Fände der Nato-Gipfel nicht in der Türkei statt, mit Staatschef Recep Tayyip Erdogan als Gastgeber, würde US-Präsident Donald Trump gar nicht hinfahren, erklärte er dieser Tage. Mit dieser Aussage lobt Trump einerseits den obersten Türken und watscht andrerseits die übrigen Nato-Alliierten ab, die seiner Präsenz nicht würdig sind.
Zwar blieb bisher noch nie ein US-Präsident einem Nato-Spitzentreffen fern. Aber Trump ist eben anders. Und er bewundert Autokraten wie Erdogan. Sogar dass der einen dezidiert Israel-feindlichen Kurs verfolgt, verzeiht er ihm.
Wie der Türkei in der Militärallianz mittlerweile fast alles verziehen wird: der Kauf russischer Abwehrraketen; ihr Widerstand gegen manche Nato-Beschlüsse und ebenso, dass sie vom demokratischen Kurs weit abgekommen ist.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte lobt die Türkei in höchsten Tönen als Schlüsselpartner – nicht zuletzt wegen ihrer stark gewachsenen Rüstungsindustrie. Genau für seine Waffenschmieden erhofft sich Erdogan jetzt am Rande des Nato-Gipfels einträgliche Verträge. Denn weil sich die europäische Waffenherstellung nur langsam hochfahren lässt, sind die Europäer auf die Türken angewiesen.
Erdogan hofft auf Rüstungsgeschäfte
«Das dürfte auf dem Gipfel ein wichtiges Thema sein», sagt Özgür Ünlühisarcikli, Direktor des Ankara-Sitzes der US-Denkfabrik German Marshall Fund: «Zugleich hofft Erdogan, dass Trump die von den USA bisher verweigerten F-35-Kampfjets sowie Flugzeugmotoren nun liefert.» Sozusagen unter Freunden.
Die Türkei, so der Experte, sei aber auch als regionaler Stabilitätsanker noch wichtiger geworden, da sie imstande sei, gleich in mehreren aktuellen Krisen eine Rolle zu spielen: im Ukraine-Krieg, im Iran-Krieg und im Gaza-Konflikt. Gleichzeitig räumt er ein: «Die politische Situation im Land selbst hat sich nicht verbessert.»
Demokratiefragen rücken in den Hintergrund
Wegen der autoritären Herrschaft Erdogans verweigerten viele europäische Regierungen lange Zeit hartnäckig dessen Wunsch, einen Nato-Gipfel durchzuführen. Zumal sich die Nato als Bündnis demokratischer Staaten versteht. Doch dieser Aspekt spielt anscheinend in realpolitisch härteren Zeiten eine geringe Rolle.
Özgür Ünlühisarcikli sagt: «Wichtiger scheint heute, dass die Türkei logistisch und in puncto Sicherheit imstande ist, einen solchen Grossanlass mit Dutzenden von Staats- und Regierungschefs über die Bühne zu bringen. Und dass die türkische Führung einen erfolgreichen Balanceakt vollführt zwischen der Trump-Regierung und den Europäern, zwischen denen in der Nato ein immer tieferer Graben verläuft.»
Erdogans grosser Auftritt
Dass der Gipfel nun kommende Woche in Ankara stattfindet, ist für Erdogan ein Triumph. Er strebt für sich eine Rolle auf der internationalen Bühne an – als türkischer Führer und als Weltpolitiker. Das könnte ihm nun dank des Nato-Gipfels gelingen.