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Türkei vermeldet Einnahme von Ras al-Ain
Aus Tagesschau vom 12.10.2019.
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Militärkonflikt in Syrien «Ohne Luftunterstützung der USA sind die Kurden chancenlos»

Ungeachtet der internationalen Kritik treibt die Türkei ihre Militäroffensive gegen die kurdische YPG-Miliz im Nordosten Syriens weiter voran. Aus Ankara heisst es nun, dass man mit Ras al-Ain bereits die erste Stadt eingenommen und die Kurden vertrieben habe. Die Kurden dementierten dies umgehend. Obwohl die Bereitschaft zum Widerstand bei den Kurden hoch ist, sei es aktuell nur eine Frage der Zeit, bis die Türkei ihre Ziele erreicht hat, meint NZZ-Journalistin Inga Rogg.

Inga Rogg

Inga Rogg

Journalistin

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Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und berichtete von 2003 bis 2012 aus Bagdad. 2012 bis 2019 lebte sie in Istanbul und berichtete, ausser über die Türkei, über die Umbrüche und Konflikte in der arabischen Welt, Iran und Syrien, auch für Radio SRF.

SRF News: Wie gross wäre der Verlust der Stadt Ras al-Ain für die Kurden?

Inga Rogg: Nicht allzu gross. Ras al-Ain ist mit ungefähr 30’000 Einwohnern eine kleinere Stadt und hat eine gemischte Bevölkerung. Für die Gegenseite wäre es aber gegenüber den Kurden ein Durchbruch in dieser westlichen Flanke.

Karte von Grenze Syrien-Türkei.
Legende: Die Grenzstadt Ras al-Ain ist äusserst umkämpft. SRF

Haben die Kurden gegen das türkische Militär überhaupt eine Chance?

Für die Kurden ist es sehr schwierig. Das türkische Militär hat eine Luftwaffe, ist eine modern ausgestattete Armee und hat gut ausgebildete Soldaten. Auf Dauer haben die Kurden ohne Luftunterstützung der USA keine Chance.

Wie wäre es mit Schützenhilfe anderer Kurden, zum Beispiel aus der Türkei oder dem Irak?

Theoretisch wäre das denkbar. Aber: Die Kurden aus der Türkei werden nicht über die Grenze kommen. Die PKK ist sehr viel weiter östlich im Nordirak ansässig, wo sie ihre Kämpfer braucht, und die Kurden im Irak werden kein Interesse daran haben, einen weiteren Krieg zu führen.

«Invasion in das Land eines arabischen Staates»

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Die Arabische Liga hat die türkische Militäroffensive im Nordosten Syriens scharf verurteilt. Die Angriffe seien eine «Invasion in das Land eines arabischen Staates und ein Angriff auf seine Souveränität», sagte Generalsekretär Ahmed Abul Gheit am Samstag.

Der irakische Aussenminister Mohamed Ali Alhakim, der amtierende Präsident der Arabischen Liga, sagte bei einem von Ägypten einberufenen Krisentreffen der Staatenallianz, die Militäraktion werde die humanitäre Krise und das Leiden der syrischen Bevölkerung verschärfen. Zusammen mit dem libanesischen Aussenminister Gebran Bassil forderte er, Syrien wieder als Mitglied in die Arabische Liga aufzunehmen.

Die Kurden streben Autonomie an, sowohl die Türkei aber auch der syrische Machthaber Baschar al-Assad wollen das verhindern. Warum ist es dennoch möglich, dass die Kurden Hilfe bei Assad suchen?

Als diese Aufstände in Syrien begannen, haben die Kurden nicht wirklich den Konflikt mit dem Assad-Regime gesucht und sind offen für Verhandlungen.

Viele Minderheiten in der Region haben Angst vor der Türkei und vor den syrischen Hilfstruppen, die auf der Seite der Türkei kämpfen.

Insofern wäre das eine Möglichkeit, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Assad den Kurden zu Hilfe eilen wird, weil das einen militärischen Konflikt mit der Türkei bedeuten würde. Einen militärischen Konflikt, den das Regime gar nicht in der Lage wäre, führen zu können.

Welche Ziele verfolgt Assad im Norden Syriens?

Grundsätzlich will er das ganze Land unter seine Kontrolle bringen, und dazu zählen im Grunde genommen auch die kurdischen Gebiete. Bisher haben ihm aber die Kräfte gefehlt und es standen ihm die Amerikaner gegenüber. Diese sind nach wie vor in zahlreichen Gebieten dieser Region präsent.

Rauch nach Explosion.
Legende: Laut dem türkischen Verteidigungsministerium ist die Grenzstadt Ras Al-Ain erobert worden. Reuters

Die Türkei scheint mit Ras al-Ain die erste Stadt bereits in Beschlag genommen zu haben. Die Stadt ist aber keine traditionell kurdische Stadt. Welche Herrscher sind den Leuten im Norden Syriens lieber, die Kurden oder die Türken?

