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Die Heinsberg-Studie und die Ansteckungsrate
Aus Echo der Zeit vom 04.05.2020.
abspielen. Laufzeit 03:20 Minuten.
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Neue Studie lässt aufhorchen Ist die Zahl der Corona-Infizierten deutlich höher?

Die deutsche Heinsberg-Studie macht Schlagzeilen. Wegen der unsicheren Datenlage ist sie aber mit Vorsicht zu geniessen.

Vor etwa einem Monat sorgte eine Studie zum Coronavirus in Deutschland für viel Aufsehen: die «Heinsberg-Studie». Die Forscher wollten herausfinden, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Coronavirus angesteckt hatten – wie hoch also die Dunkelziffer ist. Sie untersuchten dazu einen Ort, der schwer von Covid-19 betroffenen war.

Die Ergebnisse, die sie vor einem Monat präsentierten, waren erst Zwischenergebnisse, also vorläufige Daten. Sie taten dies Seite an Seite mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und sagten, die Studie liefere Argumente für eine Lockerung der Massnahmen gegen Corona.
Dies wurde von vielen Expertinnen und Experten als unseriös kritisiert. Nun ist die fertige Studie veröffentlicht worden.

Ernüchterung nach der Karnevalssause

Gangelt im nordrheinwestfälischen Kreis Heinsberg hat fast 13'000 Einwohner. Noch Mitte Februar feierte man dort kräftig Karneval. Das Coronavirus feierte mit und verbreitete sich stark. In der Folge verzeichneten Spitäler und Testzentren etwa drei Prozent positive Fälle. Doch wie hoch ist die tatsächliche Durchseuchung? Und wie viele Infizierte haben gar keine Symptome?

Diese wichtigen Fragen untersuchten Forscher der Universität Bonn um den Virologen Hendrik Streeck. Ihre Studie an etwas über 900 Einwohnern Gangelts zeigt nun: Die Durchseuchungsrate liegt bei 15.5 Prozent und etwa 20 Prozent aller Infizierten blieben ohne Symptome. Die tatsächliche Fallzahl in Gangelt war also rund fünf Mal höher als die behördlichen Virentests angezeigt hatten.

Weit entfernt von «Herdenimmunität»

Diese Zahlen hatten die Bonner Forscher vor einem Monat bereits veröffentlicht. Nun kann man aufgrund der nachgereichten Studie sagen: Die Zahlen haben sich bestätigt und sind solide. 15.5 Prozent Durchseuchung bedeutet: Auch an einem besonders schwer von Covid-19 betroffenen Ort wie Gangelt hat erst eine Minderheit die Krankheit durchgemacht, man ist von der sogenannten Herdenimmunität selbst hier noch weit entfernt. Das heisst: Es braucht noch lange Massnahmen gegen eine Weiterverbreitung des Virus.

Virologe Streeck.
Legende: Der Bonner Virologe Hendrik Streeck untersuchte, wie sich das Virus in der Gemeinde Gangelt ausgebreitet hat, die als Infektionsherd in dem schwer betroffenen Kreis Heinsberg gilt. Keystone

Die Forscher haben noch eine andere Zahl bestimmt: die tatsächliche Sterblichkeitsrate unter Corona-Infizierten. Sie kommen in Gangelt auf 0.36 Prozent. Das klingt nach wenig, wenn man an frühere Schätzungen von ein bis zwei Prozent denkt. Bereits gibt es in den sozialen Medien Stimmen, die sagen: «Ist ja doch nicht so schlimm». Sollte die Zahl von 0.36 stimmen, wären das aber immer noch fast vier Mal mehr als bei einer schweren Grippe-Epidemie.

Unsichere Datenlage

Ein kritischer Blick auf die Studie lässt aber Zweifel aufkommen an diesen Berechnungen. Gangelt ist ein kleiner Ort – und es liegen den Berechnungen nur sieben Tote zugrunde. Wären zufälligerweise nur ein bis zwei Menschen mehr gestorben oder haben die Behörden einige Corona-Tote übersehen, die zuhause gestorben sind, ohne getestet worden zu sein, sähe diese Sterblichkeitsrate ganz anders aus. Auch ein Ausbruch in einem Altersheim hätte die Rate empfindlich beeinflusst. Kurz: die Studie ist zu klein, um verlässliche Zahlen für die Sterblichkeitsrate zu liefern.

