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Wird das Schweizer Konsulat in Schanghai ausspioniert?
Aus Rendez-vous vom 22.01.2021.
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Liste der KP China geleakt Wie China die Kontrolle über Schweizer Konzerne verstärkt

Zellen der kommunistischen Partei Chinas existieren in Schweizer Konzernen. Das zeigt eine geleakte Liste von Parteimitgliedern. Diese werden zunehmend aktiv.

Die Liste enthält 1.9 Millionen Parteimitglieder aus der Region Schanghai. Sie wurde der Interparlamentarischen Allianz zu China IPAC übergeben – das ist eine Gruppe von Parlamentsmitgliedern aus verschiedenen demokratischen Ländern, die die Politik gegenüber einem zunehmend autoritären China koordinieren will.

Es wurde stets vermutet, dass die chinesische Einheitspartei in ausländischen Firmen Zellen unterhält. Doch das Ausmass der Unterwanderung sei besorgniserregend, besonders in strategisch wichtigen Sektoren wie Pharmazeutik, Telekommunikation und Finanzen, schreibt Luke de Pulford, Koordinator der Allianz: «Die Firmen müssen sich der Sicherheitsrisiken bewusst werden und auch der Reputationsrisiken, wenn sie eine grosse Zahl von Mitgliedern einer Partei anstellen, die verantwortlich ist für Menschenrechtsverstösse in Hongkong und China und auch für Zwangsarbeit und mutmasslichen Genozid in der Region Xinjiang.»

Laut der geleakten Liste arbeiten über 260 Mitglieder der KP China bei Roche, fast ebenso viele bei ABB und 44 bei Nestlé. Sie finden sich in einem Datensatz, der 2016 von einem Hacker heruntergeladen wurde. Die Authentizität der Daten wurde im Auftrag von IPAC von einer australischen Firma verifiziert.

So wurden die Daten der Parteiliste verifiziert

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David Robinson, Mitbegründer der Internetsicherheits-Firma Internet 2.0 hat die Herkunft der Daten im Auftrag der IPAC verifiziert.

SRF News: Wie haben Sie die Herkunft der Daten nachverfolgt?

David Robinson: Der Hacker hat die SQL-Datei vor vier Jahren im Deep Web des Internets, in einem privaten Chatroom, veröffentlicht. Diese Datei wurde genommen, in Excel-Dateien umformatiert und an andere Chat-Räume weitergegeben. Wir folgten der Spur dieser Dateien im Internet zurück, bis wir die ursprüngliche SQL-Datei mit den Metadaten fanden. Das gab uns die Gewissheit, dass wir dem Originaldokument so nahe wie möglich gekommen waren.

Woher wissen Sie, dass die Daten echt sind?

Andere Forscher riefen einige der Telefonnummern auf der Liste an und verifizierten die Identität und Parteizugehörigkeit der darin enthaltenen Personen.

Was glauben Sie, wo und wie die Daten gestohlen wurden?

Wir schätzen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein, dass die Daten über ein lokales Netzwerk in Shanghai vom Server entnommen wurden. Mit anderen Worten: Diese Daten wurden nicht über das Internet entnommen.

Wissen Sie etwas über den Hacker?

Nein.

Sie sagen, Ihre Firma hat diese Arbeit kostenlos gemacht. Was ist Ihre Motivation?

Wir sind ein australisches Unternehmen für Cyber-Sicherheit. Viele Leute in der australischen Regierung und der Cyber-Industrie haben China beschuldigt, weit verbreitete Cyber-Aktivitäten in Australien durchzuführen. Ich stimme mit der Einschätzung von US-Aussenminister Blinken zu China überein, dass China einen Genozid verübt. Als ehemaliger Offizier des militärischen Geheimdienstes ist die Frage des chinesischen Einflusses für mich von grossem Interesse.

Das Gespräch führte Priscilla Imboden.

KP-Mitglieder: eine exklusive Gruppe

Auf Anfrage teilen ABB und Nestlé mit, die politische Zugehörigkeit ihrer Mitarbeitenden sei Privatsache. Roche schreibt, dass Interessenskonflikte von den Mitarbeitenden offengelegt und beseitigt werden müssten. Die Basler Pharmafirma toleriere keine Weitergabe von internen Informationen und führe dazu Audits durch.

Es gibt viele neue Dokumente der KP, die öffentlich sind und vorschreiben, dass die Parteimitglieder ganz anders als früher nicht einfach eine neutrale Rolle einnehmen.
Autor: Sebastian HeilmannProfessor für Politik und Wirtschaft Chinas, Universität Trier

Einblicke in die Mitgliederlisten der kommunistischen Partei Chinas sind selten. Es sei quasi ein Staatsgeheimnis, wer zu dieser exklusiven Gruppe gehöre, sagt Sebastian Heilmann, Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier. Parteimitglieder würden sorgfältig ausgewählt und müssten einen Eid ablegen. Die KP China habe sie schon immer in westlichen Firmen platziert.

