Was bedeutet Chameneis Tod für die Islamische Republik? «Chamenei ist der islamische Führer, das ist eine konstitutionelle Rolle, sie steht im Zentrum des Systems», erklärt Roland Bopp, Sicherheitsexperte Militärakademie an der ETH Zürich. «Er ist sehr schwer zu ersetzen.» Aber der Iran habe gewusst, dass ein «Enthauptungsschlag» bevorstehen könnte, und man habe sehr viel Macht nach unten delegiert. Irans Präsident Massud Peseschkian hat die gezielte Tötung von Religionsführer Ali Chamenei derweil als offene Kriegserklärung bezeichnet und drohte mit Vergeltung und Blutrache.
Wer hat nach dem Tod Chameneis im Iran das Sagen? Vorübergehend soll staatlichen Medien zufolge ein Dreier-Gremium die Führung des Landes übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und, laut neuesten Meldungen der iranischen Nachrichtenagentur Isna, der Geistliche Aliresa Arafi. Das Trio soll die Aufgaben Chameneis übernehmen, bis der sogenannte Expertenrat einen Nachfolger benennt.
Wie wird eine Nachfolge Chameneis bestimmt? Laut der Verfassung müsse der Expertenrat umgehend einen neuen Führer bestimmen und vorstellen, erklärte ein Berater Chameneis. Der Expertenrat ist ein Gremium aus 88 einflussreichen Geistlichen (Ajatollahs). Diese werden alle acht Jahre gewählt. Es heisst, Chamenei habe vorgespurt und Namen von möglichen Nachfolgern genannt. Durch den Tod zahlreicher Entscheidungsträger ist die Handlungsfähigkeit dieses Gremiums derzeit jedoch fraglich. Auch Sicherheitsexperte Roland Bopp bezweifelt, dass der formale Prozess für einen Nachfolger unter Kriegsbedingungen durchgeführt werden könne.
Wer wird als möglicher Nachfolger Chameneis gehandelt? Öffentlich hatte sich der Religionsführer nicht zu seiner möglichen Nachfolge geäussert. Spekuliert wurde in der Vergangenheit etwa über Chameneis Sohn Modschtaba, der jedoch wenig in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Zu den einflussreichsten Geistlichen zählen Sadegh Laridschani, ein Bruder des Chefs des Nationalen Sicherheitsrats Ali Laridschani. Auch das Mitglied des Expertenrats Mohsen Araki sowie der Teheraner Prediger Ahmad Chatami gelten als einflussreich. Unumstritten unter Experten ist jedoch, dass ein neuer Religionsführer zunächst kaum die gleiche Autorität geniessen wird wie Chamenei, der das System jahrzehntelang aufgebaut und geleitet hat.
Wie positioniert sich der Exil-Kronprinz Reza Pahlavi? Pahlavi ist der Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien. Er lebt seit Jahrzehnten im Exil in den USA. Während der jüngsten Massenproteste beanspruchte er aus dem Ausland eine Führungsrolle in der zerstrittenen und zersplitterten iranischen Opposition. Nun bringt er sich erneut als Übergangsführer des Irans ins Spiel. «Viele Iraner haben mich, oft trotz lebensbedrohlicher Situationen, gebeten, diesen Übergang zu leiten», schreibt er in der «Washington Post». Er wolle ihrem Ruf folgen und den Weg hin zu einer neuen Verfassung freimachen. Darauf sollten freie Wahlen folgen. Unklar ist aber, wie gross sein Rückhalt im Land tatsächlich ist.