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Lebenslange Haft für Genozid Zwei einstige Führer der Roten Khmer verurteilt

Legende: Video Anführer der Roten Khmer wegen Völkermordes verurteilt abspielen. Laufzeit 01:57 Minuten.
Aus Tagesschau vom 16.11.2018.
  • Erstmals sind in Kambodscha zwei Mitglieder der Roten-Khmer- Führungsriege wegen Genozids schuldig gesprochen worden.
  • Ein von der UNO unterstütztes Sondertribunal verurteilte den einstigen Chefideologen und den einstigen Staatschef zu lebenslangen Haftstrafen.
  • Zwei ursprünglich ebenfalls angeklagte ehemalige Führungsmitglieder der Roten Khmer sind während des siebenjährigen Völkermordprozesses gestorben.

Der einstige Chefideologe und Stellvertreter von Regimeführer Pol Pot, Nuon Chea, sowie der ehemalige Staatschef Khieu Samphan waren zuvor bereits wegen anderer Vorwürfe als der Anschuldigung des Genozids verurteilt worden.

Mit dem Urteil kam der zweite Teil eines Völkermordprozesses gegen die überlebende Führung des Rote-Khmer-Regimes zum Abschluss. Das Tribunal verhandelte seit 2011.

1,7 Millionen Menschen umgebracht

Die Roten Khmer wollten zwischen 1975 und 1979 eine maoistische Bauerngesellschaft verwirklichen. Sie trieben die Stadtbevölkerung aufs Land, schafften Geld und Schulen ab und zwangen alle Menschen auf die Felder.

Durch Hungersnöte, Zwangsarbeit, Folter und Ermordungen kamen in dem kleinen südostasiatischen Land nach Schätzungen mindestens 1,7 Millionen Menschen ums Leben – die Bevölkerung verringerte sich um mindestens 20 Prozent.

Einschätzung von Südostasien-Korrespondent Lukas Messmer

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Ein mehr als zehnjähriger Prozess ist zu Ende. Nuon Chea (92 Jahre) und Khieu Samphan (87 Jahre) sind für Völkermord an der ethnischen Minderheit der Cham und den lokalen Vietnamesen verurteilt worden – der vor 40 Jahren stattfand. Das ist für die junge Bevölkerung im armen südostasiatischen Land weit weg. Die Überlebenden der Schreckensherrschaft der Roten Khmer sind die Gross- oder Urgrosseltern der heutigen Kambodschaner. Das Land ist eines der Ärmsten Südostasiens.

Die jungen Menschen sorgen sich, eine gute Ausbildung zu erhalten und einen guten Job zu kriegen. Darum ist den meisten Kambodschanern wohl egal, ob das ein Völkermord war oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die beiden Greise sassen ja bereits im Gefängnis. Auch die Regierung unter Hun Sen hat sich über die Jahre nur bedingt für das Tribunal interessiert und war zu Beginn sogar dagegen. Der diktatorische Machthaber Kambodschas ist seit 33 Jahren an der Macht und kämpfte als junger Mann selbst mit den Roten Khmer, bis er die Seiten wechselte. Seine Regierung hat immer darauf bestanden, dass nur die obersten Befehlshaber verurteilt werden – auch zum Schutz seiner selbst.

Das Urteil bleibt aber wichtig für die Geschichtsschreibung, die internationale Gemeinschaft und für die Akzeptanz künftiger Prozesse wegen Völkermords: Ein Signal, dass Völkermord bestraft wird – auch wenn es lange dauert.

Die letzten Überlebenden der Roten-Khmer-Führungsriege: Nuon Chea (oben) und Khieu Samphan.
Legende: Die letzten Überlebenden der Roten-Khmer-Führungsriege: Nuon Chea (oben) und Khieu Samphan. Reuters

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Yasha Bostic (YashaB)
    Es ist leicht, über die UNO zu schimpfen ohne selber eine Lösung zu wissen. Aber ja, die UNO ist nicht sehr wirkmächtig. Das liegt aber nicht unbedingt an der Organisation oder ihrem Grundgedanken, sondern daran, dass es auf der Welt halt verschiedene Mächte mit oft zuwiderlaufenden Interesen gibt. Dennoch ist es wichtig, zumindest den Versuch einer globalen Zusammenarbeit zu machen, selbst wenn fruchtlos. Zu den Verurteilungen sage ich: Besser spät als nie.
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  • Kommentar von Arthur Pünter (puenti)
    Es hat fast 40 Jahre gebraucht, bis ein von der UNO unterstütztes Marionetten-Sondertribunal zum Schluss gekommen ist, dass die linken Massenmörder schuldig gesprochen werden. Andere Massenmörder wie Pol Pot und Staatschef Khieu Samphan, der erst 2007 verhaftet wurde, wurden unter Hausarrest gestellt oder erhielten lebenslänglich. Damalige Verharmlosung und Beschönigung des Terrors nach maoistischem Vorbild machten es erst möglich, dass die Untaten weitgehend ungesühnt blieben.
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    1. Antwort von Yasha Bostic (YashaB)
      Warum Marionetten-Tribunal? Immerhin wurden die Leute verurteilt. Wer beschönigte die Roten Khmer? Sie lassen ganz viel Fragen offen. Aber es läuft nach ganz viel Vereinfachungen wohl darauf hinaus, dass die damalige Linke im Westen schuld am ganzen Schlamassel hat, oder?
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    2. Antwort von Arthur Pünter (puenti)
      @Bostic Überhaupt nicht! Fakt ist einfach, dass die 1,7 Mio. ermordeten Kambodschaner von der Weltgemeinschaft, wie der UNO (!) kaum wahrgenommen wurden. Es kann doch nicht sein, dass jahrzehntelang Prozesse verschlampt, Haupttäter überhaupt nicht oder erst im hohen Greisenalter verurteilt wurden und wie jetzt 2 Mitglieder des Regimes wegen Genozids schuldig gesprochen werden...nach 40 Jahren. Das sind die offenen Fragen!
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    3. Antwort von Yasha Bostic (YashaB)
      Dann verzeihen Sie bitte die Unterstellung. Klar ist, dass wenn keine strategischen Interessen von Regional- oder Supermächten im Spiel sind, Despoten sehr weit gehen können. Mit heute ist die damalige Situation nicht vergleichbar, die Amis hatten sich gerade eine blutige Nase in Vietnam geholt, die Franzosen wurden kurz davor rausgeprügelt. Auf Interventionspolitik in Südostasien hatte keine westliche Macht mehr Lust. Die Sowjets waren zufrieden und die Chinesen waren mit sichselbstbeschäftigt.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Wie ueblich zu spaete nur selektive Siegerjuxtiz an Greisen. Waehrend aktuelle Kriegsverbrecher bis hin zu Besiedlern besetzter Gebiete unter dem Schutz missbrauchter UNO-Vetos unbehelligt weiterwueten duerfen....
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    1. Antwort von Yasha Bostic (YashaB)
      Was wollen Sie konkret verbessern? Das Veto abschaffen? Wie das? Und ja, die Mühlen gerade der internationalen Justiz mahlen sehr, sehr langsam. Aber zumindest mahlen sie...
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