Tucker Carlson – reichweitenstarker Podcaster, America-First-Nationalist und MAGA-Hardliner – zeigt diese Woche Reue. «Es tut mir leid, dass ich Menschen in die Irre geführt habe.»
Wie er das meint? Carlson ist schwer enttäuscht von seinem Präsidenten – und das, obwohl er früher noch für Donald Trump geworben hat.
War es Freundschaft?
Im Wahljahr 2024 ist die MAGA-Familie noch geeint. Tucker Carlson tritt für Donald Trump an mehreren Veranstaltungen auf. Beim Parteitag der Republikaner im Juli wird der Podcaster frenetisch bejubelt. Er bezeichnet Donald Trump nach dem gescheiterten Attentat knapp eine Woche zuvor als «Anführer einer Nation». Wie nahe standen sich Carlson und Trump damals?
«Von Freundschaft würde ich zu keinem Zeitpunkt sprechen», sagt Thomas Greven, Politikwissenschaftler am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Er spricht von einer «transaktionalen Beziehung», von der beide Seiten politisch oder kommerziell profitiert hätten. In anderen Worten: von Opportunismus.
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Bild 1 von 4. Nachdem Tucker Carlson bereits einige Jahre als Reporter und Kolumnist in der Medienbranche tätig war, startete er Anfang der 2000er-Jahre als Fernsehmoderator bei CNN. (2.9.2004). Bildquelle: IMAGO/ZUMA Press Wire/Mike Fox.
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Bild 2 von 4. Einige Jahre später wechselte Carlson zu MSNBC – hier im Gespräch mit dem Politikexperten Pat Buchanan über die Midterm-Wahlen 2006. (2.11.2006). Bildquelle: IMAGO/Newscom World/Tom Williams.
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Bild 3 von 4. Über zehn Jahre arbeitete Tucker Carlson bei Fox News – hier als Moderator in der Sendung «Tucker Carlson Tonight». (2.3.2017) . Bildquelle: Keystone/AP Photo/Richard Drew.
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Bild 4 von 4. Seit 2023 tritt Carlson als eigenständiger Podcaster, Reporter und Influencer auf – hier im Gespräch mit dem russischen Präsident Wladimir Putin in Moskau. (6.2.2024). Bildquelle: Reuters/Sputnik/Gavriil Grigorov/Kremlin.
Auf der einen Seite Carlson, der 2023 seine Stelle beim Fernsehsender Fox News verlor und anschliessend ein eigenes Medienunternehmen gründete. Auf der anderen Seite Trump, der auch deshalb zum zweiten Mal Präsident wurde, weil er bei der Wahl 2024 in so vielen Teilen der US-Gesellschaft Wählerinnen mobilisieren konnte.
Die Entfremdung
Und nun also der Bruch. Er hatte sich in den letzten Wochen und Monaten abgezeichnet. Tucker Carlson kritisierte den US-Präsidenten immer wieder. Er ist damit nicht die einzige MAGA-Stimme.
Alex Jones, Megyn Kelly, Marjorie Taylor Greene, Candace Owens: Sie alle attackieren den US-Präsidenten. Zum Beispiel wegen der Epstein-Affäre und zuletzt auch wegen des Trumps Jesus-Memes, das bei den gläubigen, teils fundamentalistischen Medienleuten nicht gut ankam.
Warum jetzt?
In der Vergangenheit haben Carlson, Kelly und Co so einige Pirouetten Donald Trumps mitgedreht. Warum entschuldigt sich Carlson also gerade jetzt?
«Nach meinem Eindruck geht es da vor allem um den Iran-Krieg», vermutet Thomas Greven. Was Trump und die MAGA-Hardliner zuvor verbunden hätten, sei die Revolte gegen das republikanische Establishment gewesen. Diesen Aufstand könne Trump jetzt aber nicht mehr glaubhaft verkörpern.
Es ist ein Ausblick auf den Post-Trumpismus, wenn man so will.
America First, eine Rückbesinnung auf die amerikanischen Interessen, das hätte Trump im Wahlkampf versprochen. «Und auf einmal macht die Trump-Regierung eine Politik, die eher zu jener der George-W.-Bush-Administration passen würde.» In Carlsons Augen ein Verrat am amerikanischen Volk.
Mit seiner Abkehr von Trump hat der Medienunternehmer Carlson grosse Aufmerksamkeit generiert – wieder einmal. Man kann ihm deshalb Opportunismus unterstellen. Man könne ihm aber auch gewisse Überzeugungen zugestehen, so der Politikwissenschaftler Thomas Greven. «Möglicherweise ist Carlson dann doch prinzipientreuer als gedacht.»
Eine Welt nach Trump
Ob es nun Opportunismus, Prinzipientreue oder beides war: Hinzu kommt für den Politikwissenschaftler noch eine andere Frage. Nämlich jene nach der Zukunft der MAGA-Bewegung.
Donald Trump wird dieses Jahr 80, er muss nicht um seine Wiederwahl kämpfen. Vor diesem Hintergrund sei auch die Dynamik im MAGA-Medienkosmos zu interpretieren. «Es ist ein Ausblick auf den Post-Trumpismus, wenn man so will.»