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Nachfolge beim CDU-Vorsitz Merkel und Merz – vom Traum- zum Albtraumduo

Die Kanzlerin gibt im Dezember den Parteivorsitz frei. Doch was passiert, wenn der «falsche» Kandidat das Rennen macht?

Legende: Audio Stephan-Andreas Casdorff überrascht von Merkels Strategie abspielen. Laufzeit 06:45 Minuten.
06:45 min, aus SRF 4 News aktuell vom 30.10.2018.

«Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren», sagte Angela Merkel gestern, einen Tag nach der desaströsen Landtagswahl in Hessen vor den Medien. Bereits Anfang Dezember will sie den CDU-Parteivorsitz abgeben, im Jahr 2021 dann auch die Kanzlerschaft. Danach will sich Merkel ins Privatleben zurückziehen.

Zahlreiche Medien und Beobachter bezeichnen Merkels selbstgewählten Rückzug aus der Politik als «würdevoll». Doch ist ein solcher Abschied auf Raten tatsächlich eine kluge Strategie? «Es ist jedenfalls eine völlig veränderte Strategie», sagt Stephan-Andreas Casdorff, Chefredaktor des «Berliner Tagesspiegels». Und: Das habe es in Deutschland so noch nie gegeben.

Stephan-Andreas Casdorff

Stephan-Andreas Casdorff

Chefredaktor «Tagesspiegel»

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Seit 1999 schreibt er für den «Tagesspiegel». Seit 2004 leitet er gemeinsam mit Lorenz Maroldt die «Tagesspiegel»-Redaktion. Davor war er unter anderem für die «Kölnische Rundschau», die «Süddeutsche Zeitung» und die «Stuttgarter Zeitung» tätig.

«Kanzlerschaft und Parteivorsitz gehörten bisher immer in eine Hand, um wirkungsvoll zu regieren.» Diese Sicht habe Merkel unter dem Eindruck der schweren Verluste in Hessen und Bayern nun überraschend aufgegeben. «Offensichtlich war der Druck in der eigenen Partei zu gross geworden.»

Nachfolgern wird auf den Zahn gefühlt

Doch reicht diese Ankündigung aus, um Merkels innerparteiliche Gegner zu besänftigen? «Zumindest richtet sich jetzt alle Aufmerksamkeit auf das Neue», so Casdorff. «Das Vergangene ist schon fast vergangen, Merkel schon fast CDU-Geschichte.» Das Neue, das sind die Kandidaten für den Parteivorsitz.

Diese werden nun durchleuchtet. Wenn alle ihre Programme vorgelegt haben, wie sie die Wählerschaft wieder zur CDU ziehen wollen, dann werde man klarer sehen. Es könnte aber auch sein, dass der aus Merkels Sicht «falsche Kandidat» zum Zug kommt, gibt Casdorff zu bedenken. Zum Beispiel Friedrich Merz. Er hatte 2002 seinen Posten als Chef der Unionsfraktion an Merkel verloren.

Merz und Merkel sitzen im Jahr 2000 im Reichstag nebeneinander.
Legende: Bis 2002 war Merz Unionsfraktionschef im Bundestag, dann drängte ihn Merkel aus dem Amt. Keystone/Archiv

«Merkel und Merz sollten einmal ein Traumduo sein und sind zum Albtraum geworden – jedenfalls füreinander», erinnert sich der «Tagesspiegel»-Chef. «Wenn der gewählt würde, der mit Merkel gar nicht kann, der sich von ihr hinters Licht geführt fühlte, der bis heute gekränkt ist, dann würde das nicht gut gehen.»

Auch wenn der aktuelle Gesundheitsminister Jens Spahn den Parteivorsitz übernehmen sollte, wäre ihre Zeit als Kanzlerin überschaubar, glaubt Casdorff. «Sie würde gewiss nicht über das Jahr 2019 hinausreichen, sondern eher früher enden.» Mit ihrer Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer könnte Merkels Plan, sich auf Raten zurückzuziehen, dagegen aufgehen.

Beliebtheitswerte immer noch hoch

Legende: Video In welche Richtung soll sich die CDU entwickeln? abspielen. Laufzeit 01:21 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 30.10.2018.

Merkels Problem ist also der Rückhalt in ihrer Partei. «Wenn die CDU von Friedrich Merz geführt würde, der mit Argusaugen auf alles schauen wird, was sie tut, dann wird es sicherlich schwierig für sie», sagt Casdorff.

Aber man dürfe nicht vergessen: «In der Bevölkerung ist Merkel immer noch die beliebteste Politikerin, jedenfalls was die Führung der Republik angeht.» Sie habe immerhin noch 43 Prozent Zustimmung. «Und das, obwohl sie doch eigentlich als schwach gilt. Das heisst, ihre Moderationsfähigkeit und die Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Volk wird sie beibehalten.»

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19 Kommentare

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  • Kommentar von B. Moser (moser.b)
    Sagen wir mal, ich wäre Parteidelegierter im Dezember in Hamburg. Dann würde ich mir schon überlegen, ob ich nicht Merz wählen will. Weil er ist doch eine echte Alternative zu Merkel. Und da er grade über 10 Jahre weg vom Fenster war, kann man ihn nicht für Merkels Fehlleistungen belangen, und hat in kommenden Wahlkämpfen evtl. andere Optionen.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Ich bin überhaupt kein Merkel-Fan, auch 16 Jahre Kohl empfand ich als schlimm. Schon lange plädiere ich für maximal 2 x 4 Jahre Kanzlerschaft. Trotzdem bin ich der Meinung, das sie das Meiste, nicht das Allermeiste, während ihrer Amtszeit gut gemacht hat. Allerdings bin ich auch keine EU-Hasser, und Ausländer-Feind.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Es ist klar, dass die Linken sagen werden, es hätte der falsche Kandidat das Rennen gewonnen, denn es wird wie bei allen Abstimmungen in der letzten Zeit ein Rechtsgerichteter sein. Ich sage nur, endlich! hat man begriffen, dass Rechts nichts mit den Nazis zu tun hat (im Gegenteil) sondern, dass die Rechten in Europa +USA einfach endlich wieder Ruhe, Ordnung +Anstand herstellen wollen. Damit sind die Linken nicht einverstanden, da sie mit ihrer verheerenden Unordnungs-Politik aufhören müssen.
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