- Nach dem als Terrorakt eingestuften Messerangriff in London wird in Grossbritannien emotional über eine bedrohliche Zunahme antisemitischer Gewalt debattiert.
- Infolge des Angriffs am Mittwoch mit zwei Verletzten wurde die Terrorwarnstufe im Vereinigten Königreich erhöht.
- Ein 45-jähriger Mann wurde wegen versuchten Mordes in zwei Fällen angeklagt.
Ein terroristisch motivierter Anschlag in den kommenden sechs Monaten gilt in der vierten von fünf Stufen nun als «sehr wahrscheinlich». Wie die Nachrichtenagentur PA berichtet, wurde die Warnstufe erstmals seit November 2021 wieder auf «severe» (schwer) gesetzt.
Er sehe eine «beinahe pandemische Ausbreitung von Antisemitismus in der Gesellschaft», sagte der Londoner Polizeichef Mark Rowley dem Rundfunksender Times Radio.
Innenminister Shabana Mahmood äusserte sich ebenfalls: «Ich weiss, dass dies für viele (Menschen) Anlass zur Sorge sein wird, insbesondere für unsere jüdische Gemeinschaft, die so viel erlitten hat.» Die Regierung werde «alles in unserer Macht Stehende tun», um das Übel des Antisemitismus aus der Gesellschaft zu verbannen. Die Ministerin forderte dazu auf, im Alltag wachsam zu sein und etwaige Bedenken der Polizei zu melden.
45-jähriger Mann wegen versuchten Mordes angeklagt
Im Londoner Viertel Golders Green waren am Mittwoch zwei Männer jüdischen Glaubens im Alter von 76 und 34 Jahren niedergestochen worden. Sie befinden sich in einem stabilen Zustand. Ein 45-jähriger Mann wurde festgenommen, der Polizei zufolge ein in Somalia geborener Brite.
Der Mann ist jetzt wegen versuchten Mordes in zwei Fällen angeklagt worden. Wie in Grossbritannien üblich, wurden der Name und ein Foto des Verdächtigen veröffentlicht.
Das Innenministerium teilte mit, die Erhöhung der Terrorwarnstufe folge auf den Messerangriff, sei jedoch nicht ausschliesslich auf diesen zurückzuführen. Die Terrorbedrohung im Vereinigten Königreich sei bereits seit einiger Zeit gestiegen, getrieben durch eine Zunahme der allgemeinen islamistischen sowie rechtsextremen terroristischen Bedrohung durch Einzelpersonen und kleine Gruppen. Festgelegt wird die Warnstufe vom unabhängigen Joint Terrorism Analysis Centre.
In den vergangenen Wochen war es immer wieder zu antisemitischen Angriffen gekommen, oft handelte es sich dabei um Brandanschläge. Ende März waren, auch im Viertel Golders Green, etwa vier Krankenwagen des jüdischen Rettungsdienstes Hatzola bei einem Brandanschlag zerstört worden. Anders als der Messerangriff wurde die Tat aber nicht als Terrorakt eingestuft.
Iran weist Beteiligung zurück
Zu beiden Angriffen bekannte sich eine islamistische Gruppierung namens Ashab al-Jamin. Die Gruppe tauchte erstmals während des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran auf und hat sich Ermittlern zufolge seitdem zu mehreren Anschlägen in Europa gegen jüdische und westliche Einrichtungen bekannt. Es ist aber unklar, ob die Gruppe tatsächlich existiert oder ob es sich um eine Inszenierung handelt. Zugleich gibt es Anzeichen auf mögliche Verbindungen zum iranischen Staat.
Die iranische Botschaft in London wies jede Beteiligung an «gewalttätigen Aktivitäten oder Vorfällen im Vereinigten Königreich» kategorisch zurück. Die Vorwürfe seien «haltlos», entbehrten glaubwürdiger Beweise und dienten offenbar politischen Agenden, teilte die Botschaft laut der Nachrichtenagentur PA mit.