Die Lage im Gazastreifen ist katastrophal. Und sie wird es noch lange bleiben. Fast zwei Millionen Menschen leben in menschenunwürdigen Bedingungen: Ratten und Insekten verbreiten Krankheiten, sauberes Wasser gibt es kaum, ebenso wenig eine funktionierende Abwasserentsorgung oder ein Gesundheitssystem, das die Not auch nur annähernd bewältigen kann.
Einmal abgesehen von der fast kompletten Zerstörung von Infrastruktur, Schulen, Geschäften und landwirtschaftlichen Flächen: Seit über zwei Jahren müssen die Menschen entweder hungern oder sich mehr schlecht als recht ernähren.
Die Menschen in Gaza sind eingesperrt
Immunsysteme sind geschwächt, besonders bei Kindern, Kranken und Verletzten. Israel gibt dafür der Hamas die Schuld, die sich nicht entwaffnen lassen will, aber das greift zu kurz: Im Gegensatz zu anderen Kriegsgebieten kann die Bevölkerung Gazas nirgendwohin flüchten. Sie ist eingesperrt, und für ihr Überleben komplett davon abhängig, dass die israelische Regierung Lebensmittel, medizinische und andere Güter in den Gazastreifen hineinlässt. Zwar liess die israelische Regierung laut internationalen Hilfsorganisationen im Zuge der brüchigen Waffenruhe mit der Hamas wieder mehr Güter hinein. Mit dem Beginn des Iran-Krieges im Februar sank die Anzahl Lastwagen jedoch wieder dramatisch. Eine israelische Seeblockade besteht seit 2007.
Aufmerksamkeit erregen als Hauptziel
Die Aktivistinnen und Aktivisten von Global Sumud Flotilla wollen mit ihren wiederholten Segelboot-Aktionen vor allem eines: auf diese anhaltende Misere der Bevölkerung aufmerksam machen, die in Vergessenheit zu geraten droht. Sie glaubten nie ernsthaft daran, dass sie die Not der Bevölkerung mit den Gütern, die sie an Bord hatten, entscheidend lindern könnten. Oder nur schon, dass sie den Gazastreifen überhaupt erreichen würden.
Diesmal kamen sie jedoch nicht einmal in die Nähe ihres Ziels: Vor Kreta, 250 Seemeilen entfernt von Gaza, in internationalen Gewässern, stoppte die israelische Armee die gut 50 Boote und nahm die über 400 Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt fest – darunter auch sieben Schweizerinnen und Schweizer.
PR-Stunt oder ernsthafte Bedrohung?
Premier Benjamin Netanjahu liess sich in einer Schar von Offizieren ablichten und verbreitete das Bild als Beweis dafür, dass Israel eine grosse Bedrohung abgewendet habe. Der Staat wirft einigen Flotilla-Aktivisten Verbindungen mit der Hamas vor: einen Vorwurf, den die Regierung gegen jeden richtet, der öffentlich mit dem Leiden der Gaza-Bevölkerung sympathisiert. Gleichzeitig schrieb das israelische Aussenministerium, diese Aktion sei «einmal mehr nichts weiter als ein PR-Stunt im Dienste der Hamas» gewesen.
Ja, was nun? Eine ernsthafte Bedrohung für Israel oder bloss ein PR-Stunt? Gegen einen PR-Stunt muss man keine Armee einsetzen. Der Militäreinsatz stärkt die Botschaft der Flotilla-Aktivistinnen und -Aktivisten sogar noch. Diese verbreiten Videos von Soldaten in Vollmontur, die unzimperlich gegen unbewaffnete Zivilisten vorgehen. Und sagen: «Wenn sie uns schon so behandeln, stellt euch vor, was sie mit Palästinensern machen!»
Mit dem Militäreinsatz gegen Segelboote und der Festnahme von Zivilpersonen in internationalen Gewässern schützt sich Israel nicht, sondern zeigt der ganzen Welt, dass die Misere im Gazastreifen sein wunder Punkt ist. Ein vermeidbares PR-Desaster, wenn nicht ständig diese «PR-Stunts» wären, welche auf das unerträgliche Leiden im Gazastreifen aufmerksam machen.