Laut einer Forschungsgruppe des World Climate Research Programmes ist das schlimmste Szenario zum Klimawandel unplausibel geworden. Doch auch das bestmögliche Szenario ist vom Tisch. Die Zusammenhänge erläutert SRF-Wirtschaftsredaktor und Klimaspezialist Klaus Ammann.
Wieso hat das Extremszenario keine Gültigkeit mehr?
Die Klimawissenschaft arbeitet mit Szenarien, um verschiedene mögliche, also plausible Zukünfte zu beschreiben. Dabei geht sie jeweils von dem aus, was aktuell technologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich möglich scheint. Wenn es um den Klimawandel geht, ist der Ausstoss von klimaschädlichem CO₂ dabei die zentrale Grösse. Das bisherige Worst-Case-Szenario hat eine Zukunft beschrieben, in der es keine Grenzen für den CO₂-Ausstoss gibt: Keine Klimaschutzmassnahmen werden ergriffen, erneuerbare Energien blockiert, Autos und Heizungen langfristig mit Erdgas und -öl betrieben. Doch in den letzten Jahren ist nicht nichts geschehen, und so haben die weltweiten Treibhausgasemissionen wohl ihren Höhepunkt erreicht. Grundsätzlich ist es in der Wissenschaft üblich, dass man alte Szenarien über Bord wirft und neue entwirft.
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Hat Trump recht, wenn er sagt, der Klimawandel sei Hysterie?
Nein. Trump verwechselt Szenarien mit Prognosen. In Szenarien wird versucht darzustellen, was geschieht, wenn gewisse Dinge eintreten. Es sind eben gerade keine Vorhersagen. Dazu kommt, dass das Worst-Case-Szenario, das nun nicht mehr verwendet werden soll, ein bewusst extremes Szenario war, dessen Eintreten immer als sehr wenig wahrscheinlich eingeschätzt wurde. Es zeigte aber, dass sehr hohe Treibhausgasemissionen enorme Risiken und Schäden mit sich brächten. Dass man es jetzt ausschliesst, zeigt vor allem, dass es die Politik zumindest ein wenig aufgerüttelt und zum Handeln gebracht hat. Sonnen- und Windenergie sind heute so stark und so günstig, dass ein unendliches Wachstum von Kohle, Öl und Gas ausgeschlossen werden kann. Noch vor zehn Jahren war das nicht so klar.
Also keine Entwarnung beim Klimawandel?
Nein. Das neue Worst-Case-Szenario geht von 3.5 Grad Erwärmung bis zum Jahr 2100 aus – anstelle von 4.8 Grad im alten. Doch auch 3.5 Grad Erwärmung hätten fatale Folgen. Die Staatengemeinschaft hat ja nicht zufällig, sondern auf Basis der Wissenschaft, in Paris 2015 vereinbart, die Erderwärmung auf unter 2 Grad, möglichst auf 1.5 Grad zu begrenzen. Grundsätzlich geht die Wissenschaft heute bei 3.5 Grad von sehr viel gravierenderen Auswirkungen aus, als noch vor zehn Jahren. Die Auswirkungen des neuen Worst-Case-Szenarios wären wohl ungefähr gleich verheerend, wie sie vor zehn Jahren vom alten Worst-Case-Szenario erwartet worden waren.
Auch das optimistischste Szenario wurde gestrichen – was heisst das?
Die Wissenschaft weiss immer genauer, wohin wir beim Klimawandel steuern. Und so hat sich in den letzten zehn Jahren die Bandbreite von plausiblen künftigen Entwicklungen verengt. Was das bisherige Best-Case-Szenario betrifft, ist es so, dass die Treibhausgasemissionen bisher viel zu wenig stark vermindert wurden. Folge: Die 1.5-Grad-Grenze ist wohl schon bald überschritten. Neu rechnet die Wissenschaft aber mit einem sogenannten Overshoot-Szenario: Dabei wird die 1.5-Grad-Marke zwar gerissen, könnte später aber auch wieder unterschritten werden – dank radikaler Klimamassnahmen und indem man der Atmosphäre CO₂ entzieht. Klar ist: Je geringer die Erwärmung ausfällt, desto weniger schwerwiegend werden die Folgen sein.