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Auf der Abschussliste «Targeted Killings»: Despotendämmerung im Nahen Osten

Terroristen, Generäle, religiöse und politische Führer: Die USA und Israel pflügen den Nahen Osten um – mit unabsehbaren Folgen.

In den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2020 tötet eine US-Drohne den iranischen General Qassem Soleimani. Das «Time»-Magazine spricht von einem Gamechanger in der Nahostpolitik der USA – im negativen Sinn:

Seit Trump vom Atomabkommen mit Iran abgerückt ist, gab es immer wieder Spannungen und Provokationen – aber beide Seiten respektierten rote Linien. Dieses Attentat öffnet die Büchse der Pandora.

US-Präsident Donald Trump, damals im letzten Jahr seiner ersten Amtszeit, sieht es anders. Die USA hätten ein «Monster» getötet, erklärt er. Andere fürchten, dass er einen Märtyrer geschaffen hat, der tot gefährlicher als lebendig ist.

Ajatollah Ali Chamenei schwört den Amerikanern, den «Elendigsten unter den Menschen», Rache. Doch das Regime ist geschwächt. Seit Monaten begehrt das Volk auf, die wirtschaftliche Lage ist prekär.

Teherans Antwort zeigt, wie ungleich das Kräfteverhältnis ist: Die iranischen Revolutionsgarden feuern eine Raketensalve auf US-Basen im Irak ab – kein US-Soldat stirbt.

Die Linien verwischen

Ihre technologische und nachrichtendienstliche Überlegenheit erlaubt es den USA, gezielte Tötungen rund um den Globus vorzunehmen. Im Kalten Krieg versucht es die CIA mit klandestinen Methoden. Im Krieg gegen den Terror nach 9/11 gehören Kommandoaktionen und Luftschläge zum Standardrepertoire mehrerer US-Präsidenten.

Mann in Tarnkleidung mit Bart und Mütze in einem Video auf Al Jazeera.
Legende: Die prominentesten Ziele des «War on Terror»: Al-Kaida-Chef Osama bin Laden (2011 in Pakistan getötet, im Bild) und IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi (2019 in Syrien). Keystone/AP/AL JAZEERA

Mit Soleimani verwischen die Linien. Für die «New York Times» handelt es sich um eine aussergerichtliche Hinrichtung. Die USA hätten kein Recht, einen hochrangigen Vertreter eines Staates umzubringen, weil er eine potenzielle Gefahr darstelle.

Aber geht Trumps Wette auf? Früheren US-Präsidenten wirft er im Umgang mit dem Iran Schwäche vor. Die Tötung des Topmilitärs ist eine Warnung an das Regime – bis hierhin und nicht weiter.

Wenn jemand aufsteht, um dich zu töten, töte ihn zuerst.
Autor: Benjamin Netanjahu Israelischer Premierminister

Im Rückblick fällt die Bilanz ernüchternd aus. Es gelingt nicht, den Einfluss des Irans in Nahost einzudämmen. Bald schon stehen die Zeichen auf Konfrontation.

Mit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel verfällt die Region ins Chaos. Iran aktiviert seine «Achse des Widerstands» vom Libanon bis nach Jemen; Israel geht mit aller Härte gegen die Hamas im Gazastreifen und die Hisbollah im Libanon vor.

«Wenn jemand aufsteht, um dich zu töten, töte ihn zuerst», erklärt der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu am 29. September 2024. Tags zuvor hat die israelische Luftwaffe Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah in einem Vorort von Beirut getötet.

«Nasrallah kann die Welt nie mehr terrorisieren»

Nasrallah gilt als mächtigster schiitischer Geistlicher nach Irans Revolutionsführer Ali Chamenei. Gleichzeitig ist er verantwortlich für zahlreiche Terroranschläge in Israel und weltweit.

Israel verfolgt seine Strategie der Enthauptungsschläge weiter. Kaum herrscht ein fragiler Waffenstillstand in Gaza, folgt der amerikanisch-israelische Angriffskrieg gegen den Iran – die Operation «Epische Wut».

SRF-Korrespondent: «Heiligt der Zweck die Mittel?»

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Porträt eines älteren Mannes mit grauen Haaren.
Legende: SRF

Einschätzung von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent von SRF: «Im privaten Bereich spricht man von Selbstjustiz. Sie ist in Rechtsstaaten verboten. Es ist nicht den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern überlassen, erlittenes Unrecht zu ahnden. In der Politik ist von ‹gezielten Tötungen› die Rede: Ein Staat bringt, ohne Gerichtsverfahren und ausserhalb des Schlachtfelds Führungsfiguren eines anderen Staates um. Nach breitem Verständnis widerspricht das klar dem Völkerrecht. Es gibt indes auch die Haltung, solche Tötungen seien im Kampf gegen den Terrorismus zulässig. Darauf berief sich die US-Regierung von Barack Obama, als sie Al-Kaida-Chef Osama bin Laden umbrachte.