Die kurdische Bevölkerung ist mehrheitlich gegen die Türkei eingestellt, viele Minderheiten in der Region haben Angst vor der Türkei und vor den syrischen Hilfstruppen, die auf der Seite der Türkei kämpfen. Diese haben nicht einen besonders guten Ruf, ganz im Gegenteil.

Wo wird es für die Türken am schwierigsten werden?

Sie werden versuchen, nach Osten und Süden vorzurücken. Dort werden die Kurden heftigen Widerstand leisten und es wird die Frage sein, inwiefern die Amerikaner dort zusehen werden. In diesen Gegenden befinden sich die IS- Gefängnisse und bisher wurden diese immer als rote Linie bezeichnet.

Berlin und Paris schränken Waffenexporte ein

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  • Die deutsche Bundesregierung stoppt Waffenexporte in die Türkei. «Vor dem Hintergrund der türkischen Militäroffensive in Nordost-Syrien wird die Bundesregierung keine neuen Genehmigungen für alle Rüstungsgüter, die durch die Türkei in Syrien eingesetzt werden könnten, erteilen», sagte Aussenminister Heiko Maas der «Bild am Sonntag». Die Türkei ist der grösste Abnehmer von Waffenlieferungen aus Deutschland.
  • Die Türkei sieht den deutschen Stopp von Genehmigungen für neue Waffenlieferungen gelassen. Von einem Waffenembargo werde sich die Türkei im Kampf gegen die Kurdenmiliz YPG nicht aufhalten lassen, sagte der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu der Deutschen Welle. «Auch wenn unsere Verbündeten die Terrororganisation unterstützen, auch wenn wir alleine da stehen, auch wenn ein Embargo verhängt wird, egal was sie tun, unser Kampf richtet sich gegen die Terrororganisation. Und im Kampf gegen die Terrororganisation werden wir auf keinen Fall zurückstecken», betonte Cavusoglu.
  • Auch Frankreich bremst die Ausfuhr von Waffen in die Türkei. Bis zur Beendigung der Offensive habe Frankreich beschlossen, jegliche Pläne zum Export von Kriegsmaterial in die Türkei auszusetzen, das als Teil der Offensive in Syrien verwendet werden könnte, teilte das Verteidigungsministerium in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Aussenministerium mit.

Haben die Kurden überhaupt noch Kapazitäten für heftigeren Widerstand?

Die Bereitschaft ist auf jeden Fall vorhanden, sie haben Zehntausende Kämpfer in ihren Reihen und können auf Unterstützung von grossen Teilen der Bevölkerung bauen.

Das Gespräch führte Roger Brändlin.

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37 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Mit einem gewagten historischen Vergleich hat Trump den Abzug von US-Soldaten aus Nordsyrien verteidigt: Sie haben uns nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen, sie haben uns beispielsweise nicht mit der Normandie geholfen, sagte Trump am Mittwoch in Washington. Die Kurden würden vielmehr für "ihr Land" kämpfen. Wir haben enorme Geldbeträge ausgegeben, um den Kurden zu helfen, mit Munition, mit Waffen, mit Geld.
    Zugleich betonte Trump: "Wir mögen die Kurden". Unverschämte Aussage und total hirnlos.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Die amerikanische Regierung hat ihren Widerstand gegen einen türkischen Einmarsch im Norden Syriens aufgegeben. Der von Ankara geplante Friedenskorridor wird das Gegenteil von Frieden bringen. Präsident Trump ignoriert, wer der einzige zuverlässige Verbündete Amerikas in Syrien ist. Diese Leistung scheint jedoch bereits in Vergessenheit zu geraten. Trump duldet den Einmarsch in Nordostsyrien, und lässt die kurdischen Verbündeten im Stich. Warum keine Luftunterstützung der USA?? Einfach feige.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Ist eine Umsiedelung von 2.6 Mio. Syrern aus der Türkei denkbar? Nur wenn sie gezwungen werden. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit mehrere Mio.
    Syrer aus der Türkei in neue Dörfer in der angestrebten Sicherheitszone in Syrien gebracht werden können. Die EU soll ihm dabei helfen. Er droht: Wenn sie seine Migrationspolitik nicht unterstützten, würde er das EU-Türkei-Abkommen platzen lassen und die "Tore" gen Europa wieder öffnen. Steht ein neuer syrischer Exodus bevor?
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    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      er wird die EU zwingen, sich an den Kosten der Umsiedlung zu beteiligen oder sogar. den Aufbau von Unterkünften ganz zu übernehmen. Das
      Druckmittel für die Ausführung hat er.
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