Dass dieser Tag des Sieges ohne vorbeirollende Militärtechnik auf dem Roten Platz stattfinden würde, war bereits im Vorfeld klar. Stattdessen wurde ein Video gespielt, das russische Einheiten an der Front in der Ukraine zeigte.
Der Kreml schien die Feierlichkeiten so schnell wie möglich über die Bühne bringen zu wollen. Tatsächlich haben ukrainische Drohnen und Raketen zuletzt immer mehr Ziele tief im Innern Russlands erreicht. Dass Putin nach der Zeremonie in einem gepanzerten Auto hastig weggebracht wurde, dürfte die Spekulation nähren, dass er sich auch vor einem Attentat aus den Reihen der eigenen Elite fürchte.
Wunsch nach Normalität
Davon haben Medien jüngst mit Berufung auf einen europäischen Geheimdienst berichtet. Die Gefahr eines Attentats oder eines Putsches existiert womöglich nur in Putins Kopf – viele im Machtsystem des Kremls glauben noch an den Präsidenten. Die Elite ist kein homogener Block, sondern besteht aus vielfältigen, rivalisierenden Gruppen. Diejenigen, die Zweifel an Putin hegen, wagen wohl noch keinen Aufstand. Doch der heutige Auftritt dürfte sie kaum beruhigt haben.
Die im Vergleich zu Vorjahren massiv reduzierte Feier wird im Westen als peinliches Zeichen der Schwäche gedeutet. Ob das Putin zuhause schadet, ist jedoch fraglich: Vor Scham ist noch kein autokratisches Regime kollabiert. Ausserdem wünschen sich viele Russinnen und Russen, auch Mitglieder der Elite, etwas anderes viel mehr als Zeichen der imperialen Stärke: Eine Rückkehr zur Normalität.
Die Parade fand in einem Moskau statt, in dem der Zugang zum Internet seit Monaten massiv eingeschränkt ist. Die repressive Massnahme stellt den Alltag von Millionen Menschen auf den Kopf, auch das von loyalen Staatsfunktionären.
Kriegsmüdes Russland
Die russische Wirtschaft ächzt unter der Last des Krieges: Die Russinnen und Russen werden ärmer; der Konkurrenzkampf der Eliten um Gelder aus dem Kreml-Topf wird bitterer.
Dieser Konkurrenzkampf unter den verschiedenen Fraktionen im Staatsapparat – Hardliner und Technokratinnen; Unternehmer und Geheimdienstler – war einst der Motor des Systems. Tauchten Konflikte auf, war es Putins Aufgabe, einzuschreiten, die Seiten anzuhören und eine Lösung zu finden. Doch er vernachlässigt seine Rolle des Schiedsrichters, der schlichtet und ausbalanciert. Seine oberste Priorität ist seit Jahren dieselbe: Der Krieg gegen die Ukraine.
Das verrieten seine Auftritte der letzten Jahre; das verriet sein zufriedenes Gesicht, als er heute auf dem Roten Platz den Propagandafilm von der Front schaute. Viele kriegsmüde Russinnen und Russen, in- und ausserhalb der Elite, werden diese Begeisterung kaum geteilt haben.