Es gibt zahlreiche Regierungen, demokratische wie diktatorische, die wiederholt gezielte Tötungen anordneten: Der Iran vor allem gegen Regimegegner; die USA gegen Terroristen in Pakistan, Afghanistan, Jemen und Drogenbosse in Lateinamerika; Israel tut dies in etlichen Ländern; Russland gegen Dissidenten; Saudi-Arabien gegen einen kritischen Journalisten; Nordkorea gegen Regimegegner. Es handelte sich fast immer um politische Morde und nicht um unmittelbare Akte zum Selbstschutz, also um Verteidigung in einer akuten Notlage.

Im Iran-Krieg häufen sich solche Tötungen. Zielscheibe ist stets der Spitzenvertreter eines grausamen Regimes. Das Bedauern hält sich entsprechend in Grenzen. Bloss: Heiligt der Zweck hier die Mittel? Und was ist überhaupt der Zweck? Solche Tötungen verhärten die Lage. Sie führen meist dazu, dass noch radikalere und brutalere Regimevertreter nachrücken. Und dass es erst recht schwierig wird, Ansprechpartner zu finden, sollte man irgendwann doch eine Verhandlungslösung anstreben.»

Nun gerät die gesamte iranische Führung ins Visier – auch Ajatollah Ali Chamenei, der schon zu Kriegsbeginn getötet wird. Weitere Köpfe des Regimes sterben, darunter Kommandanten der Revolutionsgarden und Ali Laridschani, eine der zentralen Figuren in Teherans Machtapparat.

Die USA und Israel demonstrieren ihre drückende militärische Überlegenheit. Die Botschaft an Teheran: Jeder, der nachrückt, ist ein Todeskandidat. Es sei denn, er unterwirft sich dem Willen dem Angreifer.

Wohin die Strategie führt, weiss niemand. «Mit jedem Schlag, den die ‹Islamische Republik› absorbieren muss, wird das ganze Gebäude fragiler – oder noch repressiver. Oder beides», schliesst Philipp Scholkmann, Auslandredaktor von SRF.

USA und Israel: Zwei, die nicht dasselbe wollen

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Einschätzung von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent von SRF: «Für die israelische Regierung ist klar: Mit den Angriffen gegen den Iran sollen nicht nur dessen Waffenarsenale zerstört, vielmehr soll auch das Regime beseitigt werden. Erst dann fühlt sich Israel sicher. Aus Sicht Jerusalems ist also das zentrale Kriegsziel noch längst nicht erreicht. Fragt sich, ob es erreichbar ist. In Israel ist die öffentliche Unterstützung für diesen Krieg weiterhin solid. Und die Regierung von Benjamin Netanjahu will davon profitieren, dass es ihr nach jahrelangen Bemühungen gelungen ist, die USA von einem Waffengang gegen den Iran zu überzeugen.

Die US-Regierung von Donald Trump äussert sich in Sachen Kriegsziel widersprüchlich. Mal geht es darum, das iranische Atomprogramm zu beenden, die Raketenarsenale zu reduzieren und die Unterstützung regionaler und israelfeindlicher Milizen zu stoppen. Mal geht es um die iranische Bevölkerung und darum, ihr eine demokratische Zukunft zu ermöglichen. Mal um den Sturz des Mullah-Regimes. Gilt Ersteres, könnten die USA «mission accomplished» verkünden und mit den Machthabern in Teheran ein Abkommen aushandeln, das die Strasse von Hormus wieder passierbar macht. Der Iran ist militärisch massiv geschwächt. Strebt man indes letztere Ziele an, muss der Krieg weitergeführt werden – ohne garantierten Erfolg. Für die USA besteht dabei das Risiko, dass die ganze Region und vor allem auch Verbündete wie die Golfstaaten oder Nato-Länder wie die Türkei in ein neues nahöstliches Chaos hineingezogen werden. Hinzu kommt, dass eine Mehrheit in den USA diesen Krieg ablehnt.

Je länger er dauert, umso deutlicher treten die Differenzen zwischen israelischen und amerikanischen Kriegszielen zutage.»

 

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Tagesschau, 17.03.2026, 19:30 Uhr;liea

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