Die Amtszeit von UNO-Generalsekretär António Guterres läuft Ende Jahr aus. Viele finden, es sollte endlich erstmals eine Frau als Nachfolgerin zum Zug kommen. Doch der vorläufige Favorit ist ein Mann. Der begeht aber zum Auftakt der Kampagne einen gravierenden Fehler. Zudem steht der Posten, zumindest nach UNO-Gepflogenheiten, diesmal der Staatengruppe Lateinamerika und Karibik zu.
Kandidatinnen: hohe Kompetenz, wenig Aufbruch
Zur Wahl stehen drei Frauen: Chiles Ex-Präsidentin und Ex-UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet. Dann Rebeca Grynspan, die frühere Vizepräsidentin von Costa Rica und Generalsekretärin der UNCTAD, der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung. Und die argentinische Diplomatin und UNO-Sonderbeauftragte Virginia Gamba.
Ihr jeweiliger Werdegang qualifiziert alle drei für das höchste UNO-Amt. Allerdings sind alle drei siebzigjährig oder älter, stehen also nicht unbedingt für Aufbruch.
Das Bewerberfeld komplettieren zwei Männer: Senegals Ex-Präsident Macky Sall. Und als Fünfter der argentinische Spitzendiplomat Rafael Grossi, der die UNO-Atombehörde IAEA leitet.
Die fünf Kandidaturen für Guterres-Nachfolge
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Bild 1 von 5. Michelle Bachelet. ist Chiles Ex-Präsidentin und Ex-UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte. Bildquelle: Keystone / Valentin Flauraud.
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Bild 2 von 5. Rebeca Grynspan. ist frühere Vizepräsidentin von Costa Rica und Generalsekretärin der UNCTAD. Bildquelle: Keystone / Salvatore di Nolfi.
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Bild 3 von 5. Virginia Gamba. ist argentinische Diplomatin und UNO-Sonderbeauftragte. Bildquelle: imago images.
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Bild 4 von 5. Macky Sall. ist Senegals Ex-Präsident. Bildquelle: Keystone / Sylvain Cherkaoui.
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Bild 5 von 5. Rafael Grossi. ist Chef der UNO-Atombehörde IAEA und hat zurzeit die besten Karten für das Amt. Bildquelle: Keystone / Abdul Saboor.
Mehrere Frauen, die zuvor hoch gehandelt wurden, treten nun gar nicht an. Allen voran Mia Mottley, die Premierministerin von Barbados. Sie spürt wohl zu viel Gegenwind aus Washington. Mottley spricht Klartext und engagiert sich für Klimaschutz, Gleichberechtigung und für die Entwicklungsländer. Das gefällt Präsident Donald Trump nicht.
Klar die besten Karten hat IAEA-Chef Rafael Grossi. Im Sicherheitsrat wünschen bloss Frankreich und Grossbritannien die Wahl einer Frau. Sie werden aber am Ende die Kür eines Mannes nicht blockieren. Russland und China ist die Geschlechterfrage egal. Die Trump-Regierung dürfte einen Mann bevorzugen.
Unvermeidliche Interessenskonflikte bei Grossi
Für Grossi spricht seine diplomatische Erfahrung. Ihm wird zugetraut, Reformen durchzusetzen. Seit 2019 führt er erfolgreich und geschickt die UNO-Atombehörde. Doch genau das wird nun zum Problem.
Denn Interessenskonflikte sind unvermeidlich: Zum einen reist er als Chef einer UNO-Organisation auf UNO-Kosten ständig um die Welt, trifft Präsidenten und Ministerinnen und kann so an höchster Stelle für sich werben. Zum andern kann Grossi sein IAEA-Amt nicht länger unbefangen ausüben – gerade in Konflikten wie jenen um Irans Atomprogramm oder Russlands Besetzung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischja. Er kann im Grunde nichts mehr sagen und tun, was einer der Vetomächte missfällt.
Grossi sieht das vorderhand nicht ein. Er hält an seinem Posten fest und argumentiert, ein Rücktritt werde in den Vorgaben der UNO nicht «gefordert», sondern bloss «empfohlen». Und bei der Deklaration seiner Wahlkampffinanzierung liefert er nur eine knappe, ausweichende Antwort. Wie sehr ihm das im Wahlkampf schadet, ist unklar.
Denn die Kür eines neuen UNO-Generalsekretärs wird zwar von grosser öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet und lebhaft diskutiert. Nägel mit Köpfen werden hingegen nicht öffentlich gemacht, vielmehr hinter verschlossenen Türen. In undurchsichtigen Manövern der fünf UNO-Vetomächte.