Brisant sei aber, dass diese Zellen zunehmend aktiviert würden. «Es gibt viele neue Regeln, also Dokumente der kommunistischen Partei, die öffentlich sind und vorschreiben, dass die Parteimitglieder ganz anders als früher nicht einfach eine neutrale Rolle einnehmen und etwa Investitionen fördern, sondern dass sie die politischen Vorgaben der Regierung in den Unternehmen durchsetzen helfen.»

Einfluss auch im Westen

Damit könne es zu Entscheiden kommen, die nicht im finanziellen Interesse des Unternehmens seien und nur aus politischen Gründen erfolgten, wie etwa Fabriken in Xinjiang zu eröffnen oder auf Standorte in Taiwan zu verzichten. Solche Interessenkonflikte dürften sich in den kommenden Jahren häufen, meint der China-Experte.

Sie [die Personen mit Verbindungen zur KP] können Personal-, Standort- oder Investitionsentscheidungen verändern. Und da wird es aus westlicher Sicht wirklich haarig.
Autor: Sebastian HeilmannProfessor für Politik und Wirtschaft Chinas, Universität Trier

Und das nicht nur in China: So zeige sich, dass Personen mit Verbindungen zur KP China zunehmend auch in den Führungsgremien von Konzernen im Westen Einsitz nähmen. Dies ist etwa in den Verwaltungsräten der UBS, Credit Suisse, Nestlé und Swiss Re der Fall. Heilmann sagt: «Sie können Einfluss nehmen auf Entscheidungen, die politische Stellungnahmen betreffen. Sie können Personal-, Standort- oder Investitionsentscheidungen verändern. Und da wird es aus westlicher Sicht wirklich haarig.»

So stellten sich heikle Corporate-Governance-Fragen bei börsenkotierten Gesellschaften, wenn Entscheidungen nicht nur im Interesse der Aktionäre gefällt würden. Zudem bestehe die Gefahr, dass die kommunistische Partei Chinas ihre wirtschaftliche Macht nutze, um die Meinungsfreiheit auch in westlichen Ländern zunehmend einzuschränken.

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So nimmt China Einfluss auf die Schweiz
Aus 10 vor 10 vom 15.01.2021.
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Echo der Zeit, 22.01.2021, 18 Uhr

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107 Kommentare

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  • Kommentar von Oliver Leemann  (opiniolee)
    Meiner Meinung nach ist das ein Megathema welches in den letzten Jahren von westl. Medien ignoriert wurde. Ein "Trump-Thema" durfte offenbar nicht diskutabel sein.
    Wie umfassend China bereits die öffentliche Wahrnehmung prägt mag folgender Gedanke zeigen:
    Der Ausdruck "China-Virus" oder "chinesisches-Virus" wird in unsern Medien niemals verwendet für "Corona". Wenn aber die Rede ist von mutierten Viren, dann wird allgemein mit Herkunftsangaben (England, Südafrika, Brasilien) nicht gespart.
  • Kommentar von Ivano Boesch  (iboesch)
    Wir als KonsumentInnen können dies doch bis zu einem gewissen Grad selber beeinflussen. Schaut doch genauer hin, kauft mehr Produkte Made in Switzerland oder Made in Europe. Wenn wir nicht mehr gewillt sind unsere eigene Wirtschaft zu unterstützen dann können wir nächstens mal einpacken! Firmen müssen umdenken, weniger profitorientiert dafür mehr Nachhaltigkeit.
    1. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Einerseits stimmt das natürlich. Sie unterschätzen aber wahrscheinlich den Anteil von chinesischen Komponenten in Produkten aus anderen Ländern (IT, Pharma...). Und die Eigenverantwortung des Konsumenten scheint nicht zu greifen, so sehr man auch appelliert. Das kann einen eigentlich auch nicht wundern, solange die gleichen Politiker, die ständig von Eigenverantwortung sprechen, die Löhne drücken und so den Menschen die Mittel und die Motivation zu eigenverantwortlichem Handeln einschränken.
    2. Antwort von Ivano Boesch  (iboesch)
      Ja Herr Kleffel, ich stimme Ihnen zu. Die Weichen wurden vor 30 Jahren schon gestellt, als die westlichen Wirtschaft begonnen hat sämtliche Produktionen nach China auszulagern... Man musste ja immer höhere Milliardensummen Gewinn erziehlen, um die gierigen Shareholder zu befriedigen.
  • Kommentar von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
    Das Kapital muss ja unbedingt absolut frei sein... Es bringt gar nichts, China zu verteufeln, solange man weiter Politiker wählt, für die jeder staatliche Eingriff in die Wirtschaft des Teufels ist. China nutzt nur diesen naiven Glauben aus, der Markt regle alles am besten.