Zum Inhalt springen

Header

Audio
Russland zwischen totalitärem Staat und Eigenverantwortung
Aus Rendez-vous vom 13.05.2020.
abspielen. Laufzeit 08:18 Minuten.
Inhalt

Russland und Coronakrise Laissez-faire bei der Quarantäne in Moskau

Trotz vieler Neufinfektionen: Die Hauptstadt handhabt die Corona-Massnahmen neuerdings erstaunlich lasch. Was ist los?

Ein kleiner Junge brettert mit seinem Trottinett durch die Fussgängerzone in einem Wohnquartier – seine Eltern in hohem Tempo hinterher – vorbei an einem älteren Ehepaar und einer Gruppe Teenager. Eine fast idyllische Szene im Moskauer Frühling.

Auf einer Parkbank an der Sonne sitzt die 27-jährige Ekaterina und sagt gut gelaunt: «Ich wohne im Haus da drüben und habe das Recht, hier zu sitzen. Das lass ich mir nicht nehmen.» Wobei sie sich irrt: Streng genommen ist es verboten, was sie macht. Überhaupt haben all diese Leute in der Fussgängerzone eigentlich nichts verloren.

Moskau
Legende: Russisches Sprichwort: «Im Prinzip ist es verboten, aber wenn man wirklich, wirklich möchte, dann darf man schon.» SRF

Die strengen Regeln gelten unverändert

Moskaus Stadtpräsident Sergej Sobjanin hat vor anderthalb Monaten strenge Quarantäneregeln erlassen, die immer noch gelten. Aus der Wohnung darf nur, wer in den Supermarkt, zum Arzt oder zur Arbeit muss. «Wenn Sobjanin hier vorbeikäme, würde er sich doch zu mir auf die Parkbank setzen und auch ein paar Minuten die Sonne geniessen», entgegnet Ekaterina.

Ekaterina steht stellvertretend für den Umgang von Moskauerinnen und Moskauern mit der Coronakrise: Sie ist nicht unvernünftig, trifft sich kaum mit Freunden. Aber bis zum Letzten hält sie sich nicht an die Weisungen.

Ein abgeklärter Rentner

So macht es auch Alexander, der in einem nahen Hinterhof sitzt und genüsslich eine Zigarette raucht: «Ich halte mich schon an die Regeln – im Grossen und Ganzen. Mit meinen 77 Jahren gehöre ich zur Risikogruppe. Aber mal so kurz raus auf eine Zigarette kann man ja wohl noch.»

Alexander glaubt, dass es typisch ist für die Russen, die Regeln auch mal kreativ zu interpretieren: «In diesem Land ist alles Mögliche schon einmal verboten gewesen – die Leute haben sich schlicht dran gewöhnt.»

Suche nach dem Kompromiss

Als die Corona-Epidemie ausbrach, wurde in Moskau gerätselt, wie der Kreml reagieren würde: Knallhart? Oder eher weich? Putin hat sich entschieden, die Verantwortung den Gouverneuren zu überlassen. Zugleich hat Putin kürzlich die Rückkehr zur Normalität angekündigt, ohne konkreter zu werden.

Bürgermeister Sobjanin fährt seither eine typisch russische Kompromisslinie: Strenge Regeln wurden erlassen und die ersten paar Wochen auch eingehalten. In der Stadt war es deutlich ruhiger. Inzwischen aber nehmen es die Moskauerinnen und Moskauer nicht mehr so streng – und der Staat drückt beide Augen zu.

Das Resultat ist nicht gut: Moskau hat inzwischen über 120’000 offiziell bestätigte Corona-Infizierte, täglich kommen rund 5000 dazu. Russland liegt damit hinter den USA auf Platz zwei.

Vertrauen nachhaltig gestört

Der kritische Moskauer Politik-Beobachter Wladislaw Inosemzev ortet das Hauptproblem im mangelnden Vertrauen in die Staatsmacht: «Die Bürger denken sich: Ach was, die haben uns schon vor allem Möglichen gewarnt – vor Terror, Extremismus – und jetzt dieses Virus. Wir machen einfach weiter wie immer.»

Im Westen herrscht der Eindruck, der Kreml sei autoritär, greife stets hart durch. Inosemzev relativiert: «Es ist eine Sache, in Moskau eine Demonstration aufzulösen und ein paar Leute festzunehmen. Aber eine wirklich starke Staatsmacht beschliesst etwas und setzt das auch durch.» Doch in Russland würden dauernd Massnahmen angekündigt und dann nicht oder nur halbherzig umgesetzt.

In Russland werden ständig Massnahmen angekündigt, die dann nicht oder nur halbherzig umgesetzt werden.
Autor: Wladislaw InosemzevPolitik-Beobachter, Moskau

So ist es auch in der Moskauer Quarantäne – oder im russischen Sprichwort: «Im Prinzip ist es verboten, aber wenn man wirklich, wirklich möchte, dann darf man schon.»

