebenen diskriminiert wird. Deshalb ist er in dem Punkt wohl besonders empfindlich.
Trump ist als US-Präsident der mächtigste Mann der Welt. Eigentlich könnte ihn die Show auch kalt lassen. Oder könnten ihm diese ernsthaft schaden?
Ich glaube nicht, dass ihm diese Shows ernsthaft schaden können. Schon deshalb nicht, weil Jimmy Kimmel für sein Stammpublikum mittlerweile eindeutig im anderen politischen Lager zu verorten ist. Schon deshalb erreichen diese Shows eigentlich nicht das Publikum, das Trump den Rücken kehren könnte. Deshalb braucht er eigentlich keine Angst zu haben. Wahrscheinlich wäre es die einfachste Strategie zu sagen: «Da werden ein paar Witze über mich gemacht, das gehört zu meinem Job dazu». Aber wir sehen gerade in den USA das Gegenteil, mit einiger Vehemenz. Auf diese neue Art von Befindlichkeit muss man auch mal ein Auge richten. Auch der deutsche Bundeskanzler, Friedrich Merz, hat gesagt, dass er durch das Internet viel mehr Kritik erfahre, und dass dort viel mehr Spass auf seine Kosten gemacht werde als über jeden Kanzler vor ihm. Da gibt es vielleicht eine neue Sensibilität bei den Leuten, die diese Ämter innehaben.
Das Gespräch führte Isabelle Maissen.