Der Aufstieg zu einem führenden Politiker der Bundesrepublik war Cem Özdemir nicht in die Wiege gelegt. Er kam 1965 auf der Schwäbischen Alb als Kind türkischer Gastarbeiter zur Welt.
Wie viele Kinder mit Migrationsgeschichte hatte der kleine Cem Mühe in der Schule. Doch seine Eltern ermöglichten ihm Nachhilfestunden – die Noten wurden besser, das Selbstbewusstsein stieg.
Özdemir hat sich angestrengt – und nicht einfach nur herumgejammert.
Özdemir stehe für eine glaubwürdige Aufstiegserzählung, sagt der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dessen Amt Özdemir nun übernimmt. «Er hat sich auch selbst angestrengt und nicht einfach nur herumgejammert.»
Mit 16 ging Özdemir zu den frisch gegründeten Grünen. Später wurde er zusammen mit einer Kollegin erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln. So richtig bekannt aber wurde er ab 2008 als Co-Parteichef von Bündnis 90/Die Grünen.
Seine Koteletten waren sein Markenzeichen – frisurtechnisch, versteht sich. Özdemir wurde schon als Jugendlicher Vegetarier.
Stets war Özdemir ein scharfer Kritiker des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Und das hat Auswirkungen auf seine Sicherheit: Er werde sowohl von türkischen Nationalisten als auch von deutschen Rechtsextremisten bedroht, sagte Özdemir einmal.
Von «zu schwäbisch» bis «unheimlich charismatisch»
Özdemir ist ein guter Verkäufer seiner selbst. «Anatolischer Schwabe» und «Ötzel-Brötzel» sind Namen, mit denen er kokettiert. Das wird mitunter auch kritisiert: «Mir ist er zu schwäbisch. Er imitiert total den Herrn Kretschmann mit seiner breiten schwäbischen Aussprache», sagte etwa eine CDU-Wählerin im zurückliegenden Wahlkampf.
Eine Anhängerin Özdemirs hält ihn für «unheimlich charismatisch», andere schätzen seine direkte Art. Er gilt als rhetorisches Talent: Sein leidenschaftliches Plädoyer im Bundestag für eine offene Gesellschaft und gegen die AfD erklärten Tübinger Rhetorikexpertinnen zur Rede des Jahres 2018.
Der Drang zum Amt
Beinahe wäre Özdemir 2017 Aussenminister geworden, jedenfalls schien er dafür gesetzt. Doch die FDP liess eine Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und FDP platzen. Es folgte eine Regierung ohne die Grünen. Dass er es vier Jahre später in der Ampelregierung zum Minister schaffte, dafür setzte sich Winfried Kretschmann ein.
Özdemir war der Ministerposten wichtiger als der Inhalt des Postens. Hauptsache Minister.
«Mit Landwirtschaft ist er null in Erscheinung getreten. Da war ihm der Ministerposten wichtiger als der Inhalt, Hauptsache Minister», sagt der Stuttgarter Kommunikationsexperte Frank Brettschneider.
Als Landwirtschaftsminister stellte sich Özdemir 2023 den wütenden Bauern, die tagelang gegen ihn und die Ampelregierung demonstrierten, weil sie ihre Privilegien in Gefahr sahen.
Ein Erfolgsrezept für die deutschen Grünen?
Dass Cem Özdemir das Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg für die Grünen retten konnte, ist ein grosser Erfolg. Er hat es mit seiner pragmatischen Politik geschafft, selbst im Autoland bis tief in die bürgerliche Mitte zu überzeugen.
Die linken Grünen in Berlin haben stets skeptisch auf die Realos in Stuttgart geschaut. Nun ist Özdemir zu einem der wichtigsten grünen Politiker in Deutschland aufgestiegen. Er führt in Stuttgart eine Regierung mit einer gleich starken CDU.
Wenn es dieses grün-schwarze Bündnis schafft, ruhig und erfolgreich zu arbeiten, dürfte das bis nach Berlin ausstrahlen.