Rendez-vous, 13.05.2020, 12:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

17 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Liebevoller kleiner Einblick in die 'russische Seele'. Sind offizielle Informationen aus den Spitälern verfügbar? Im aktualisierten Artikel über die internationale Lage findet sich nichts, auch für die anderen Länder nicht. Erstaunlich, weil es bei den Regierungsinterventionen offiziell ausschliesslich darum ging, die Intensivstationen vor Überlastung zu schützen. Es wäre absolut zentral, faktenbasiert darüber aufzuklären, inwiefern das gelungen ist, und wie es für die nächsten Wochen steht.
  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    Der "Selbstisolierungsindex" in Moskau ist jetzt auf einem Rekordtief von 2.2 (von max. 5). Schwach für eine angebliche Diktatur. Warum unsere südlichen Nachbarn diese Regimes so gut befolgt haben, wäre ein Thema für Soziologen. David Nauer hat es ja angesprochen.
    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @A.W. Der ermittelte "Selbstisolierungsindex" von yandex kann aber auch truegerisch wirken, denn man darf den/die Zeitunterschiede nicht einfach ignorieren. Gut zu sehen in Moskau just bei 3.3 und Ekaterinburg 3.7. Wir in Eburg sind Moskau 2 Std. voraus, also die Leute gehen schon langsam Richtung Schlafgemach! In Wladiwostok 4.7 und Chabarowsk 4.8!
    2. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      Mit Respekt, so dämlich sind die Programmierer von Yandex nicht, dass sie das nicht einkalkulieren. Und das hätte ja nur für einen landesweiten Index einen Einfluss, nicht auf den Index im Grossraum Moskau (GMT +3; MEZ mit Sommerzeit + 1 Std.), also innerhalb einer Zeitzone.
    3. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @A.W. Sehen Sie sich die Zahlen einmal an. Als Bsp: Wladiwostock um 20:00 Uhr Lokalzeit ein Index von 4.1 waehrend dann in Moskau Lokalzeit 13:00 Uhr ist, also teilweise noch Arbeitszeit (fuer zugelassene Branchen), waehrend in Wladiwostock schon eher Feierabend vorherrscht und die Leute eher schon zu Hause sind. Just Moskau mit 4.3 um 22;10 Lokalzeit und Wladiwostock 4.8 um Donnerstag frueh Morgens 05:10 Uhr.
    4. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @A.W. Antwort von Yandex betreffend Erhebung: Die Erhebung erfolgt ueber das Satellitensystem GLONASS/GPS durch scannen der Bewegungsdichte im Aussenbereich. Diese Funktion wird ebenfalls bei Yandex Navigator fuer das Verkehrsaufkommen angewendet. Aus Gruenden des Datenschutz findet kein Tracking von mobilen Telefonen statt. Die Fehlerquote liegt bei ca. 5%. Wir hoffen Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben und wuenschen Ihnen weiterhin Freude mit unseren Produkten. Freundliche Gruesse YT
    5. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      @Auer #3 Diese Antwort entspricht nicht der offiziellen Darstellung von Yandex, die anonymisierte Daten von Mobiltelefonen auswertet: "Der Selbstisolationsindex ist ein integrierter Indikator, der anhand von Daten zur Verwendung verschiedener Yandex-Anwendungen und -Dienste berechnet wird. Es kann zu Informationszwecken für eine ungefähre Einschätzung der Situation verwendet werden, jedoch nicht für genaue Berechnungen."
    6. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @A.W.: Das habe ich auch gelesen und exakt dies war ausschlaggebend fuer meine direkte Anfrage bei Yandex. Der ganze Text ist m.M.n. irgendwie "schwammig". Logisch hingegen bleibt fuer mich, der Tag und die Nacht ziehen von Osten nach Westen und somit ist ein Selbstisolierungsgrad um Mitternacht in Wladiwostok, als dann in Moskau um 17:00 Uhr, welche im Anbetracht der 7 Stunden Unterschied erhoben wird. Nachts schlaft die Mehrheit der Leute und tagsueber sind diese mehr aktiv und unterwegs.
  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Russland hat bis jetzt über 6 000 000 Test durchgeführt. Angeblich 2/3 Positiv getesteten haben keine Symptomen gehabt. Deswegen sind auch sterblichkeits Zahlen relativ klein und andrang auf Intesiv Stationen hat sich beruhigt. Auch Regierungs Mitglider sind krank geworden. Wie Ministerpresidänt Mischustin und langjährige Sprecher von Presidänt Putin Dimitri Peskov. Russland hat nichts versteckt und versucht offen und transparent zu komunizieren.Es ist ein grösse Unterschied zu früheren Jahren
    1. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      Ich sehe keinen Unterschied zur "Leistung" von Johnson in England (wenigstens etas geläutert durch seine eigene Erkrankung) und Trump in den USA.
    2. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @D.Stanic: In RU wird in laendlichen Gebieten bei einem Todesfall so gut wie nicht auf Corona19 getestet (Obduktion). Dies ist mitunter ein Grund fuer die geringen Sterblichkeitsraten. Zum Bericht: Der Rentner Alexander hat es doch auf den Punkt gebracht mit " kreativem Interpretieren von Regeln ". Genau so "kreativ" verhaelt sich auch die Regierung gegenueber seinem Volke, naemlich mit "kreativen Versprechen" , welche meist nicht eingehalten werden. "Rentenaltererhoehung" laesst gruseen!
    3. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Auch im westlichen Europa wird nicht bei jedem eine Obduktion durchgeführt. Ein Test auf Den Virus schon eher.