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Nach Gen-Z-Protesten in Nepal Schicksalswahl in Nepal

Ein halbes Jahr nach den Gen-Z-Protesten wählt Nepal eine neue Regierung. Favorit ist der Ex-Rapper Balendra «Balen» Shah.

Über Gauriganj, einem gut 36'000-Seelen-Dorf im Südwesten Nepals, liegt heitere Partystimmung. Dutzende Menschen warten an diesem Morgen gespannt auf Balendra «Balen» Shah. Dem früheren Rapper und Ingenieur werden beste Chancen eingeräumt, nächster Premierminister zu werden. Es ist sein letzter Wahlkampftag. Vor allem bei der Generation Tiktok geniesst er Kultstatus.

«Balen kann es schaffen. Er ist jung. Wir glauben, dass er Nepal verändern kann», sagt der 20-jährige Ritik Rauniyar.

Auch die 19-jährige Khusbu Kumari Mahato hofft, dass Balendra Shah das Rennen macht. «Viele von uns haben studiert, aber wir müssen ins Ausland gehen, um Arbeit zu finden», sagt Khusbu. «Wenn Balen gewinnt, werden wir hier bleiben können.»

Denn Balen hat in seinem Wahlmanifest auch 1.2 Millionen neue Arbeitsplätze versprochen. Und eine Verdopplung des Pro-Kopf-Einkommens auf 3000 Dollar pro Jahr, in nur fünf Jahren.

Wahl in Nepal

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Bei der Parlamentswahl am 5. März treten 143 registrierte Parteien an. Die nationalen Top 5 sind Nepali Congress (NC), als grösste Partei Nepals, die Vereinigten Leninisten und Marxisten (CPN-UML), die maoistische NCP, die 2002 gegründete Unabhängige Nationale Volkspartei (RSP) und die monarchistisch-hindunationalistische Rastriya Prajatantra Party (RPP).

Für die Regierungsbildung ist eine einfache Mehrheit aus 138 der 275 Sitze erforderlich. Die neu gewählte Parlamentsmehrheit bestimmt den nächsten Premierminister. Um neue Aufstände zu vermeiden, werden die knapp 12'000 Wahlstationen von 320'000 Sicherheitskräften bewacht.

Khusbu und Ritik haben mitdemonstriert bei den Gen-Z-Protesten, bei denen 77 Menschen ums Leben kamen. Sie machen die alte Garde von Politikern wie dem früheren Premierminister KP Oli für die verbreitete Korruption und die fehlenden Perspektiven im kleinen Himalaya-Staat verantwortlich. Und hoffen auf einen Neuanfang.

Plötzlich fangen die Wartenden an, zu jubeln und aufgeregt zu schreien. Eine Wagenkolonne nähert sich. Laute Musik tönt aus Lautsprechern, blau-weisse Fahnen mit Glockensymbol werden geschwenkt.

Kommunikation über Social Media

Und da ist er, der Superstar: Balendra Shah sitzt am Steuer eines weissen SUV, das Fenster heruntergekurbelt. Er trägt, wie immer, eine schwarze Sonnenbrille, winkt seinen Fans lässig zu und fährt zügig um die Kurve, ohne ein einziges Wort zu verlieren. Nicht mal zwei Minuten hat der Blitzauftritt gedauert.

Mann im Auto mit aussenstehenden Personen.
Legende: Kurzauftritt mit grosser Wirkung: Balendra Shah fährt im weissen SUV an jubelnden Fans vorbei. (25.02.2026) Reuters/Navesh Chitrakar

Er ist kein Mann der grossen Worte. Seine provokanten Kurzbotschaften verbreitet er auf Social Media, wo ihm Millionen folgen. Traditionelle Medien hält der 35-Jährige auf Distanz, seit er vor vier Jahren als Unabhängiger zum Bürgermeister von Kathmandu gewählt wurde.

Ram Kumar Kamat, Bürochef der nepalesischen Tageszeitung «The Himalayan Times», findet Balen suspekt: «Wir bekommen nie ein Interview. Ich probiere es gar nicht mehr. Wir dringen nicht einmal bis zu seinen Assistenten vor.» Vielleicht habe er etwas zu verbergen.

Tsunami an Missinformationen auf Social Media

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Diese Wahl sei sehr konfrontativ, sagt Gopal Krishna Siwakoti, der Chef des unabhängigen National Election Observaton Committee im SRF-Interview. Es habe einen Tsunami an Missinformation und Falschinformation auf Social Media gegeben. Künstliche Intelligenz sei während des Wahlkampfes in bisher nicht gesehenem Umfang missbraucht worden. Influencer im Hintergrund versuchten vor allem die rund 20 Prozent unentschlossenen Wählerinnen und Wähler systematisch zu beeinflussen. Die Polizei hat bereits 35 Personen wegen Verbreitung von Falschinformation festgenommen, weil sie die Wahl und die öffentliche Ordnung im Land gefährdeten.

Balendra Shah, der Nepals alte Elite herausfordert, ist zwar populär, aber auch umstritten. Als Bürgermeister von Kathmandu räumte er die Stadt auf. Viele bewundern ihn als Macher. Menschenrechtsorganisationen kritisieren ihn. Denn Balen liess die Polizei auch mit Knüppeln Strassenhändler vertreiben und Armensiedlungen abreissen.

«Wähl mich. Jetzt bin ich da»

Balens Wagenkolonne ist inzwischen in einer Staubwolke auf der löchrigen Landstrasse verschwunden. Ein einziges Mal hat er noch Halt gemacht auf seiner Wahlkampftour: bei der Bäuerin Aitrani Rai, die noch ganz benommen unter einem Baum steht. «Er hat nur gesagt: ‹Wähl mich. Jetzt bin ich da.›»

Eine Kurzbotschaft, die auch bei der 60-Jährigen funktioniert hat. Früher habe sie den Kommunisten KP Oli gewählt, sagt Rai. Jetzt werde sie Balen eine Chance geben. Ihre Gen-Z-Tochter Anta glaubt nicht an Wunder. Sie werde Balen erst wählen, wenn er tatsächlich etwas verändert habe, ruft die 20-Jährige kichernd aus dem Hintergrund.

Balendra Shah hört das nicht mehr. Die Wahlkarawane ist längst weitergezogen.

Echo der Zeit, 3.3.2026, 18 Uhr; herb

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