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Missbrauch von Jemen-Hilfe «Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden»

Legende: Audio Gespräch mit WFP-Medienverantwortlicher Bettina Luescher abspielen. Laufzeit 06:54 Minuten.
06:54 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.01.2019.

Die Verantwortlichen des Welternährungsprogramms der UNO (WFP) schlagen Alarm: Im Kriegsland Jemen sind in den von Rebellen kontrollierten Gebieten humanitäre Güter unterschlagen worden. Statt die WFP-Lebensmittel an Hungernde zu verteilen, wurden diese zum Teil auf dem Markt verkauft.

Die UNO ruft die Konfliktparteien darum eingehend auf, die Verantwortlichen zu eruieren und den Missbrauch umgehend zu stoppen. Doch das ist nicht so einfach, wie WFP-Sprecherin Bettina Luescher erläutert.

Bettina Luescher

Bettina Luescher

Mediensprecherin WFP

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Die Deutsche Bettina Luescher ist Medienverantwortliche, Link öffnet in einem neuen Fenster beim UNO-Welternährungs-Programm WFP.

SRF News: Wie wurde der Missbrauch von Hilfsgütern überhaupt entdeckt?

Bettina Luescher: Vor ein paar Monaten bemerkten wir, dass plötzlich grössere Mengen Lebensmittel auf den Märkten in der Hauptstadt Sanaa auftauchten. Wir fanden zudem heraus, dass grössere Mengen der vom WFP ins Land gebrachten Lebensmittel nicht bei den Bedürftigen ankamen.

Wir drohten den Huthi, unsere Hilfe einzustellen, wenn der Missbrauch nicht sofort unterbunden wird.

Unsere Nachforschungen ergaben, dass eine lokale Organisation, die mit dem Erziehungsministerium der de-Facto-Regierung der Huthi-Rebellen zusammenarbeitet, in die Unregelmässigkeiten verwickelt ist. Wir machten den Verantwortlichen nun deutlich, dass wir unsere Arbeit in den betroffenen Gebieten einstellen, falls die Huthis nicht umgehend eine Untersuchung beginnen, um die Verantwortlichen der Korruption zu eruieren und den Missbrauch sofort unterbinden.

Wie haben die Huthi-Rebellen auf ihr Ultimatum reagiert?

Sie haben uns zugesichert, umgehend eine Untersuchung zu starten. Nun warten wir auf die Ergebnisse dieser Nachforschungen.

Wir erwarten, dass jene Individuen, die die Lebensmittel gestohlen haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Wäre es möglich, mit einem anderen lokalen Partner zusammenzuarbeiten, falls dies mit der bisherigen Organisation nicht mehr möglich ist?

Wir müssen überall auf der Welt mit den lokalen Regierungen und Organisationen zusammenarbeiten. Meist klappt das sehr gut – auch dank vieler Kontrollen unsererseits. Trotzdem ist es nicht immer einfach. Im Fall von Jemen erwarten wir nun, dass jene Individuen in der Verteilorganisation, die die Lebensmittel gestohlen haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Das Schwierige daran ist, dass es sich um ein Kriegsgebiet handelt, in dem wir drei Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Wir sind darauf angewiesen, Zugang zu den Bedürftigen vor Ort zu haben.

Martkstände mit Grossmengen Nahrungsmitteln.
Legende: Auf den Märkten in Sanaa tauchten plötzlich grosse Mengen Nahrungsmittel aus dem WFP-Programm auf. Keystone

Berichte über Unterschlagungen von WFP-Lebensmitteln schaden der Glaubwürdigkeit des UNO-Welternährungsprogramms. Wie reagieren die Geldgeber auf solche Vorwürfe?

Unsere Organisation arbeitet sehr transparent – so haben wir den vorliegenden Fall auch selber publik gemacht. Auf unseren Websiten sind alle unsere Berichte öffentlich verfügbar, wir sind in ständigem Kontakt mit den Geberländern. Gerade im Fall Jemen arbeiten wir eng mit der Internationalen Gemeinschaft zusammen, die sehr bestürzt ist über die Vorgänge im Land. Vom UNO-Sicherheitsrat über Sonderbeauftragte, die versuchen vor Ort eine Friedenslösung herbeizuführen, bis hin zur humanitären Hilfe bemühen sich alle darum, dass dieses geschundene Land endlich wieder Frieden bekommt.

Alles wissen, dass es noch lange dauern wird, bis im Land Frieden herrscht.

Trotzdem ist aus heutiger Sicht ein rascher Frieden kaum zu erwarten. Was bedeutet das für die Arbeit des WFP, gerade angesichts der in Jemen vorgekommen Missbrauchsfälle mit Nahrungsmitteln?

Wir müssen beinhart dranbleiben und versuchen, die Bedingungen vor Ort zu verbessern. Die Verantwortlichen des Missbrauchs der lokalen Organisation müssen zur Rechenschaft gezogen werden, auch muss die politische Führung des Landes eingreifen. Trotzdem wissen alle, dass es noch lange dauern wird, bis das Land befriedet sein wird.

Kinder vor Zelten in einem Flüchtlingslager.
Legende: Millionen Jemeniten sind wegen des Krieges im eigenen Land auf der Flucht. Reuters

Das WFP droht einerseits der lokalen Verteilorganisation wegen des Missbrauchs mit dem Ende der Zusammenarbeit, andererseits versuchen Sie die grosse humanitäre Katastrophe in Jemen zu lindern. Wie gehen Sie mit diesem Dilemma um?

Es ist tatsächlich ein furchtbares Dilemma. Wir wollen uns nicht aus Jemen zurückziehen, da Millionen Menschen von unserer Versorgung abhängig sind. Allerdings kann man gute humanitäre Arbeit nur dann machen, wenn wir wissen, wer wo Hunger hat, wer wie viel erhält, oder ob jemand mehr braucht. Auch müssen wir wissen, ob unsere Nahrungsmittel bei den Bedürftigen ankommen. Wenn es kriminelle Elemente gibt, müssen sie von den dortigen Behörden ausgemerzt werden.

Das Gespräch führte Jonathan Fisch.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Ich habe sogar in Suedafrika "Panzerkaese" gekauft, Mit dem Vermerk "unverkaeuflich" und er hat uebrigens grossartig geschmeckt..(Panzerkaese=Kaese in Buechsen der schweizer Armee und wohl Teil der obligaten Lebensmittelreserve der CH.. gibt es wohl heute noch in der Armee)
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  • Kommentar von Armin Spreter (aspre)
    Glaubt irgendjemand, dass irgendjemand jemals zur Rechenschaft gezogen wird?
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    1. Antwort von Markus Baumann (pierrotlunaire)
      Die Erfahrung der letzten 60 Jahre sagt, dass das eher nicht geschehen wird. Die Mehrheit der „Hilfeabzweiger“ wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Man darf auch nicht vergessen: Lokale Warlords haben eine „Erpresserhoheit“. Wenn ihr die Bevölkerung versorgen wollt, müsst ihr zuerst uns versorgen, sonst garantieren wir nicht für eure Sicherheit. Hilfswerke mussten und müssen unzählige solcher „Kompromisse“ eingehen, sonst läuft gar nichts. Das Recht der Stärkeren gewinnt.
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  • Kommentar von Andrew Simon (A. Simon)
    Der Iran liefert den Huthi Waffen. Vielleicht könnten die zur Abwechslung mal humanitäre Güter für die leidtragende Zivilbevölkerung liefern.
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