Die Forscher um den Virologen Streeck haben sich nach der heftig kritisierten voreiligen Informationsveranstaltung vor einem Monat ein weiteres Mal stark aus dem Fenster gelehnt.

Echo der Zeit vom 04.05.2020, 18 Uhr

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120 Kommentare

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  • Kommentar von Aldo brändli  (aldo)
    Liebes SRF. Und wieder eine Tabelle die nichts aussagt. Wenn man eine Liste der Länder präsentiert, dann muss man die Anzahl Fälle in Prozent der Bevölkerung angeben. Dass man USA mit 320 Mio. Einwohner mit Italien 60 Mio. vergleicht ist haarsträubend.
    1. Antwort von Henriette Rub  (Sylou)
      Dabei würde die Anzahl der Test eine wesentlicht Rolle spielen.
  • Kommentar von Mike Pünt  (Scientist)
    Wie kann man bei diesen Zahlen noch für eine schnelle Durchseuchungsstrategie sein? Angenommen die Sterberate ist tatsächlich 0.36%, dann würden bei einer totalen Durchseuchung der Schweiz gegen 30'000 Menschen sterben (innerhalb von ein paar Wochen!). Wieviele würden Hospitalisiert? 100'000? 300'000? Wieviele bräuchten eine Beatmung? Die Konsequenzen von dieser Strategie wären vermutlich verheerend.
    1. Antwort von Peter Amthauer  (Peter.A)
      Sie sollten die Verbreitungswege des Coronavirus in Gangelt in Ihre Überlegungen mit einbeziehen. Es ist in der Studie nachgewiesen worden, dass sich das Virus überwiegend über länger andauernde Nähe und das Austauschen von Aerosolen weiterverbreitet hat. Sprich, bei feucht fröhlichem Feiern wie auf einer Karnevalveranstaltung, Après-Ski-Party oder Massenveranstaltungen mit Gedränge wie Konzerte und Fussballspiele. In den Haushalten hingegen hat sich das Virus nicht verbreitet.
      MfG
    2. Antwort von Ulrich Thomet  (UTW)
      Risikopersonen müssen selbstverständlich den maximalen Schutz und Rücksicht erhalten.
      Je länger Nichtgefährdete ohne Immunität den Grossteil der Bevölkerung ausmachen, umso länger dauert die Erlangung der nötigen Herdenimmunität und umso länger dauert die Gefährdung von Risikopersonen.
      Das Virus verschwindet wahrscheinlich nicht auf wundersame Weise (was ich trotzdem hoffe). Solange das Virus genügend Nichtimmunisierte findet, solange bleibt es. Schlimmstenfalls Jahre.
    3. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      „In Haushalten hat sich das Virus nicht verbreitet.“ Muss man das noch kommentieren, oder merken Sie beim Lesen der eigenen Behauptung gleich selbst, wie unsinnig sie ist?
  • Kommentar von Ulrich Thomet  (UTW)
    "...man ist von der sogenannten Herdenimmunität selbst hier noch weit entfernt. Das heisst: Es braucht noch lange Massnahmen gegen eine Weiterverbreitung des Virus."

    Die Massnahmen gegen die Weiterverbreitung des Virus VERHINDERN aber eine höhere Herdenimmunität. Ohne Herdenimmunität keine Lockerung und ohne Lockerung weniger Immunität.
    Irgendwann muss dieser Mechanismus durchbrochen werden.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      Ja, das sehe ich auch so, UTW. Deshalb sind so viele Mitbewerber um einen Impfstoff im Rennen. Die Pharmariesen sind besonders daran interessiert, die Herdenimmunität nicht zu gross werden zu lassen, denn dem Sieger winken Riesengewinne.
    2. Antwort von Andreas Morello  (Andreas Morello)
      Wenn die entsprechenden Tests bereit sind um die Anti-Körper im Blut zu messen wird das höchstwahrscheinlich helfen herauszufinden, ob eine (Teil-) Immunität besteht. Damit man anfangen kann abzuschätzen, wie lange diese Immunität voraussichtlich anhalten wird.